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Nahost

Der Beginn der iranisch-amerikanischen Eiszeit

Vor 30 Jahren besetzten iranische Studenten die US-Botschaft in Teheran und nahmen die Mitarbeiter als Geiseln, 444 Tage lang. Ein Ereignis, das die amerikanisch-iranischen Beziehungen nachhaltig prägte.

Studentin bei der Besetzung der US-Botschaft 1979, Foto: ap

Das Geiseldrama legte den Grundstein für die amerikanisch-iranische Eiszeit

Iranische Studenten waren jahrelang ein wichtiger Faktor bei den Protesten gegen den Schah gewesen und sie spielten eine wichtige Rolle bei der Islamischen Revolution, die im Frühjahr 1979 in der Rückkehr von Ajatollah Khomeini in den Iran gipfelte. Monate danach waren es wieder Studenten, die die Weichen stellten für die weitere Entwicklung des Verhältnisses zwischen dem Iran und den USA wie dem Westen überhaupt: Studenten besetzten die US-Botschaft in Teheran, hielten einen Teil der Mitarbeiter 444 Tage lang als Geiseln fest und zementierten damit auf Jahrzehnte hinaus den Bruch zwischen Teheran und Washington.

Die Wut auf die USA war im Iran weit verbreitet. Weil der Schah lange Jahre Washingtons liebstes Kind im Vorderen Orient war, besonders aber, weil die USA sich immer wieder in die inner-iranischen Angelegenheiten eingemischt hatten. Am folgenschwersten im Jahr 1953, als die CIA einen Putsch gegen den gewählten Ministerpräsidenten Mossadegh organisierte und damit dem bereits nach Rom geflüchteten Schah die Rückkehr ermöglichte. Nachdem der Schah 1979 ein zweites (und letztes) Mal den Iran verlassen hatte, sannen Studenten darüber nach, wie sie es seinem "Patron“ – den USA – heimzahlen könnten.

Massenproteste in Teheran am 8.9.1978, Foto: AP

Bereits vor 1979 waren Studenten auf die Straße gegangen, um gegen den Schah zu protestieren. Höhepunkt war der 8. September 1978, an dem bei Auseinandersetzungen mit der Polizei rund 1000 Menschen getötet wurden. Der Tag ging als "schwarzer Freitag" in die iranische Geschichte ein.

Spontane Aktion

Knapp 300 marschierten an jenem Morgen zur amerikanischen Botschaft, kletterten über die Mauern und trieben in der Botschaft 99 Mitarbeiter zusammen, von denen später Frauen und Schwarze freigelassen wurden, 52 aber in Geiselhaft blieben. Nach eigenem Bekunden waren die Studenten selbst überrascht, mit welcher Leichtigkeit die Besetzung der Botschaft vonstatten ging. Sie hatten sich darüber vorher ebenso wenig Gedanken gemacht, wie über eine Geiselnahme. Und sie hatten die Aktion auch nicht mit Revolutionsführer Khomeini abgesprochen. Nach erster Überraschung stellte dieser sich aber hinter die Studenten und es begann ein langwieriges und schwieriges Ringen um die Freilassung der Geiseln.

Die Studenten forderten die Auslieferung des Schahs durch die USA, Washington lehnte ab, zeigte aber auch immer weniger Interesse, dem Schah Zuflucht zu gewähren. Nach langem Irrweg nahm ihn Ägypten auf, wo er im Juli 1980 starb und beigesetzt wurde. Statt auf die Forderung der Geiselnehmer einzugehen, beschloss der damalige US-Präsident Jimmy Carter, die Beziehungen zum Iran abzubrechen und das beträchtliche Vermögen des Iran in den USA einzufrieren. Dies und eine gescheiterte Befreiungsaktion amerikanischer Spezialeinheiten im April 1980 belasteten die Bemühungen um eine Beilegung der Krise weiter und Teheran wartete schließlich mit der Freilassung der Geiseln 444 Tage - bis zum Tag der Amtseinführung von Carter-Nachfolger Ronald Reagan. Carter konnte die Heimkehrer auf dem Heimweg in Deutschland begrüßen, er durfte die Freilassung aber nicht zum politischen Erfolg ummünzen.

Iranian students pray inside the American Embassy compound before anti-American slogans on the third day of the occupation of the embassy in Tehran, Iran on Nov. 6, 1979. Sixty people are still held hostage against the deportation of the former Shah of Iran from the United States. In the foreground sits a portrait which apparently shows the Ayatollah Khomeini. (AP Photo)

Am 12. November 1980 verfügte US-Präsident den Stopp iranischer Ölimporte und das Einfrieren iranischer Vermögen bei US-Banken. Doch der Iran beugte sich trotz internationaler Verurteilung nicht - die Studenten (hier betend in der Botschaft) blieben.

Nachhaltiges Trauma

Wenn die Iraner ihr USA-Trauma seit dem CIA-Putsch gegen Mossadegh haben, so haben die Amerikaner seit der Stürmung der US-Botschaft in Teheran und der langen Geiselnahme ihr Iran-Trauma. Während iranische Politiker die USA als "großen Satan" oder "die große Arroganz" beschimpften, tendierten amerikanische Politiker dazu, dem Iran jede Schandtat zuzutrauen. Im Fall der Spannungen zwischen Iran und Irak sollte sich dies ein erstes Mal als verhängnisvoller Fehler erweisen: Washington unterstützte im ersten Golfkrieg offen den Irak Saddam Husseins, um die "islamistische Gefahr" aus dem Iran zu bannen. Erst Jahre später begann man zu erkennen, dass Saddam eine wohl weit größere Gefahr für die Region war.

Trotz des Abbruchs der gegenseitigen Beziehungen und der gegenseitigen Verteufelungen gab es immer wieder doch auch zaghafte Versuche, wieder Kontakte zueinander anzuknüpfen. Unter anderem trafen sich in Paris einer der ehemaligen Geiselnehmer und eine ehemalige Geisel und andere Teilnehmer des Botschaftsdramas äußerten sich im Laufe der Jahre in versöhnlichem Ton und plädierten für einen Neubeginn zwischen beiden Staaten.

Ankunft der freigelassenen Geiseln in Wiesbaden am 20. Januar 1981, Foto: ap

Unter algerischer Vermittlung gaben die USA das iranische Vermögen schließlich frei. Im Gegenzug wurden die Geiseln am 20. Januar 1981 freigelassen und zur US-Airbase in Wiesbaden ausgeflogen. Khomeini meinte später lapidar: "Jetzt brauchen wir sie nicht mehr!"

Fronten verhärtet

Unter dem iranischen Präsidenten Mohamad Khatami schien es auch erste politische Schritte in diese Richtung zu geben: Khatami sprach vom Dialog der Kulturen und seiner Hochachtung vor der amerikanischen Nation und aus den USA waren anerkennende Worte über den Iran als altes Zivilisations- und Kulturland zu hören. Als freilich in Washington George W. Bush und in Teheran Mahmud Ahmadineschad an die Macht kamen, war von all dem nichts mehr zu hören. Der Atomstreit – der bereits unter Khatami begonnen hatte – eskalierte nun erst richtig und festigte alte Fronten aufs Neue.

Erst die Wahl Barack Obamas gab Hoffnung auf eine Umkehr: Der neue US-Präsident bot dem Iran einen direkten Dialog an und er räumte ein, dass man in der Vergangenheit Fehler gemacht habe. Die Wahlen im Iran und ihre Folgen haben diesen direkten Dialog bisher verhindert, aber immerhin sind die USA neuerdings an den Atomgesprächen mit dem Iran beteiligt, ohne dass dies bisher eine grundlegende Änderung in der Atomfrage gebracht hätte. Aber immerhin: 30 Jahre nach der Besetzung der US-Botschaft in Teheran sind die Chancen besser als je zuvor, dass dieses Ereignis endlich aufgearbeitet und verarbeitet wird.

Autor: Peter Philipp

Redaktion: Ina Rottscheidt

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