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Kultur

Der Brexit bedroht die Kultur

Lange herrschte Funkstille zum drohenden EU-Austritt der Briten. Jetzt scheint der "Brexit" auch in den Köpfen der Kulturschaffenden anzukommen. Für sie steht einiges auf dem Spiel.

Schlussmachen tut weh – sowohl dem, mit dem Schluss gemacht wird, als auch dem Schlussmacher selbst. Das lernen die jugendlichen Zuschauer von "ichmagdicheinfachnichtmehrso". Das Stück hatte letzte Woche am

"Theater Junge Generation"

(tjg) in Dresden Premerie. Die Botschaft: Wer eine Beziehung aufkündigen will, sei es per SMS oder gleich in Sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Whatsapp, der sollte den richtigen Ton treffen. Das gilt für ein Jugendtheater, das mit anderen Theatern in Europa zusammenarbeitet und dafür Geld von der europäischen Union erhält. Das gilt auch für die große politische Bühne.

Verarmt der Kulturaustausch mit dem Vereinigten Königreich? Versiegen EU-Gelder für Theater-, Film- und Kunstprojekte? Droht gar ein kultureller Bruch mit dem Kontinent, falls Großbritannien die EU verlässt? Bange Fragen waren es, die fast 300 britische Kulturschaffende unlängst zur Feder greifen ließen. In einem offenen Brief, der auf der Titelseite der Londoner Tageszeitung "The Guardian" erschien, forderten sie den EU-Verbleib ihres Landes. Ein Brexit gefährde den weltweiten Erfolg britischer Kultur und dränge sie ins Abseits, fürchten die Unterzeichner, darunter Prominente wie der Regisseur Steve McQueen, die Schriftsteller John le Carré und Ian McEwan, der Architekt David Chipperfield, die Modeschöpferin Vivienne Westwood oder auch der Künstler Anish Kappor.

Rote Signalfarbe trägt die Stimmkarte für das EU-Referendum in Großbritannien. Foto: picture-alliance/empics/PA Wire/Y. Mok

Stimmkarte für das EU-Referendum in Großbritannien

Ihr Vorstoß blieb nicht unwidersprochen. "Lächerlich", nannte ihn etwa der Guardian-Kolumnist Simon Jenkins. Das Gros der Filmleute arbeite schließlich in Hollywood und somit außerhalb der EU. Ihr Brief sei "von Wirtschaftsinteressen geleitet". Was keineswegs abwegig ist: John Sorrell von der regierungsunabhängigen Vereinigung "Creative Industries Federation" (CIF) rechnete vor, die Leistungen der Kulturschaffenden seien zwar wichtig für das Image Großbritanniens in der Welt. Vor allem aber trügen sie 84,1 Milliarden Pfund zur britischen Wirtschaft bei. Europa ist, einer CIF-Studie zufolge, Englands größter Exportmarkt im Kulturbereich. Und doch dreht sich die britische Brexit-Debatte nur zum Teil um die Kulturwirtschaft, zu der auch Kunsthandel und Fernsehmarkt zählen.

Es geht um viel Geld

Es geht um viel Geld, auch für den grenzüberschreitenden Kulturbetrieb. Mit 1,46 Milliarden Euro fördert Brüssel internationale Kultur- und Filmprojekte in der Gemeinschaft allein zwischen 2014 und 2020. Das EU-Programm "Creative Europe" ist, wie Beraterin Katharina Weinert vom "Creative Europe Desk Kultur" in Bonn erläutert, Europas Kulturfördertopf. Hinzu kommen milliardenschwere Strukturhilfen. Von den EU-Geldern profitiert beispielsweise das Jugendtheater-Projekt "Platform Shift Plus", an dem das Dresdner "Theater Junge Generation" gemeinsam mit britischen, norwegischen, italienischen und anderen europäischen Bühnen mitwirkt. Ob ein Brexit zum Stopp laufender Projekte mit britischer Beteiligung führen würde? Nein, heißt es zumindest in Dresden. Doch wird darüber die EU-Kommission im Falle eines Brexit zu diskutieren haben.

Porträtaufnahme von Eckart Köhne, dem Präsidenten des Deutschen Museumsbundes. Foto: Uli Deck / Badisches Landesmuseum

Eckart Köhne, Präsident des Deutschen Museumsbundes

Nicholas Kenyon, Managing Director des Barbican-Kulturzentrums in London, verweist in der "Neuen Zürcher Zeitung" auf die finanziellen Folgen eines Brexit. Im Jahr 2008 sei Liverpool als Europäische Kulturhauptstadt in den Genuss von EU-Geldern gekommen, erinnert er. Viele bekannte Filme, darunter "The King's Speech", "The Iron Lady" und "Slumdog Millionaire" wären ohne Geld vom Festland nicht denkbar gewesen. Eine Reihe von EU-Fördertöpfen werde sich schließen, warnt Kenyon.

Signal gegen die Kultur?

Mit Sorge blickt schon jetzt Eckart Köhne, Präsident des

Deutschen Museumsbundes

, einem drohenden Brexit entgegen. "Die Zusammenarbeit über Grenzen war immer ein großes Anliegen gerade der Kultur", sagt er im DW-Gespräch, "wenn man die jetzt einschränkt, ist das gar nicht gut." Vor allem aber wäre der Brexit ein "Signal gegen die Kultur". Kultur funktioniere längst global und grenzüberschreitend. Sich von dieser Idee zu verabschieden, wäre ein Rückschritt und passe nicht zu Kultur. Für deutsche Museen würde es schwieriger, EU-Förderung für Kooperationsprojekte zu bekommen, befürchtet Köhne. Wegen verschärfter Zollbestimmungen rechnet er mit Einschränkungen für den Leihverkehr zwischen den Ausstellungshäusern.

Porträt von Martin Roth, der das Londoner Victoria & Albert Museum leitet.

Martin Roth leitet das Londoner Victoria & Albert Museum

Neben Hartwig Fischer, der das British Museum leitet, steht auch Martin Roth als Deutscher an der Spitze einer ehrwürdigen britischen Institution - dem

Victoria & Albert Museum in London

. Er hält den Brexit für eine schreckliche Vorstellung. "Für mich war Europa immer Hoffnung auf eine bessere und friedensvolle Zukunft, mit Teilen, Solidarität und Toleranz", so Roth. Ein Ausstieg aber bedeute Abschottung. "Allein dass wir über einen Brexit reden müssen", sagt er im DW-Gespräch, sei eine "Katastrophe". Zwar werde Großbritannien Teil der europäischen Kultur, Identität und Kultur bleiben. Doch werde die Politik das erschweren. "Dieses Spannungsverhältnis zwischen Kultur und Politik macht mir Sorgen." Längerfristig werde ein Brexit die Kulturwelt hart treffen, glaubt der Museumsmanager. Viele Brexit-Befürworter bedächten nicht die Folgen: "Wovon reden wir eigentlich? Von Steuern, Zöllen, Visa? Oder von Arbeitserlaubnissen für britische Künstler in anderen Ländern? Muss man von Berlin ausreisen, wenn man dort als englischer Künstler lebt?", fragt Roth.

Szenenbild des Theaters Junge Generation in Dresden. Foto: tjg. theater junge Generation

Szene aus #ichmagdicheinfachnichtmehrso am Theater Junge Generation in Dresden

Brexit-Streit fragt nach Identität

Großbritannien sei ein "absolut offenes Land", meint Roth. Diese Offenheit sei kaum bedroht. "Sorgen mache ich mir eher um das, was sich inhaltlich ändert, etwa die Identität im Land!" In der Tat stellt sich in der Brexit-Debatte die Gretchenfrage nach der britischen Identität: "Ist sie das Dach für eine multikulturelle Gesellschaft", fragte kürzlich der Schweizer Historiker und Journalist Martin Alioth, ein Kenner Großbritanniens, "also für die einheimischen Identitäten der Engländer, Schotten, Waliser und Nordiren ebenso wie für pakistanische, karibische, indische und neuerdings polnische Einflüsse?"

Brexit-Befürwortern schwebe eine Alternative zum europäischen Kulturaustausch vor, beobachtet Alioth. Diese sei insular und gobal zugleich, einerseits selbstgenügsam und gestützt auf das englisch-britische Selbstbild. Zum andern sei sie global, weil man sich als Bestandteil der anglophonen Welt verstehe, die von Vancouver über Kapstadt nach Sidney und Delhi reicht. "Da braucht es den europäischen Kontinent nicht, dessen Strände man zwar mag, aber dessen Kultur den wenigsten vertraut ist", konstatiert der Schweizer im Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). Britische Kultur werde erfolgreich exportiert, vor allem Popmusik und Belletristik.

Die Welt sei auf interkulturellen Austausch angewiesen, sagt auch Norbert Seidel vom Dresdner Theater Junge Generation, das sich der - raren - zeitgenössischen Dramatik für Jugendliche verschrieben hat. "Ohne EU-Fianzierung wäre unser Projekt tot!". Erst jetzt fällt ihm auf, wie aktuell die Dresdner Inszenierung doch ist. Denn beim Schlußmachen per Handy ist es wie beim Brexit: Mit einem schnell getippten "Es ist vorbei" ist die Beziehung meistens noch lange nicht zu Ende. Die Briten stimmen am 23. Juni über den EU-Verbleib ab.

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