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Kultur

Der Brachiosaurus war ein Überlebenskünstler

Das weltgrößte Saurierskelett wird zurzeit in Berlin demontiert. DW-WORLD sprach mit David Unwin über die Schwierigkeiten des Abbaus und die Geschichte des Brachiosaurus, des Pflanzen fressenden Urzeit-Riesens.

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Ein Saurier wird in seine Bestandteile zerlegt

DW-WORLD: Herr Unwin, das Naturkundemuseum besitzt mit dem Brachiosaurus das größte Saurierskelett der Welt: 12 Meter Höhe, eine Länge von 23 Metern und ein Alter von 140 Millionen Jahren. Jetzt wird der Saurier zu Restaurationszwecken abgebaut. Hat der Saurier ein kritisches Alter erreicht?

Bildergalerie Sauriersaal Naturkundemuseum Berlin 24/25

Der Sauriersaal des Naturkundemuseums Berlin vor dem Abbau

David Unwin: Der Grund, warum der Brachiosaurus und seine Freunde den Sauriersaal verlassen müssen, ist die Erneuerung des Glasdachs über dem Lichthof. Der Abbau des Brachiosaurus gibt uns zugleich die wunderbare Gelegenheit, nach 70 Jahren erstmals jeden einzelnen Knochen zu begutachten und die Erhaltung zu prüfen. Gegebenenfalls werden wir die Knochen restaurieren, konservieren, zugleich bereiten wir die Knochen für die Neuaufstellung 2007 vor.

Wie ist der Zustand der Knochen?

Sobald ein Saurierskelett wie auch jedes andere Fossil ausgegraben ist, kommt es in eine ganz neue Umwelt. Davor lag es in Stein, jetzt ist es an der Luft und so der Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen ausgesetzt, wie das auch in unserem Museum der Fall ist. Wir haben jedoch bisher gesehen, dass die Saurierknochen in einem sehr guten Zustand sind und sind sehr froh, dass unsere Saurier so gesund sind.

Welche Schwierigkeiten gibt es beim Abbau des Brachiosaurus?

Wir haben es mit einem Tonnen schweren Saurier zu tun, dessen Knochen 200 bis 300 Kilo wiegen können. Die kanadische Firma, die wir für den Abbau engagiert haben, ist jedoch auf solche Arbeiten spezialisiert. Für den Abbau des Brachiosaurus werden wir zwei Gerüsttürme aufstellen, Hebebühnen und einen Kran, um die schweren Knochen herunter zu bekommen.

Bildergalerie Sauriersaal Naturkundemuseum Berlin 01/25

Expeditionsleiter Dr. Jensch und Einheimischer bei Ausgrabungen in Tendaguru, Ost-Afrika

Der Brachiosaurus ist ein Wahrzeichen des Naturkundemuseums. Wie hat der Saurier seinen Weg nach Berlin gefunden?

Gefunden wurde er auf der so genannten Tendaguru-Expedition in Ost-Afrika, dem heutigen Tansania. Das war Anfang des 20. Jahrhunderts, in den Jahren 1909 bis 1913. Eine sehr große Expedition, die das Museum unter der Leitung von Werner Janensch und Edwin Hennig organisiert hatte, tatsächlich sogar die größte Saurier-Expedition aller Zeiten. Fast fünf Jahre lang wurden an die 250 Tonnen Dinosaurierknochen ausgegraben und zur Küste transportiert. Dann wurden sie per Schiff und per Zug bis nach Berlin transportiert. Die Arbeit war gewaltig: Die Knochen wurden von Einheimischen in Gruppen bis zu sieben Leuten von Tendaguru bis zur Küste getragen, das waren knapp 50 Kilometer. Manchmal trugen sie nur einen einzigen Knochen. Der Brachiosaurus wurde dann 1937 im Naturkundemuseum errichtet.

Wurden in Tendaguru noch andere Saurierarten gefunden?

Viele verschiedene. Was man in unseren Ausstellungsräumen sieht, ist nur ein kleiner Teil unserer Sammlung. Im Knochenkeller unseres Museums liegen noch hunderte, tausende von Dinosaurierknochen, oftmals sehr groß und sehr schwer. Das Meiste davon ist bereits präpariert.

Es gibt jedoch 2-3 Tonnen, die noch in Stein liegen und die für uns sehr interessant sind. Während wir vorher alles von Hand herauspräpariert haben, benutzen wir jetzt Säuren und kommen so an sehr kleine Knochen heran, sogar Zähne von Säugetieren, die zusammen mit den Sauriern gelebt haben. Die Säugetiere waren sehr klein, nicht größer als Mäuse oder Ratten, und das sind extrem seltene Funde. Wenn wir so etwas finden würden, wäre das eine wunderbare Überraschung.

Aus wie viel Knochen besteht der Berliner Brachiosaurus?

Alles zusammen aus gut 200 Knochen, nimmt man den Schädel hinzu, von dem wir die Kopie aufgestellt haben. Das Skelett unseres Brachiosaurus ist aus mehreren Skeletten ergänzt worden, da keines vollständig war. Fehlende Stücke haben wir, wenn es nicht anders ging, modelliert.

Bildergalerie Sauriersaal Naturkundemuseum Berlin 14/25

Der eingerüstete Brachiosaurus

Was beweist, dass es sich dabei nicht um das Fantasieprodukt eines Wissenschaftlers handelt?

Eine gute Frage (lacht). Aber es gibt noch andere Funde von Brachiosauriern: Teile wurden beispielsweise in den Vereinigten Staaten gefunden. Sie geben uns ein vollständiges Bild davon, wie der Brachiosaurus ausgesehen haben muss und wie die Teile zusammengehören. Wir haben jeden einzelnen Knochen da unten im Keller. Aber sie stammen von verschiedenen Skeletten: beispielsweise 50 Prozent eines Skeletts als Vorderteil und 50 Prozent eines anderen Skeletts als Hinterteil. Es ist relativ einfach, das alles zu vergleichen. Aber leider haben wir kein komplettes Skelett eines Individuums – die sind sehr, sehr selten in der Geschichte der Fossilfunde.

Wird der Brachiosaurus 2007 unverändert wiederaufgebaut?

Man muss betonen, dass die Wissenschaftler 1937 eine ganz hervorragende Arbeit geleistet haben. Dennoch gibt es kleine Fehler, die korrigiert werde können. Beispielsweise weiß man heute, dass Saurier beim Gehen ihren Schwanz nicht am Boden schleifen ließen. Darum werden wir jetzt den Saurierschwanz aufrichten. Und die Vorderbeine des Brachiosaurus müssen durchgestreckt sein.

Wie muss man sich den Alltag eines Brachiosaurus vorstellen?

Der Alltag eines Brachiosaurus verlief sehr langsam und langweilig. Es war ein Riesentier, das zum Überleben fressen musste, fressen und noch mehr fressen: alle fünf Sekunden Blätter, Äste. Berechnungen nach fraß er mindestens sechzehn Stunden am Tag. Daraus bestand sein Alltag: Fressen und wenig Bewegung, denn er bewegte sich sehr langsam. Seinen Lebensraum teilte sich der Brachiosaurus mit Schildkröten, Krokodilen, Flugsauriern, Eidechsen und Fischen. Eine ganze Gemeinschaft von Lebewesen: Pflanzen fressende Saurier, aber auch Raubsaurier, das heißt Fleisch fressende Saurier, mittelgroße und kleine. Der Brachiosaurus hat in Herden von zehn, zwanzig Tieren gelebt – ein fantastisches Bild, dieses Tier, das alles fraß und was es nicht fraß unter den Füßen zertrampelte.

Die technische Evolution kennt nur eine Richtung: kleiner, leistungsfähiger, smarter. Woran krankte der Brachiosaurus?

Was darauf antworten? (lacht) Häufig wird der Dinosaurier als eine erfolglose Spezies dargestellt, da sie am Ende ausgestorben ist. Das ist natürlich totaler Quatsch. Der Dinosaurier war extrem erfolgreich, er hat über 140 Millionen Jahre überlebt. Wir, die Menschen, vielleicht eine halbe Million. Die Artenvielfalt der Saurier war darüber hinaus sehr groß. Der Brachiosaurus hat mindestens 20-40 Millionen Jahren überlebt und sich weiter entwickelt. Das heißt, er war seinem Lebensraum optimal angepasst.

Dr. David Unwin ist Saurier-Experte am Naturkundemuseum Berlin

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