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Kultur

Der blutige Weg zu mehr Glück

In der Mittagspause die Lippen aufpeppen lassen, mit den Freundinnen eine "Botox-Party" veranstalten - größere und vor allem kleinere Schönheitsoperationen sind viel verbreiteter als man denkt.

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Die Hemmschwelle sinkt

Lange war der Körper Schicksal, heute wird er zunehmend als gestaltbarer Bausatz gesehen. Die Selbst-Veränderung
boomt, jährlich steigt die Zahl der Schönheitsoperationen um 10 bis 15 Prozent. Wer unglücklich ist über eine schiefe Nase oder kleine Brüste, lässt sie nach Beobachtung von Ärzten immer bedenkenloser gegen Traumformen tauschen. Was anfangs exotischen Pop-Stars wie Cher und Michael Jackson vorbehalten blieb, erreicht als Massenphänomen nach den Frauen längst auch Männer. "Und noch ist der Schönheitswahn nicht auf seinem Höhepunkt", sagt Marktforscherin Ines Imdahl.

Mal eben in der Mittagspause

Im vergangenen Jahr gab es nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie in Krefeld 400.000 kosmetische Operationen in Deutschland. Hinzu kommen 400.000 kleine "Lunchtime-Eingriffe", die "in der Mittagspause gemacht sind", etwa das Aufspritzen der Lippen. Allerdings existieren keine offiziellen Zahlen; andere Experten nennen deshalb viel niedrigere Werte und sprechen von "hohen Dunkelziffern".

In tiefenpsychologischen Interviews sähen bereits 80 Prozent der Frauen die Retorten-Schönheit positiv, berichtet Ines Imdahl vom Marktforschungsinstitut Rheingold in Köln. Die Angst vor Gesundheitsschäden und Kunstfehlern halte viele bisher allerdings noch vom häufig teuren Eingriff ab.

Neuster Hit: Botox gegen Falten

Falten werden weggespritzt

Falten werden mit Botox weggespritzt

Im Kampf gegen das Altern, etwa bei der Trend-Behandlung mit Botulinumtoxin ("Botox") gegen Fältchen, scheinen diese Ängste besonders schnell zu schwinden. 30.000 bis 50.000 Deutsche probierten laut dem Krefelder Ärzteverband im Vorjahr die neue Giftspritze, die Kritiker wegen der möglichen Nebenwirkung einer steifen Gesichtsmimik als "Verunstaltung" bezeichnen. Aus den USA schwappt nun die Welle der lockeren Botox-Partys herüber. Dabei lassen sich Freundinnen im Wohnzimmer bei Sekt und Fingerfood zum Sonderpreis die Stiche zur Muskellähmung setzen.

Jugendwahn

"Aussehen ist wichtiger denn je", erläutert die deutsche Chefredakteurin des britschen Mode-Magazins "Spruce", Anne Urbauer. "Der Beziehungsmarkt, beruflich wie persönlich, ist auch eine Schönheitskonkurrenz." Dabei gehe es weniger um das makellose Idealbild der Miss-Wettbewerbe als um eine ansprechende Gesamtoptik - und um Jugend. "Man muss jünger aussehen, als man ist, weil das heute als Beweis für eine geglückte Lebensführung gilt", sagt die Mode-Expertin aus der Londoner Haus der Kult-Zeitschrift "Wallpaper".

Der technische Fortschritt bietet den Ärzten neues Nahtmaterial und feinere Laser-Methoden. Damit wird die Anpassung des Einzelnen an ein Schönheitsklischee, das mit Hilfe von Massenmedien und Kosmetikindustrie weltweit propagiert wird, einfacher. Trendforscher wie Matthias Horx sehen Lifestyle-Medizin und Kosmetik verschmelzen und sagen der Selbstoptimierung wachsende Marktpotenziale voraus.

Der Körper als ewige Baustelle

Der Bonner Medizinprofessor Linus Geisler gibt zu Bedenken, dass ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körperschema in Magersucht und Bulimie münden kann. Außerdem schlägt Geisler wegen einer neuen Krankheit Alarm: der ständigen Unzufriedenheit mit dem Körper. Weil sie sich selbst mickrig finden, treibt ihr Komplex die Betroffenen wieder und wieder unters Messer der Schönheitsoperateure. Zufriedener werden sie dabei aber nicht. Dieses massiv verzerrte Selbstbild betreffe meist das Gesicht, bei Frauen auch Brüste und Beine, bei Männern Größe und Genitalien: So werde der Körper zur "ewigen Baustelle". (kas)

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