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Kultur

Der Boom der Klingeltöne

Popsongs als Klingeltöne - ein Boom mit Folgen. Labels fordern ihre Künstler auf, ihre Refrains kurz zu halten, um diese klingeltontauglich zu machen.

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Real-Music-Sounds - Popmusik aus dem Handy

Das Handy wird immer mehr zur mobilen Musikbox. Ein Trend, der vor allem Netzbetreiber und Anbietern von Klingeltönen gute Geschäfte beschert. "Wir gehen davon aus, dass allein in Deutschland in diesem Jahr rund 200 Millionen Euro mit Klingeltönen umgesetzt werden", sagt Tilo Bonow vom Berliner Internetportal Jamba. Der Anbieter ist Marktführer in Europa und hat 2003 rund 10 Millionen Titel zum Preis von 1,99 Euro verkauft.

Tom Lang, der Erfinder des legendären Hippo-Songs von Jamba, hat dieses Jahr den größten Erfolg seiner Musiklaufbahn geschrieben. Der 30 Sekunden lange Jingle verkaufte sich wie warme Semmeln - aber nicht im Plattenladen, sondern als Klingelton. Und weil der Track so gut ankommt, hat die Hamburger Plattenfirma Kontor hat den Track remixt und auf Platte gepresst.

Klingelton-Boom

Teenager mit Mobiltelefon Handy in Amerika

Handyklingeltöne erfreuen sich wachsender Beliebtheit, besonders in der Schule

Unter Kindern und Jugendlichen ist das "Tunen" ihrer Handys schon lange Kult. Ein teures Vergnügen: Die unterschiedlichen Anbieter verlangen bis zu 3 Euro für die Töne.

Während das Geschäft für die Musikverlage bereits ein "substanzielles Volumen mit siebenstelligen Summen ausmacht", wie der Musikanwalt Thorsten Siefert sagt, waren die Plattenfirmen bisher weitestgehend außen vor. Solange die Melodie eines Hits nur nachgespielt, aber nicht im Original abgespielt wird, bekommt nur der Urheber des Songs und der Musikverlag Geld. Kommt die Stimme des Interpreten nicht im Klingelton vor, hat er kaum etwas von dem Geschäft.

Handy statt CD-Player

Sugababes

Songs von den Sugababes sind schon lange beliebte Klingeltöne

Aber dies soll sich in Zukunft ändern. Real-Music-Töne sind der neuste Trend. Die Künstler werden von ihren Labels gebeten, ihre Refrains nicht länger als 30 Sekunden erschallen zu lassen. Somit werden diese "klingelton-tauglich" und können vermarktet werden. "Es macht kommerziell extrem viel Sinn, schnell auf den Punkt zu kommen", sagt Stefan Schulz, Digital-Rights-Manager bei Deutschlands größter Plattenfirma Universal Music. Gleichzeitig warnt er aber auch davor, Klingeltöne als neue Musikform misszuverstehen. "In einem Klingelton ist ein Lied nur auf die Spitze konzentriert", so Schulz.

Schon jetzt wirkt sich das Herunterladen von Popsongs als Klingeltöne auf den Musikmarkt aus. Der gesamtdeutsche Absatz von Singles sank im vergangenen Jahr von 36,3 auf 24,4 Millionen. Letztes Jahr wurden in Großbritannien sogar erstmals mehr Klingeltöne verkauft als CDs. Geplant ist eine Zweitverwertung von Songs als Anrufton, die in allen Plattenverträgen mit geregelt wird. Vorstellbar ist etwa, dass Kunden künftig beim Kauf einer CD eine Zahlencode in der Verpackung mitbekommen, mit dem sie den entsprechenden Klingelton für das Handy im Internet abrufen können.

Dass sich etwas in der Musikbranche ändert, merkt man auch auf MTV und anderen Musiksendern. Dort wird die Popmusik zunehmend in den Werbeblock verschoben. Zwischen Dating-Shows und Reality-Sendungen kommt dann doch noch mal Ushers "Burn", als Klingelton-Superhit in der Werbepause. "Sie können sich sicher sein, dass es im Musikfernsehen keinen Werbeblock gibt, in dem wir nicht vertreten sind", sagt Tilo Bonow, der bei Jamba zuständig für öffentlichwirksame Aussagen ist.

Botschaft geht verloren

Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyer sorgt sich um die Botschaft seiner Texte

Herbert Grönemeyer zum Beispiel hält von diesem neuen Kult nicht viel. Seine Songs haben eine Message, die Zeilen bauen aufeinander auf. "Ein Klingelton genügt manchen Künstlern nicht, vor allem, wenn sie Wert darauf legen, eine Botschaft zu vermitteln", so Tom Lang. Das Verfahren, "die Musik für Kiddies sofort erkennbar zu machen", missfalle vielen Musikern, da kommerzielle Wertschöpfung und kreatives Selbstverständnis für viele unvereinbar seien.

Denyo von den "Beginner" lud sich ihren Hit "Fäule" runter. "Ich musste es mir vier Mal anhören, bis ich es überhaupt wiedererkannt habe, so schrottig klingt das", sagte der Rapper. Früher war der Klingelton nur der Hinweis auf einen Anruf, heute ist er eine eigene Musiksparte.

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