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Bücher

Der Chamisso-Preisträger Michael Stavarič

Als Kind kam Michael Stavarič nach Österreich. Er sprach kein Wort Deutsch. Nun erhält er den Chamisso-Preis, weil er die deutschsprachige Literatur auf originelle Weise bereichert hat. Ein Porträt.

Der Anfang war hart. Michael Stavarič, geboren 1972 im tschechischen Brünn, kam als kleiner Junge nach Österreich, zusammen mit seiner Familie. Die Stavarics ließen sich in Laa an der Thaya nieder, einem 6000 Einwohner-Städtchen an der tschechisch-österreichischen Grenze. "Meine Beziehung zur deutschen Sprache war natürlich von Krisen geprägt", erinnert sich Stavarič. "Ich konnte ja nicht einmal ein Glas Limo bestellen, als ich nach Österreich kam. Ich konnte buchstäblich kein Wort Deutsch." Das änderte sich, als Stavarič in die Schule kam. Dort musste er schnell Deutsch lernen. "Das ging gar nicht anders, ich hatte ja tagtäglich mit anderen Kindern zu tun."

Ankunft in einer neuen Muttersprache

Der Chamisso-Preis, seit 1985 verliehen, erinnert an den Franzosen Adelbert von Chamisso, der Frankreich 1792 verließ und sich auf der Flucht vor den Wirren der Revolution in Berlin niederließ. Hier brachte es Chamisso, der auf Deutsch zu dichten begann, zu einem der bedeutendsten Vertreter der deutschen Romantik. Jahr für Jahr wird der Chamisso-Preis an Autorinnen und Autoren vergeben, deren Muttersprache zwar nicht Deutsch ist, die aber dennoch auf Deutsch schreiben. Zu den bisherigen Preisträgern zählen der Syrer Rafik Schami, die Japanerin Yoko Tawada und der türkischstämmige Autor Feridun Zaimoglu.

Wie die Genannten ist auch Michael Stavarič ein Beispiel für "geglückte Integration". Der junge Tscheche absolvierte Schule und Studium in Österreich, mit 28 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband, und mit 34, nach mehreren Übersetzungen aus dem Tschechischen, erschien sein erster Roman in deutscher Sprache: "Stillborn". "In der Tat ist das Deutsche für mich zur Muttersprache geworden", sagt Stavaric heute.

Spiel mit der deutschen Sprache

Fünf Romane hat der 40-Jährige bisher veröffentlicht, und alle polarisierten das Publikum. Für die einen sind Stavaričs Bücher "unlesbar", der Autor wolle sich um jeden Preis als Avantgarde-Schriftsteller profilieren und artikuliere sich in einer unverdaulichen "Holperschreibe". Für die anderen ist Stavarič eines der herausragenden Talente der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, ein origineller Prosaist, der die Syntax des Deutschen anders auffasse als andere Autoren.

Portrait de Adelbert de Chamisso (1781 - 1838) - in Les Contemporains, s.d. fin 19ème siècle.

Adelbert von Chamisso (1781 - 1838), der Namensgeber des Preises

Als "experimenteller Autor" sieht sich Stavarič dennoch nicht. "Experimentell, dieses Wort darf man heute ja gar nicht mehr in den Mund nehmen, sonst findet man nie wieder einen Verlag." Stavarič sieht sich vielmehr als lustvollen Sprachspieler, der das Deutsche mit anderen Augen betrachtet, als Autoren aus München, Berlin oder Hamburg das gemeinhin tun. "Autoren mit nicht-deutscher Muttersprache bringen Elemente ins Deutsche hinein - und das führt mich zu Chamisso zurück -, die die Sprache erneuern oder hinterfragen oder herausfordern. Das finde ich interessant."

Ein Österreicher durch und durch

Leicht zu lesen sind Stavaričs Bücher dennoch nicht. Ein Roman, dessen Handlung man nacherzählen könne, sei nichts wert, behauptet Stavarič immer wieder, in Anlehnung an seinen Landsmann Milan Kundera. Er habe zwar nichts gegen konventionell erzählte Literatur, aber trotzdem glaube er, dass traditionelle Erzählformen ein viel zu starkes Übergewicht in den letzten zehn, zwanzig Jahren bekommen hätten. Bei den Verlagen, den Kritikern und nicht zuletzt den Lesern zähle nur noch, was sich in eingängige Plots packen lasse, beklagt Stavarič.

Mit seinem sprachspielerisch-avantgardistischen Zugang sieht sich der Schriftsteller selbst in einer eindeutig österreichischen Literatur-Tradition. Von H. C. Artmann über Ernst Jandl und den Sprachexperimenten der "Wiener Gruppe" scheint ein direkter Weg zum Chamisso-Preisträger des Jahres 2012 zu führen. "Doch ja", meint Stavarič: "Ich bin ein österreichischer Autor. Ich sehe mich ganz und gar in dieser Tradition. Österreichischer als ich kann man wahrscheinlich gar nicht sein."

Autor: Günter Kaindlstorfer
Redaktion: Gabriela Schaaf

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