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Amerika

Der blinde Fleck der Revolution – Kubas neuer Rassismus

Freiheit und Gleichheit waren Schlüsselbegriffe der kubanischen Revolution. Doch 51 Jahre nach der Revolution scheint der Rassismus nach Kuba zurückgekehrt.

Menschen auf der Straße in Havanna (Foto: AP)

Egal ob schwarz oder weiß, in Kuba sind alle gleich....

"Meine Gedanken und mein Geist sind in Afrika, befrei' dich von der Unterdrückung…" Solche Textzeilen sind neu auf Kuba. Sie stammen von dem afrokubanischen Hip-Hop-Duo Anónimo Consejo - auf der Karibikinsel derzeit eine der angesagtesten Formationen; einen Namen machten sich die beiden Musiker MC Kokino und MC Sekou vor allem mit politisch ambitionierten Texten. Regelmäßig rufen sie darin die Ikonen der schwarzen Befreiungsbewegung an wie Malcolm X oder Nelson Mandela. Botschaften wie "Befrei dich, kämpfe wir Shaka Zulu" richten sich vor allem an ihre afrokubanischen Landsleute.

Verdrängte Probleme

Doch die sozialen Missstände, über die Anónimo Consejo rappen, allen voran die Rassendiskriminierung, sie gibt es eigentlich gar nicht. Wenigstens nach offizieller Lesart kennt die Republik Kuba nur Gleichheit zwischen den Ethnien: Kubas – laut amtlichem Zensus – weiße Mehrheitsbevölkerung, die 25 Prozent Mestizen und die zehn Prozent Schwarzen, sie leben, so die offiziöse Sprachreglung, miteinander in "perfekter Symbiose“.

Kubaner feiern die Revolution (Foto: AP)

... die Revolution hat den Rassismus auf Kuba offiziell abgeschafft.

Doch Einspruch gegen dieses idyllische Bild kommt nicht nur von afrokubanischen Hip Hoppern. Auch Rassismusforscher wie der in Pittsburgh lehrende Historiker Alejandro de la Fuente schütten Wasser in den Wein dieser offiziellen Version – ohne die unfraglichen sozialen Errungenschaften des Inselstaates in Abrede zu stellen. “Einerseits gibt und gab es das Bestreben, soziale Ungleichheiten zu beseitigen – auch die ethnischen Ungleichheiten. Und tatsächlich: dieses Projekt ist bis in die achtziger Jahre sehr weit vorangeschritten", konstatiert de la Fuente. Aber mit der Wirtschaftskrise ab Anfang der neunziger Jahre seien die Ungleichheiten zurückgekehrt, besonders die rassischen Ungleichheiten. Für Alejandro de la Fuente lautet deshalb die zentrale Frage: "Warum tauchen in einer relativ egalitären Gesellschaft plötzlich Hautfarbe und ethnische Zugehörigkeit wieder auf? Warum sind sie auf einmal wieder da als Kategorien der sozialen Unterscheidung?”

Mit dem Dollar kam der Rassismus

Die Antwort findet de la Fuente zunächst in der Wirtschaft. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam der Inselstaat wirtschaftlich in schwere See. Um den weggebrochenen Außenhandel auszugleichen, lockte die Führung mehr Touristen ins Land. Die Rechnung ging auf: mit den Touristen kamen die Dollars - und mancher Kubaner verdiente sich ein goldenes Näschen. Aber mit dieser teilweisen Dollarisierung der sozialistischen Volkswirtschaft entbrannte auch ein harter Konkurrenzkampf um die begehrten Jobs in der Tourismusindustrie.

“In dem Moment, in dem diese harte Konkurrenz um die Beschäftigung in den dollarisierten Sektoren aufkam, entdeckte man plötzlich auch die Rassenzugehörigkeit wieder. Eben zum Beispiel, um Nicht-Weiße Kubaner aus den Dollar-Sektoren fernzuhalten", so die Beobachtung von de la Fuente.

Auf diesen gleichsam über Nacht wiedergekehrten Rassismus war Kubas Gesellschaft nicht vorbereitet. Schließlich galt der Rassismus dank der Revolution als abgeschafft. Für Alejandro de la Fuente ein folgenreicher Selbstbetrug: “In den siebziger Jahren verkündete die revolutionäre Führung: die Revolution hat den Rassismus in Kuba beseitigt. Das Problem ist gelöst, also muss man über Rassismus auch nicht mehr reden. So wurde Rassismus in Kubas öffentlichem Raum zum Tabu-Thema.“

Strand von Varadero (Foto: dpa)

Im Tourismussektor finden Schwarze kaum Jobs in Kuba

Ein Tabu wird zum Problem

Rassismus als ideologischer Komplex, als eine Denkweise, die da beginnt, wo Personen anhand äußerer Eigenschaften kategorisiert werden, darüber wurde im offiziellen Kuba nicht mehr gesprochen. Da nicht sein konnte, was nicht sein durfte, verdrängte Kubas Gesellschaft eine ihrer zentralen Fragen, glaubt Alejandro de la Fuente. Der Rassismus konnte so gleichsam unbeobachtet durch die Hintertür zurückkommen, mit dramatische Folgen, so de la Fuenta: "Die kubanische Gesellschaft ist heute ethnisch bei Weitem gespaltener als vor zwanzig Jahren. Auch vor zwanzig Jahren gab es Rassismus, aber heute tritt er sehr viel offener zutage. Man spricht wieder öffentlich von ‘Rassen'. In den 80ern hätte sich ein Manager niemals getraut, er wolle keine Dunkelhäutigen in seinem Betrieb. Heute sagen das viele Chefs von Tourismusunternehmen in aller Öffentlichkeit.”

Es mangelt an politischem Willen

Für Alejandro de la Fuente steht die kubanische Regierung in der Pflicht, hier politisch gegenzusteuern. Rassismus lässt sich nicht per Dekret oder revolutionärem Pathos abschaffen, er muss mit aufrichtigem politischem Willen bekämpft werden, glaubt der aus Kuba stammende Historiker. Dazu gehört, dass längst bestehende Gesetze gegen rassische Diskriminierung auch konsequent angewendet werden.

Und doch bleibt die Lage im Inselstaat vergleichsweise löblich. In den karibischen und zentralamerikanischen Nachbarstaaten nimmt die ethnische Ungleichheit weit dramatischere Auswüchse an. Einstweilen aber dürfte auch den Hip Hoppern von Anónimo Consejo der Rassismus a la cubana als Thema erhalten bleiben.

Autor: Sven Töniges
Redaktion: Mirjam Gehrke