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Amerika

Der Bettler und das Handy

Jeden Morgen das Gleiche: Raus aus der U-Bahn, vorbei am Zeitungsverkäufer, kurz einen Kaffee bei Starbucks, rein ins Bürogebäude im Zentrum von Washington D.C. Und wie jeden Morgen steht dort pünktlich ein Bettler.

Symbolbild Fernschreiber

Er ist da, so zuverlässig wie die Büroangestellten, die ihren Dienst antreten. Und neuerdings sieht man ihn immer öfter beim Telefonieren mit einem Mobiltelefon.

Ein Bettler mit Handy? Auf meine Frage, wozu er ein Telefon benötigt, antwortet er wie selbstverständlich: "Um in Kontakt zu bleiben. Das ist die einzige Möglichkeit, denn ich stehe hier jeden Tag, um zu betteln und sehe meine Familie fast nie." Es sei vor allem wichtig, wenn man sich um einen Job bewirbt, denn ohne Telefon werde man als unzuverlässig eingestuft.

Tony, so heißt der Bettler vor unserem Bürogebäude, ist nicht der einzige Obdachlose, der ein Mobiltelefon besitzt. Der "Washington Post" zufolge besitzen 30 bis 45 Prozent aller Obdachlosen in der Hauptstadt ein Handy, Tendenz steigend. Dabei stellt sich die Frage: Wie kann ein Obdachloser sich ein Telefon leisten? In den USA braucht man meist eine feste Adresse, um einen Telefonvertrag zu erwerben, und diese können Obdachlose naturgemäß nicht angeben.

Spendable Verwandte

Tonys Telefon wird von seinem Bruder bezahlt. Aber nicht jeder hat spendable Verwandte. Die meisten greifen zurück auf Pay-to-go-Telefone, meint Scott Schenkelberg, Leiter einer Wohlfahrtsorganisation, die Obdachlose mit Essen versorgt. Und weil die schnelle technologische Entwicklung die Preise nach unten drückt, können auch Obdachlose an der Technologie teilhaben.

Pay-by-the-minute-Mobiltelefone wie ein Samsung A500 kosten nur 30 US Dollar, ein Telefonat kostet dann zehn Cent pro Minute. Zwar heißt dies, dass die Ärmsten auf die teuerste Art des Telefonierens zurückgreifen müssen, aber anders geht es leider noch nicht. "Oft kommen Obdachlose mit Bechern voller Münzen in die Telefonläden und wollen sich mehr Minuten für ihre Mobiltelefone kaufen", so Scott Schenkelberg.

Viele Obdachlose sind technisch versierter als mancher vermutet. "Viele haben auch E-Mail und manche haben sogar Blogs, in denen sie über ihr Leben auf der Straße berichten, da sie in öffentlichen Bibliotheken die öffentlichen Computer benutzen." Das einzige Problem dabei ist, dass einige Leute glauben, soviel Technik sei unnötiger Luxus.

Kein Verständnis

Scott Schenkelberg kann von solchen Vorurteilen berichten. Denn seit die lokale Zeitung über Bettler mit Handy berichte, erhält seine Organisation immer öfter erboste E-Mails von Leuten, die kein Verständnis für die "modernen" Obdachlosen haben.

Dabei ist das Handy für viele von ihnen ein Lebensretter. Obdachlose werden besonders häufig zu Opfer von Überfällen. Laut Statistik der "National Coalition for the Homeless" sind seit 2002 die Zahlen aller Gewalttaten an Obdachlosen in den Vereinigten Staaten deutlich gestiegen. Allein im Jahr 2007 wurden 30 von ihnen ermordet. Mit dem Handy können sie jetzt schneller Polizei und Krankenwagen rufen und sich besser schützen.

Nun gibt es nur noch eine ganz simple Frage: Wo kann ein Obdachloser sein Telefon eigentlich aufladen? In der Stadtbücherei - und bisweilen bei McDonald's.