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Musik

Der braune Schatten der Wiener Philharmoniker

Bis dato unbekannte Details über Nazi-Kollaborateure und das Schicksal jüdischer Musiker bei den Wiener Philharmonikern wurden nun von Historikern aufgedeckt.

Musikliebhaber müssen oft jahrelang warten, um eine der heiß begehrten Konzertkarten des berühmten Orchesters zu ergattern. Die Nachfrage beim Neujahrskonzert ist so groß, dass Eintrittskarten gar im Losverfahren verkauft werden. Diese traditionelle Veranstaltung wird alljährlich von rund 50 Millionen Fernsehzuschauern rund um den Globus verfolgt.

Doch es liegen auch Schatten über der glanzvollen Geschichte der Wiener Philharmoniker. Viele Jahre lang habe das Orchester versucht, seinen Namen reinzuhalten, sagte der Schweizer Fritz Trümpi der DW im Interview. Er ist einer von drei Historikern, die die Geschichte des Orchesters im II. Weltkrieg unter die Lupe nahm. Da die Wiener Philharmoniker kein Staatsorchester sind, fühlten sie sich lange nicht verpflichtet, ihre Vergangenheit zu durchforsten und offen zu legen - so wie es zahlreiche österreichische Kunstgalerien, Museen und die Akademie der Wissenschaften vorgemacht hatten.

Im Visier der Öffentlichkeit

Nicht alle Politiker - allen voran Harald Walser von den Grünen - wollten sich jedoch damit abfinden. Sie forderten, eine unabhängige Kommission möge das Verhalten der Wiener Philharmoniker im "Dritten Reich" untersuchen. Das Ergebnis der Studie erschien zum 75. Jahrestag des Einmarsches deutscher Wehrmachts-, SS- und Polizeieinheiten in Österreich am 12. März 1938, dem sogenannten Tag des "Anschlusses". "Der öffentliche Druck auf das Orchester wurde so groß, dass es die Karten offen legen musste", sagte Trümpi.

Der Historiker Oliver Rathkolb

Der Historiker Oliver Rathkolb ist ein Expert für österreichische Geschichte des 20. Jahrhunderts

 

Drei Historiker unter Leitung des Wiener Geschichtsprofessors Oliver Rathkolb brachten Licht ins Dunkel: Sie kamen dem Schicksal jüdischer Musiker auf die Spur, wiesen die Mitgliedschaft von zahlreichen Nazis im Orchester nach und klärten die Übergabe eines "Ehrenrings" an einen verurteilten Kriegsverbrecher.
"Wir haben im Keller, wo normalerweise Musiknoten archiviert werden, neue Belege gefunden", erklärte Oliver Rathkolb im österreichischen Radio. "Ein Orchestermitglied hat uns darauf aufmerksam gemacht."

Erschütternde Erkenntnisse

Die Dokumente, die sich in den Katakomben tief unter dem Wiener Opernhaus fanden, klärten unter anderem das Schicksal jüdischer Orchestermitglieder auf. Als die Nazis 1938 die Macht in Österreich ergriffen, so Historikerin Bernadette Mayrhofer, wurden 13 Musiker fristlos entlassen, weil sie entweder Juden waren oder mit ihnen verheiratet. Die Geschichte jedes einzelnen dieser Künstler, die man jetzt auf der Homepage der Wiener Philharmoniker nachlesen kann, bietet eine erschütternde Lektüre.

Fünf Musiker wurden in Konzentrationslagern ermordet; ein weiterer starb, als Nazischergen seine Wohnung stürmten. Keiner der Überlebenden des Holocausts kehrte je wieder zum Orchester zurück. Bei ihren Nazi-Kollegen hingegen sah die Sache anders aus.

Der "Ehrenring"

60 der 123 aktiven Philharmoniker, so belegen Dokumente, gehörten im Jahr 1942 der Nazi-Partei an - damit lag der Prozentsatz der Mitglieder weit höher als in der österreichischen Bevölkerung und über den bis dato geschätzten Zahlen. Der Trompeter Helmut Wobisch gehörte sogar Hitlers berüchtigter Waffen-SS an. Zwar wurde er 1945 entlassen, konnte aber schon wenige Jahre später seine Karriere wieder aufnehmen. Wobisch brachte es bis zum Geschäftsführer der Philharmoniker und spielte somit eine Schlüsselrolle in der unrühmlichen Nachkriegsgeschichte des Orchesters.

Noch während des Krieges überreichten die Wiener Philharmoniker Wiens nationalsozialistischem Gouverneur Baldur von Schirach den sogenannten "Ehrenring". Die hohe Auszeichnung ging damit an einen Mann, der für die Deportation von Tausenden von Juden verantwortlich war. Nach Kriegsende kam von Schirach vor Gericht und wurde zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

Der deutsche Politiker (NSDAP) Baldur von Schirach, aufgenommen in der Zeit des Nationalsozialismus.

Von Schirach wurde 1946 bei den Nürnberger Prozessen verurteilt

Den Ring verlor er, aber sein Sohn gab an, dass sein Vater 1960, nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, von einem unbekannten Orchestermitglied einen Ersatzreif erhielt. Jetzt kamen Historiker zu dem Schluss, dass es wohl der Trompeter und Ex-Nazi Helmut Wobisch war, der die Replik für von Schirach in Auftrag gab. Die Geschichtsexperten betonen dabei ausdrücklich, dass Wobisch wohl auf eigene Faust gehandelt habe und nicht auf Betreiben des Orchesters.
.Nicht mal das wichtigste Ereignis bei den Wiener Philharmonikern, das weltberühmte Neujahrskonzert, kann sich von Nazi-Spuren freisprechen. Laut Oliver Rathkob wurde es im Dritten Reich als Propagandakonzert eingeführt, da die Nationalsozialisten Unterhaltung gern als strategisches Mittel einsetzten.

Die Arbeit der Historiker ist noch nicht abgeschlossen. Man habe ihnen gerade mal zwei Monate Zeit gegeben, monieren sie, ihren Bericht vorzulegen. Dieser wurde jetzt auf der Homepage veröffentlicht. Doch sie kündigten an, weitere Erkenntnisse an die Öffentlichkeit zu bringen. "Das Wichtigste ist, den Überlebenden dieser Zeit eine Rettungsleine hinzuhalten", betonte Oliver Rathkolb. "Man muss den Menschen klarmachen, dass es hier nicht nur um gedruckte Geschichte geht, sondern dass die Geschichte ein Teil von uns ist."

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