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Europa

Der Brückenbauer Tadeusz Mazowiecki

Der ehemalige polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki gilt als einer der Architekten der Normalisierung der Beziehungen zwischen Deutschland und Polen. Jetzt wurde er 85 Jahre alt.

Polens ehemaliger Premierminister Tadeusz Mazowiecki (ddp images/AP Photo/Alik Keplicz)

Polens ehemaliger Premierminister Tadeusz Mazowiecki

Deutsche Welle: Herr Mazowiecki, die deutsch-polnische Verständigung lag Ihnen immer sehr am Herzen. Das war besonders in den Jahren 1989/1990 so, als Sie Helmut Kohl von der Wichtigkeit der endgültigen Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze durch Deutschland überzeugt haben. Warum hatten Sie es zu diesem Zeitpunkt so eilig?

Tadeusz Mazowiecki: Ich war der Meinung, dass es ein riesengroßer Fehler wäre, diese Anerkennung zu verschieben. Ich habe damals Druck auf Helmut Kohl gemacht, weil die Deutschen immer argumentiert haben, der Grenzvertrag würde nach einem Friedensabkommen folgen. Dabei wussten alle schon, dass es kein Friedensabkommen geben wird. Da die CDU - damals die stärkste politische Partei in Deutschland - die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch Willy Brandt 1970 nicht bestätigen wollte, ist diese Frage angesichts der deutschen Wiedervereinigung für Polen zur Grundsatzfrage geworden.

Wollte Helmut Kohl das nicht einsehen?

Bundeskanzler Helmut Kohl und der polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki (Foto: Martin Athenstädt(c) dpa)

"Wir hatten unterschiedliche historische Aufgaben" - Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki

Wir hatten zu diesem Zeitpunkt unterschiedliche historische Aufgaben. Sein Auftrag war die deutsche Wiedervereinigung. Mein Auftrag war die Bestätigung der polnischen Westgrenze und die Weiterentwicklung der guten Beziehungen zu Deutschland. Helmut Kohl sagte mir damals, dass er meine Meinung teile, aber wegen der innenpolitischen Lage und der Wahlen nicht gleich offen darüber sprechen könne. Schon während des ersten Treffens in Warschau, kurz nach dem Mauerfall, sagte er: "Ja, aber später". Und ich sagte zu ihm, dass "später" immer irgendwelche Wahlen kommen würden, dass nicht nur er, sondern auch ich innenpolitische Schwierigkeiten hätten, und dass wir eine historische Chance verpassen würden, wenn wir die Grenze nicht gleich regeln. Die internationale Gemeinschaft gab uns damals Recht. Ohne die Anerkennung der Grenze hätte es kein festes Fundament gegeben, auf dem man die guten Beziehungen hätte aufbauen können.

Wenn es um die deutsch-polnischen Beziehungen geht, appellieren Sie immer wieder an die gegenseitige Sensibilität. Welche Themen erfordern von Deutschen und Polen einen besonders sensiblen Umgang miteinander?

Unsere Beziehungen sind durch die Geschichte so belastet, dass man sie immer noch leichter kaputtmachen als aufbauen kann. Deshalb müssen wir in der Überwindung der Geschichte einen tieferen Sinn erkennen. Nur so kann Europa, das ein sehr komplexes Gebilde von Völkern ist, auf Dauer friedlich zusammenleben. Die Deutschen dürfen nie vergessen, wer den Zweiten Weltkrieg angefangen hat - dass alles, was danach kam, die Folge davon ist. Und die Polen sollten daran denken, dass viel Unschönes bei den Zwangsumsiedlungen der Deutschen geschehen ist. Deshalb müssen die Polen ihren Schmerz verstehen.

Anfang der 1990er Jahre setzten Sie sich als Sondergesandter der Vereinten Nationen für das gegenseitige Verständnis auf dem Balkan ein. Wie sehen Sie die Entwicklung aus heutiger Sicht?

Die Gräber der Ermordeten in Srebrenica (Foto: EPA/FEHIM DEMIR)

In Srebrenica haben serbische Soldaten etwa 8000 Muslime umgebracht

Die damalige Lage auf dem Balkan war ein Beispiel dafür, wie man die Geschichte negativ instrumentalisieren kann. Wie man statt Feindschaften zu überwinden, sie gegenseitig verstärken kann. Heute ist der Krieg zu Ende, aber das Zusammenleben der Völker scheint mir immer noch nicht ideal. Ich freue mich, dass Kroatien EU-Mitglied wird, aber die Lage in Bosnien macht mir Kummer. Für das Land ist die EU-Mitgliedschaft die einzige Perspektive, die ein friedliches Miteinander ermöglichen kann.

Damals nach dem Massaker von Srebrenica legten Sie Ihr UNO-Mandat nieder. Warum haben sie das getan?

Ich war der Meinung, dass ich den Menschen nur helfen kann, indem ich meinen Protest politisch demonstriere. Es war ein Protest gegen die Passivität der internationalen Gemeinschaft, ein Protest gegen das, was damals in Bosnien geschah. Srebrenica war eine Sicherheitszone. Ich fand auch, dass es diese Zonen geben sollte. Aber keiner konnte sie schützen und man hat nur ratlos zugesehen. Ich hatte damals unzählige Berichte geschrieben, weil ich den Menschen helfen wollte. Aber irgendwann musste ich einsehen, dass ich ihnen so nicht helfen kann. Deshalb legte ich mein Mandat aus Protest nieder. Und ich bin der Meinung, dass es die richtige Entscheidung war.

Tadeusz Mazowiecki wurde 1989 der erste polnische Ministerpräsident nach dem Zweiten Weltkrieg, der nicht der kommunistischen Partei angehörte. Nach seinem Scheitern bei den Präsidentschaftswahlen von 1990 trat er als Regierungschef zurück. Von 1992–1995 wirkte er als Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen in Bosnien und Herzegowina.

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