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Politik

Der Ausbruch des Hasses

Zehn Jahre nach dem Völkermord ist Ruanda ein friedliches Land, mit dem es wirtschaftlich langsam bergauf geht. Eine fast unvorstellbare Leistung angesichts der Hölle, die 1994 dort mehr als 100 Tage lang herrschte.

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Die genaue Zahl der Opfer des Völkermordes fehlt bis heute

Am Abend des 6. April 1994 nahmen die schrecklichen Ereignisse ihren Lauf. Das Flugzeug des damaligen ruandischen Präsidenten Juvenal Habyarimana stürzte aus bis heute ungeklärten Gründen ab. Er war gerade auf dem Rückweg von Gesprächen mit Rebellen der Tutsi-Volksgruppe. Die Regierung und die Tutsi hatten sich im August 1993 auf eine Teilung der Macht geeinigt. Das Treffen sollte die bereits mehrfach verzögerte Umsetzung des Abkommens voran bringen.

Extremisten der Hutu-Mehrheit übernahmen wenige Stunden nach dem Absturz die Kontrolle über die Streitkräfte und die Präsidentengarde. Bewaffnete Horden durchsuchten die Häuser nach versteckten Feinden und mordeten an Straßensperren, während ein Hetz-Radiosender zur Ausrottung aller "Kakerlaken" aufrief, wie Hutu-Extremisten die Tutsi-Minderheit nannten. "Es gibt nur eine Lösung. Die Tutsis müssen für immer verschwinden", tönte es aus dem Äther. "Hutus, macht Euch an die Arbeit."Auch gemäßigte Mitglieder der eigenen Volksgruppe, die sich für eine Teilung der Macht mit den Tutsi-Rebellen ausgesprochen hatten, wurden getötet. Landesweit fielen eine halbe bis eine Million Menschen den mörderischen Meuten zum Opfer. Genaue Zahlen fehlen bis heute.

Untätigkeit der UN

Als das Morden begann, waren im Rahmen des Abkommens 600 Kämpfer der Rebellen in Kigali stationiert. Sie begannen am Morgen des 7. April, die Präsidentengarde zu bekämpfen. In der Hauptstadt hielten sich auch 2.500 UN-Soldaten auf, welche die Umsetzung des Abkommens unterstützen sollten. Sie taten wenig, um das Töten zu stoppen. Dann verabschiedete der UN-Sicherheitsrat am 21. April auch noch eine Resolution, in der die UN-Truppe auf 270 Soldaten reduziert wurde. Nachdem zahllose Tutsi gestorben waren, holten die Rebellen zum entscheidenden Gegenschlag aus. Am 18. Juli erklärte schließlich die Tutsi-Armee unter dem Kommando des heutigen Präsidenten Paul Kagame ihren Sieg und das Ende des Völkermords.

Heute ist Kigali eine der sichersten Städte in der Region. Überall wird gebaut. Das Staatswesen, das in anderen Teilen Afrikas zerfällt, funktioniert effektiv. Wenn man die unmögliche Aufgabe bedenkt, vor der die Regierung von Staatspräsident Kagame vor zehn Jahren stand, ist das eine enorme Leistung. Der Großteil der zwei Millionen Flüchtlinge wurde integriert. Sie waren wegen des Bürgerkrieges nach Burundi, Tansania, Uganda und Kongo, dem damaligen Zaire, geflohen. Ruanda erhielt internationale Anerkennung und Entwicklungshilfe. Eine Verfassung und Wahlen haben das Kagame-Regime legitimiert. Durch das neue Wahlsystem ist die Anzahl der Frauen in der Politik die höchste weltweit. Ein System lokaler Gerichte, "Gacaca" genannt, wurde mit der Sisyphus-Aufgabe betraut, 130.000 des Völkermords Angeklagte gerichtlich abzuurteilen.

Nicht alle Probleme überwunden

Neben vielen positiven Entwicklungen gibt es aber auch eine lange Negativbilanz, die aber wenig wahrgenommen wurde. Jahrelange Massaker an den Hutu in Ruanda und im Kongo haben Hunderttausende Opfer gefordert. Ruanda war Drahtzieher hinter zwei Kongo-Kriegen und plündert immer noch die reichen Ressourcen des Nachbarlandes aus. Davon profitiert aber nur eine kleine Klasse; die Bevölkerung lebt in wachsender Armut. Das Wahlergebnis von 2003 erinnert mit 97 Prozent an sozialistische Scheindemokratien.

Trotz einer beginnenden Aussöhnung zwischen den Volksgruppen wirft die Vergangenheit noch lange Schatten. "Hier leben schon seit längerem Menschen Tür an Tür mit anderen Menschen, die sie im Verdacht haben, ihre Familienangehörigen umgebracht zu haben", beschreibt Präsident Kagame das Leben in seinem Land. "Das ist hier der Alltag." (ert)

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