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Kultur

„Der Augenblick ist mein“

Von Pfarrerin Marianne Ludwig, Berlin

Pfarrerin Marianne Ludwig, Berlin Eingestellt am 10.12.2010. Das Bild wurde von dritter Seite zur Verfügung gestellt: Rundfunkarbeit im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) für den Medienbeauftragten des Rates der EKD

Pfarrerin Marianne Ludwig, Berlin

„Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen“ – mit diesen Worten beginnt ein Gedicht von Andreas Gryphius, dem großen Melancholiker unter Deutschlands Dichtern. Seine Gedichte spiegeln die Verwüstungen des dreißigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert wider. Aber Gryphius begnügt sich nicht damit, das Schreckliche zu schildern. Seine Fragen berühren uns noch nach 350 Jahren: Welchen Sinn hat mein Leben, wenn so vieles in die Brüche geht? Was kann ich tun, wenn gewaltige Mächte mich bedrängen? Wo finde ich Heimat, wenn mein Haus zerstört wird?
Mit seinem Gedicht „Betrachtung der Zeit“ wagt Gryphius eine Antwort:

„Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen; mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen; der Augenblick ist mein, und den nehm ich in Acht. So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.“

Auch in Friedenszeiten leben wir auf der schmalen Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft. Nur die Gegenwart gehört uns und nur sie können wir wirklich beeinflussen. Denn unsere Vergangenheit können wir nicht ändern, auch die Zeit nicht zurückholen. Und unsere Zukunft? Sie steht, wie man im Deutschen sagt, „in den Sternen“, trotz aller Vorsorge und Planung. Einzig die Gegenwart, der Augenblick ist uns ganz überlassen. Das macht sie so kostbar, auch wenn sie, gemessen an unserer gesamten Lebenszeit nur einem Wimpernschlag dauert. Was machen wir aus dem gegenwärtigen Augenblick? Wie sieht es aus, wenn wir den Augenblick in Acht nehmen?

Vielleicht vergessen wir ihn, wie wir Zeit vergessen, wenn uns etwas ganz und gar mit Freude erfüllt. Vielleicht steht die Zeit still, weil wir mit einem traurigen Abschied fertig werden müssen. Oder wir lassen sie einfach verrinnen, weil wir uns ablenken. Oder wir tun das, was uns am Herzen liegt und wir nicht länger aufschieben sollten. Dann zerfließt unsere Zeit nicht, sondern ist gut gefüllt.

Um gefüllte Zeit geht es auch in der Karwoche, die morgen am Palmsonntag beginnt. Christen in aller Welt erinnern sich: Alles, was Leben ausmacht in diesen letzten Tagen vor der Kreuzigung, wird gegenwärtig: Verrat, Angst, Einsamkeit, aber auch Nähe, Treue und Trost. Jeder Augenblick im Leben Jesu zählt und ist kostbar. Nicht nur, weil seine Zeit auf der Erde unwiderruflich zu Ende geht, sondern weil kein Augenblick sinnlos verrinnt. Die Gegenwart öffnet sich hin zur Ewigkeit. Selbst in der tiefsten Verzweiflung vertraut Jesus sein Leben Gott an und noch im Augenblick des Todes lebt er mit Blick auf ihn. Das Ende seiner Zeit ist zugleich der Anfang von etwas Neuem, Zeitlosen. Gott sei Dank hat auch über mein Leben nicht die Zeit das letzte Wort. Sie mag unwiderruflich vergehen und einmal zu Ende sein. Aber sie ist nicht die Quelle meines Lebens. Wenn wir von der Zeit in die Ewigkeit wechseln, kehren wir zu dieser Quelle zurück. Gehen wir also irgendwo anders hin als nach Hause? Die Zeit mag mir die Jahre nehmen und doch hält sie Gott in seinen Händen (Psalm 31, 16). Er wird das, was zu Lebenszeiten offen geblieben ist, zu einem Ganzen fügen. Dann wird alles Schiefe und Krumme gerichtet und selbst das Tote in lebendige Gegenwart verwandelt. Darauf kann ich in jedem Augenblick meines Lebens bauen.

„Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen; mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen; der Augenblick ist mein, und den nehm ich in Acht. So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.“

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