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Nahost

Der bange Blick nach Kairo

Seit Tagen schaut die Welt gespannt nach Kairo: Wieder gibt es Proteste. Wieder richtet sich die Wut gegen die Führung des Landes. Und wieder wurden Menschen getötet. Nicht nur Ägypter blicken mit Sorge in die Zukunft.

Demonstranten auf dem Tahrirplatz in Kairo (Foto: AP/dapd)

"Revolutionen bringen gewöhnlich nur wenig Wandel", sagt die ägyptische Wissenschaftlerin Hania Sholkamy. Mit diesem auf den ersten Blick paradoxen Satz beschreibt die Anthropologin, die derzeit an der Amerikanischen Universität von Kairo arbeitet, die Lage in Ägypten zehn Monate nach der Revolution. Seit dem Sturz Mubaraks habe sich in ihrem Land nicht viel verändert. In den zentralen Bereichen sei alles beim alten geblieben. So sei die ägyptische Bürokratie, die das Leben der Menschen beherrsche, noch weiter angewachsen. Sechs Millionen Beschäftigte wachten nun darüber, dass sich an den juristischen und administrativen Strukturen nichts ändere. Außerdem habe seit der Revolution der Konservativismus der Bevölkerung zugenommen. Immer mehr Menschen fühlten sich zu religiösen Strömungen hingezogen. Dies mache sich bemerkbar an der zunehmenden Anziehungskraft der Muslimbrüderschaft. Auch auf sozialer Ebene gäbe es keine positiven Entwicklungen. An der ungerechten Verteilung von Macht und Ressourcen in Ägypten habe sich nichts geändert.

Ägyptische Jugendliche werfen Steine auf Sicherheitskräfte (Foto: dpa)

Zehn Monate nach dem Sturz Mubaraks die gleichen Bilder aus Kairo

Ähnlich sieht das Noha El-Mikawy, Politikwissenschaftlerin, die unter anderem an der Universität von Erlangen und an der Freien Universität von Berlin gelehrt hat und derzeit für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen arbeitet. Ägypten stehe vor gewaltigen Herausforderungen, sagt sie. Die Gesellschaft müsse einen Weg finden, die eigene Vergangenheit zu bewältigen, die Erfahrung von Unterdrückung und Unfreiheit zu verarbeiten und Voraussetzungen für eine bessere Zukunft zu entwickeln.

El-Mikawy ist skeptisch, ob dieses gewaltige Vorhaben gelingen kann. Gleichwohl sieht sie in den Massenprotesten in Ägypten eine positive Botschaft: "Die Revolution war ein Schrei nach Würde", sagt sie. Dieser Schrei lasse sich nicht mehr ersticken. Selbst wenn man auf dem Weg zur Demokratie mit vielen Rückschlägen rechnen müsse, werde sich die ägyptische Bevölkerung auch künftig nicht mehr am Protest hindern lassen.

Sorge um künftige Entwicklung

El-Mikawy und Sholkamy sind auf Einladung der Grünen nach Berlin gekommen, um über die Lage in ihrer Heimat am Vorabend der ersten freien Wahlen am Montag (28.11.2011) zu berichten. Denn in Deutschland schaut man mit großer Sorge auf die Entwicklungen in Kairo, Alexandria und anderen Städten, in denen die Menschen seit Tagen wieder auf die Straßen gehen.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle zeigte sich beunruhigt über die Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften in Kairo, bei denen zahlreiche Menschen ums Leben kamen und Tausende verletzt wurden. Wegen der anhaltenden Gewalt entsandte er Anfang der Woche den Nahost-Beauftragten der Bundesregierung Boris Ruge nach Ägypten, um dort Gespräche zu führen. Westerwelle appellierte an alle Seiten, die Gewalt einzustellen und "den Weg in Richtung Demokratie jetzt nicht abzubrechen".

Sprachrohr der Jugend

Khalid Tallima und Sameh Fawzy (Foto: DAFG)

Parlamentskandidat Khalid Tallima

Khalid Tallima war einer der Revolutionäre des 25. Januar. Mit seinen Freunden und mit Tausenden anderen Jugendlichen hat er die Demonstrationszüge und Protestkundgebungen organisiert, die im vergangenen Januar zur Besetzung des Tahrir-Platzes im Zentrum Kairos und im Februar zum Sturz Mubaraks führten.

Nun kandidiert er für einen Sitz im Parlament. Er tritt zwar als Unabhängiger an, will aber die Interessen der revolutionären Jugendlichen vertreten, die sich in einem Bündnis zusammengeschlossen haben. Dazu gehören nicht nur die westlich gesinnten Jugendlichen, die sogenannte Facebook-Jugend, sondern auch junge Muslimbrüder, die sich mit dem starren Konservatismus der älteren Generation der Islamisten nicht abfinden wollten. "Wir wollen alle Strömungen vertreten", unterstreicht Tallima. Die "Coalition of the Youth Revolution", der er angehöre, sei ein Sammelbecken, das keine bestimmte politische Strömung repräsentiere. Sie sei die Vertretung der Jugendlichen aus allen politischen und religiösen Lagern und wolle deren Stimme und deren Forderungen zu Gehör bringen.

Muslimbrüder im Wandel

Prof. Dr. S. Abdelfattah Ismail, Politikwissenschaftler und Experte für die Muslimbrüder und Prof. Dr. Matthias Weiter (Foto: DAFG)

Abdelfattah Ismail bei einer Diskussionsveranstaltung in Berlin

Unterstützung bekommt Tallima von Abdelfattah Ismail. Der Politikwissenschaftler, der an der Universität von Kairo und an der Universität von Katar in Doha lehrt, verspricht den Jugendlichen in Ägypten die Hilfe der Akademiker. "Wir werden es nicht dulden, dass irgendeine Strömung ihre Ideologie durchsetzt, auch nicht, wenn sie die Mehrheit hat", betont er. Ismail ist Experte für den politischen Islam. Der Diskurs unter den Muslimbrüdern habe sich verändert, befindet er. Vor der Revolution hätten sie sich mit dem Regime mehr oder weniger gut arrangiert. Nun aber wollten sie eine aktive politische Rolle spielen und seien darauf zumindest organisatorisch gut vorbereitet. Deutlich weniger konziliant seien die radikalen Salafisten. Auch sie verlangten Mitsprache im neuen Ägypten. Er glaube aber nicht, dass sie der ägyptischen Gesellschaft ihren Stempel aufdrücken könnten.

Dr. Sameh Fawzy (Foto: DAFG)

Sameh Fawzy bei der DAFG in Berlin

Diese Einschätzung teilt auch Sameh Fawzy, koptischer Bürgerrechtsaktivist und Journalist. Zusammen mit Tallima und Ismail besuchte er wenige Tage vor der Wahl in Ägypten die deutsche Hauptstadt und nahm in Berlin an einer Diskussionsveranstaltung der Deutsch-Arabischen Freundschaftsgesellschaft (DAFG) teil. Der ägyptische Islam sei gemäßigt und respektiere andere Religionen, sagt er und verweist auf die Charta der Azhar-Universität über die Zukunft Ägyptens, an der er selbst als Vertreter der ägyptischen Christen mitgewirkt hat. In dem sechsseitigen Papier bekennt sich die führende religiöse Autorität des Landes zu einem demokratischen Rechtsstaat, in dem die drei großen monotheistischen Religionsgemeinschaften gleichberechtigt sind. Das islamische Recht, die Sharia, diene zwar als Quelle der Jurisprudenz, die Gesetze aber würden im Parlament von Vertretern des Volkes gemacht. Gottesgesetze werde es im neuen Ägypten nicht geben, versichert Fawzy.

Skeptizismus und Hoffnung, Optimismus und Pessimismus halten sich die Waage bei den ägyptischen Besuchern, die in den letzten Tagen Deutschland besucht haben. Nur eines ist sicher: das Land am Nil steht vor einer ungewissen Zukunft.

Autor: Bettina Marx

Redaktion: Daniel Scheschkewitz

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