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Kultur

Der "Cóndor": Wochenzeitung auf deutsch

Seit über 75 Jahren gibt es in Chile die deutschsprachige Wochenzeitung "Cóndor", aber sie braucht dringend jüngere Leser. Doch die Nachfahren der Auswanderer lernen und lesen lieber Spanisch.

Eine kleine Seitenstraße im vornehmen Zentrum Santiagos: Eine graue, unscheinbare Villa, umgeben von einem Eisenzaun, die Fenster sind vergittert. Auf einem Schild steht "Cóndor – chilenische Wochenzeitung in deutscher Sprache". Oben, im ersten Stock, stellt Redaktionsleiter Arne Dettmann seinen Kaffeebecher auf den Schreibtisch. "Den Cóndor gibt es schon seit 1938", erzählt der in Hamburg geborene Journalist. Die Wochenschrift ist sogar die drittälteste Zeitung des Landes.

Internationales mit Lokalkolorit

Dettmann arbeitet seit 2005 für den "Cóndor", zunächst als Redakteur. Seit 2011 ist er Redaktionsleiter - großgewachsen, mit wachem Blick und Dreitagebart. Locker gekleidet kommt er hinter seinem Schreibtisch hervor, in kariertem Hemd und beigefarbenen Sakko, die schütteren langen Haare nach hinten gekämmt Er spricht schnell, zuvorkommend und freundlich und erzählt mit der Begeisterungsfähigkeit, die einen Chefredakteur von Berufs wegen auszeichnen muss. In seinem Büro hängen alte "Cóndor"-Artikel an den Wänden, Postkarten vom Münchner Oktoberfest und kubistischen Kunstperformances.

Türschild der Redaktion Condor (Foto: M.Marek/DW)

Türschild der Redaktion in Santiago de Chile

Die Redaktion besteht aus einem kleinen Team: drei Redakteure, zwei Graphikerinnen und zwei Praktikanten aus Deutschland, die Journalistik studieren: "Die jungen Journalisten bringen immer frischen Wind in die Redaktion, weil sie neue Ideen haben und ein aktuelles Deutschland-Bild vermitteln," erzählt Dettmann. Die Zeitung wird für die rund 250.000 Deutsch-Chilenen gemacht, die in Chile leben – vor allem im Süden und im Ballungszentrum der Hauptstadt Santiago. Finanziert wird der "Cóndor" fast ausschließlich durch das Anzeigengeschäft. Der Abonnementspreis deckt gerade einmal die Verteilungskosten.

Früher: Sprachrohr der Einwanderer

Herausgegeben wird der "Cóndor" vom Deutsch-Chilenischen Bund, einer Organisation deutsch-chilenischer Institutionen mit Sitz in Santiago de Chile. Mit dem Namen drücke sich eine Verbundenheit aus, erklärt Dettmann - eine Anspielung auf den südamerikanischen Greifvogel, der das Landeswappen schmückt. Chile war seit Mitte des 19. Jahrhunderts Einwandererland, und "da haben die Deutschen natürlich auch Zeitungen gegründet," fügt er hinzu.

Der "Cóndor" hat aktuell eine Auflage von 7.000 Exemplaren, auf Deutschland übertragen entspräche das 35.000 Zeitungen. Nicht viel, aber immerhin erreiche die Wochenzeitung durchschnittlich etwa 20.000 Leser, sagt Dettmann - von Patagonien über die Osterinsel bis hin zur Atacama-Wüste im Norden des Andenlandes. "Wir haben chilenische Themen wie Kommunal- und Präsidentschaftswahlen. Und wir berichten über außergewöhnliche Ereignisse, zum Beispiel die Rettung der 33 Minenarbeiter oder eine Großinvestition von E.ON".

Natürlich dürfe die internationale Berichterstattung nicht fehlen, aber wichtig sei vor allem "Lokalkolorit": Regelmäßig stehen Artikel über die deutsch-chilenischen Institutionen im Blatt wie den deutschen Andenverein oder den deutschen Männerchor Frohsinn. Aber auch Sport und Tourismus stehen im Fokus der Wochenzeitung - neben Meldungen und Reportagen aus Chile, Deutschland und Europa: Über koedukative Erziehung bei Kindern wird berichtet und über das deutsche Schulsystem. Und aktuell natürlich über die Fußball-Weltmeisterschaft.

Zögerliche Vergangenheitsbewältigung

Arne Dettmann, Chefredakteur der deutschen Wochenzeitung (Foto: DW/M. Marek)

Arne Dettmann, Chefredakteur des "Cóndor"

"Eine Hauptaufgabe des Cóndor ist neben der Informationsvermittlung auch die Pflege der deutschen Sprache," sagt Dettmann. Die Leserstruktur sei eher konservativ, was historische Gründe auch in den Gründungsjahren habe. Viele Leser seien damals wie heute "eher der Pinochet-Regierung zugewandt, als der demokratischen Allende-Zeit", räumt der Chefredakteur kritisch ein.

Das war auch in der Redaktion so: Während der 16-jährigen Militärdiktatur wurde nicht nur in Leserbriefen, sondern auch im redaktionellen Teil offen Sympathie für General Pinochet bekundet. Der "Cóndor" war deshalb damals von der Pressezensur in Chile nicht betroffen. Bis in die 1990er Jahre blieben Themen wie die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in Deutschland oder mit den schweren Menschenrechtsverbrechen der Pinochet-Diktatur im Blatt ein Tabu.

Das Hauptproblem dieser Zeitung sei, jüngere Leser zu gewinnen, erklärt Chefredakteur Dettmann. Er hält das für einen relativ "aussichtslosen Kampf": mit iPhone, Facebook und Twitter könne man nicht mithalten, was kurze Berichte angeht. Im Internet sei der "Cóndor" sogar kostenlos vertreten, aber das könne die Printausgabe nicht ersetzen. Zusätzlich bringt der "Cóndor" Spezialausgaben heraus, die für das wirtschaftliche Überleben der Zeitung sehr wichtig sind: mit Themen, wie "Die Deutsche Einheit" oder "Erneuerbare Energien". Zweimal im Monat gibt es eine doppelseitige Sonderbeilage "Cóndor Junior", um Kindern und Jugendlichen spielerisch die deutsche Sprache nahezubringen.

Gesucht werden jüngere Leser

Wochenzeitung Cóndor (Foto:DW/M. Marek)

Die Onlineausgabe ist kostenlos im Netz

Es ist Mittwochnachmittag. Der "Cóndor", der immer freitags erscheint, muss heute fertig werden. Dettmanns Handy klingelt, ein Interview beim deutschen Botschafter steht an. Einige der erfolgreichsten Unternehmer des Landes seien Deutsch-Chilenen, erzählt der Chefredakteur. Der Unterschied zwischen deutschen und chilenischen Medien? Sich selbst in Frage zu stellen, das entspräche nicht der chilenischen Mentalität, antwortet er.

"Das ist auch das große Plus vom "Cóndor". Wir sind kritischer als manche chilenische Medien. Wir hinterfragen mehr." Wenn man beispielsweise bei einem chilenischen Wirtschaftverband anfrage, bekämen Journalisten wenig verlässliche Daten. Für Recherchen zu heiklen Themen brauche es deshalb jede Menge Geduld und Ausdauer. Ob der "Cóndor" allerdings mit diesem Anspruch noch in Zukunft durch die chilenische Presselandschaft fliegen wird, scheint ungewiss. Seit Jahren geht der Gebrauch der deutschen Sprache in Chile zurück. Die jüngeren Nachfahren deutschstämmiger Familien lernen inzwischen lieber Spanisch, sagt Dettmann mit deutscher Skepsis im Blick.

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