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Politik

Der Brandherd Kaukasus bleibt

Ähnlich wie in Beslan greift die Staatsmacht auch in der Stadt Naltschik mit aller Härte durch. Das Problem Tschetschenien, das hinter diesem Terror steht, lässt sich so nicht lösen, meint Cornelia Rabitz.

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Cornelia Rabitz

Wieder ein verheerender Rebellenüberfall mit Toten und Verletzten. Wieder eine Geiselnahme. Wieder eine schockierte Zivilbevölkerung, weinende Kinder, Mütter und Väter. Wieder zunächst hilfloses, dann brutal reagierendes Militär. Erinnerungen an Beslan werden wach. Wieder ein Staatspräsident, der mit ernster Miene martialische Worte in die Fernsehkameras spricht. Wirkungslose Worte. Die Geschehnisse im nordkaukasischen Naltschik, so entsetzlich sie sind, offenbaren auch eine grausame Routine.

Nicht tatenlos zusehen

Vorab aber muss festgehalten werden: Trauer und Mitgefühl gelten den Opfern des brutalen Überfalls, Beschönigungen, Verständnis für die terroristischen Gewalttäter darf es nicht geben, schon gar keine irgendwie geartete politische Bemäntelung ihres Verbrechens. Kein Staat der Welt darf eine solche Herausforderung taten- und gedankenlos hinnehmen.

Wer weiß schon von der südrussischen Teilrepublik Kabardino-Balkarien? Niemandem, außer vielleicht einigen Experten, war bewusst, dass das Gebiet mit dem fremdartig klingenden Namen ganz nah an Tschetschenien liegt. Fassungslos erkennt die Welt an diesem Tag, dass der Krisenherd Tschetschenien längst ausstrahlt auf die gesamte Region, dass der nördliche Kaukasus droht, in Chaos und Blut zu versinken. Wer vermag die Gewalt noch einzudämmen?

Korruption, Vetternwirtschaft, verbrecherische Clans

Der Kreml und, allen voran, Präsident Wladimir Putin bleiben unterdessen dabei: Auch diese Tat sei - wie ungezählte andere Anschläge und Gewalttaten - ein Werk der islamistischen El Kaida. Dies freilich ist eine sorgfältig gepflegte, aber längst widerlegte Legende.

Die Gewalttäter sind kaukasische Akteure und entstammen keineswegs international verflochtenen Netzwerken. Die liefern allenfalls den ideologischen Hintergrund. Mag auch der eine oder andere islamistische, in Afghanistan oder Pakistan geschulte Söldner darunter sein - die Ursachen der Verbrechen sind vor allem hausgemacht. Es sind die Probleme, mit denen Russland und seine politische Führung bislang nicht fertig geworden ist - die offenkundigen Missstände vor Ort. Korruption, Vetternwirtschaft, verbrecherische Clans, hochgerüstete und zu allem entschlossene Milizen, tiefe Armut, Perspektivlosigkeit und Unterdrückung sind die Ingredienzien des Konflikts. Russland aber reagiert darauf stets nach dem gleichen Muster: mit militärischen Maßnahmen. Gewalt wird mit Gewalt bekämpft. Bis zum heutigen Tag hat es die Politik versäumt, das Übel an der Wurzel zu packen, die Ursachen zu erforschen und politisch zu bekämpfen.

Nach der Geiselnahme von Beslan vor gut einem Jahr hat es dazu erste, jedoch zaghafte Ansätze gegeben: sie sind versickert. Nicht allein wegen des eklatanten Mangels an Mut und politischer Phantasie. Man darf durchaus unterstellen, dass der Kreml kein echtes Interesse daran hat, den Konflikt in und um Tschetschenien zu befrieden, sondern ihn vielmehr instrumentalisiert für innenpolitische Zwecke. Jetzt, so scheint es, ist es ohnehin zu spät. Der Nordkaukasus ist zum Brandherd geworden.