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Deutschland

Der Bahá'í­-Tempel in Hofheim

Die Angehörigen der Bahá'í­-Religion haben vor fast 50 Jahren in der Nähe von Frankfurt einen Tempel errichtet. Das "Haus der Andacht" ist ein Ort für innere Einkehr, vor allem aber für vielfältige Begegnungen.

4 400 Einwohner hat der beschauliche Ort Hofheim-Langenhain in der Nähe von Frankfurt, einen Bach und eine Pizzeria. Ein ruhiges Dorf im Taunus, das zum größten Teil von Wald umgeben ist. Doch der kleine Ort hat auch eine außergewöhnliche spirituelle Dimension. Schon 1964 wurde hier das "Haus der Andacht" errichtet, der erste und einzige Bahá'í­-Tempel Europas, mitten in Deutschland.

Ein Haus für alle

28 Meter ragt der auf einem Hügel am Ortsrand gelegene Kuppelbau in die Höhe und ist alles andere als ein dunkles Gotteshaus. 540 rautenförmige Fenster führen im Innern zu einem lebhaften Licht- und Schattenspiel. Der untere Teil des Tempels besteht fast vollständig aus Glas und ist von jeder Seite des ihn umgebenden Parks zugänglich. "Die neun Eingänge rundherum sollen die Offenheit des Gebäudes und der Bahá'í­ symbolisieren. Jeder ist hier willkommen. Auch Atheisten", sagt die Bahá'í­-Sprecherin Sunhild Steimle. Außerdem solle der direkte Blick in die Landschaft die Verbundenheit mit Natur und Umgebung ausdrücken. Um zu verdeutlichen, dass nach dem Verständnis der Religionsgemeinschaft nicht nur der Sakralbau selber heilig ist, zitiert Sunhild Steimle ein Bahá'í-Gebet: "Dort heißt es: Gesegnet ist der Ort und das Haus und der Platz und die Stadt und das Gebirge, einfach alles, wo Gott erwähnt wird."

Der Bahai-Tempel in Hofheim-Langenhein von außen mit Blick in den umgebenden Park Fotos: Guenther Birkenstock (DW)

Auch die Landschaft ist ein heiliger Ort

Religion ohne Priester

Ich besuche den Tempel an einem Sonntagnachmittag. Um 15:00 findet die Andacht statt, zu der sich rund 50 Menschen versammelt haben. Platz hätten mehrere hundert. Das Innere des Gebäudes ist schlicht und geradezu nüchtern gehalten, die einzige Dekoration besteht aus einigen Vasen mit Blumensträußen. Keine Bilder, keine religiösen Symbole, kein Altar, keine Reliquien. Nur ein Rednerpult, an dem sich in der kommenden halben Stunde Menschen abwechseln, um aus religiösen Schriften zu zitieren: aus dem Alten und Neuen Testament, aus dem Koran, und in gesungener Form aus den Schriften Bahá'u'lláhs - dem Stifter der Bahá'í­-Religion. Die Texte werden zitiert, aber bewusst nicht interpretiert, sagt Bahá'í-Sprecherin Steimle: "Keiner gibt vor, was wie zu verstehen ist." Gläubige tragen die Worte vor, denn Priester und einen Klerus gibt es bei den Bahá'í­ nicht. Nur einen Geistigen Rat haben die Bahá'í­-Gläubigen, dessen Mitglieder demokratisch gewählt werden und Hilfestellung in wichtigen Lebensfragen geben sollen.

Ein Ort, um Freunde zu treffen

Bahai-Tempel innen, Andacht mit Ansprache. Fotos: Guenther Birkenstock (DW)

Religiöse Texte werden zitiert, nicht interpretiert

Auch die 14-jährige Clara-Lisa Wiebers kommt regelmäßig mit ihrer Familie zum Bahá'í­-Tempel nach Langenhain. Für sie ist die Beschäftigung mit Schriften anderer Religionen eine Selbstverständlichkeit - in der Tempel-Andacht wie auch zuhause. „Wir glauben, dass alle Offenbarer vom gleichen Gott kommen, also sowohl Christus als auch Mohammed und für das Heute eben Bahá'u'lláh“, betont die junge Schülerin, der man anmerkt, dass sie Inhalt und Herkunft ihres Glaubens schon vielen erklärt hat. Die Bahá'í­-Religion sei nicht islamisch, sagt sie, sondern habe im Iran nur ihren Ursprung. "Da gibt es ganz klare Unterschiede" sagt Clara-Lisa in überzeugendem Ton. Nach Langenhain zu kommen, ist für die Jugendliche nicht nur eine Sache des Glaubens. Hier trifft sie Freunde und Bekannte, die ihr wichtig sind. Zum Beispiel im Café des tempeleigenen Besucherzentrums.

Jeder muss selbst entscheiden, was er glaubt

Clara-Lisas Mutter Jennifer freut sich über das Engagement ihrer Tochter, betont aber zugleich, dass die Kinder mit 15 Jahren frei entscheiden dürften, ob sie sich der Bahá'í­-Religion anschließen. "Wir sind vier Schwestern in der Familien, zwei sind Bahá'í­ geworden, zwei nicht. Das ist ein wichtiger Punkt in der Familie, dass jeder für sich entscheidet, was er glaubt.", betont Jennifer Wiebers. Deshalb sei sie bei Bekannten immer erst etwas vorsichtig, über ihre Religion zu reden. Damit die nicht auf die Idee kämen, dass sie sie zu etwas überreden will.

Glaube heißt Tun

Aufnahmedatum: 9 Juni 2013 Die Bahai-Gläubige und Informatikerin Barbara Nicke, Fotos: Guenther Birkenstock (DW)

Barbara Nicke: Glauben ist angewandtes Wissen

Egal, wen ich an diesem Nachmittag anspreche, alle zeigen sich von ihrem Glauben tief überzeugt. Auch die Jugendlichen sprechen ganz selbstverständlich von täglichen Pflichtgebeten. Vor allem Tugenden und Selbstverantwortung werden immer wieder betont. "Glauben ist nicht, wo das Wissen aufhört, sondern ist bewusstes und angewandtes Wissen, das, was eine Auswirkung auf mein Tun hat." sagt die Informatikerin Barbara Nicke aus Frankfurt. Dazu gehöre zum Beispiel, Arbeit als Gottesdienst aufzufassen. "Auch mit meiner Arbeit in einem kommerziellen Unternehmen versuche ich in erster Linie, den Menschen zu dienen." Zum praktischen Teil ihres Glaubens gehöre ebenso, das Wissen über Religion und Geschichte weiterzugeben, und zwar in Form von Kursen für Kinder und Erwachsene. Lesen allein reiche nicht. Auf das Umsetzen komme es an, sagt Barbara Nicke.

Fotos: Guenther Birkenstock (DW) Pressesprecherin der Bahai Dtl., Sunhild Steimle

Bahá'í­-Sprecherin Sunhild Steimle: Wir wollen Einrichtungen für alle Menschen schaffen

Rund 25.000 Besucher kommen jedes Jahr nach Langenhain, um den Bahá'í­-Tempel zu besuchen. Nur ein Teil von ihnen gehört zu der Religionsgemeinschaft, die in Deutschland rund 6000 Mitglieder hat, weltweit jedoch zwischen sieben und neun Millionen zählt.

Finanziert werden Tempel, Park und Besucherzentrum alleine durch anonyme Spenden der Bahá'í­. Auch hier erscheinen die Gläubigen sehr pflichtbewusst.

Geöffnet ist das Haus der Andacht jeden Tag. Und es soll auf lange Sicht nicht das einzige Bahá'í-Gebäude in Hofheim-Langenhain bleiben, das der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt wird, betont deren Sprecherin Sunhild Steimle. Geplant seien unter anderem auch ein Krankenhaus, ein Altenheim und ein Kindergarten. Der Bau sozialer Einrichtungen, so Steimle, gehöre zum Grundverständnis der Bahá'í: "Wir wollen uns nicht mit dem Status quo abfinden, sondern versuchen, Frieden und mehr Mitmenschlichkeit in die Welt zu tragen."