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Europa

"Der Arme als positiver Held" - Bulgarische Befindlichkeiten

Im heutigen Bulgarien gilt Armut landläufig als Zeichen für Ehrlichkeit und Tüchtigkeit, während Wohlhabende meist als Betrüger und Mafiosi angesehen werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue soziologische Untersuchung.

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Arme Rentnerin in Sofia

Die Definition von Armut und Armen - das ist einer der charakteristischsten Unterschiede zwischen der bulgarischen Gesellschaft und den westlichen Gesellschaften. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der bulgarischen Agentur "Mediana". "In den westlichen Gesellschaften werden Armut, Arbeitslosigkeit und schlechte materielkle Lage eher versteckt, da sie den erfolglosen, unfähigen, unqualifizierten Menschen verraten, der man nicht sein möchte", sagt Koljo Kolev von "Mediana". "In Bulgarien dagegen wird Armut vielerorts zur Schau getragen."

Dies kam bei einer repräsentativen Meinungsumfrage heraus, die unter der Leitung Kolevs im Mai dieses Jahres mit 1000 Teilnehmern durchgeführt wurde. Die meisten Bulgaren betrachteten Armut demnach als Gewähr dafür, dass man ehrlich und gut sei, dass man nicht zu denen gehöre, die sich auf Kosten des Staates bereichern oder den Staat bestohlen haben.

Antihelden der Arbeit

Armut in Bulgarien Mann in Sofia

Nichts, wofür man sich schämen müsste: Armut in Bulgarien

"Der Arme ist der positive Held der neuen Zeit, so wie er es in der Zeit des Sozialismus, des Totalitarismus bereits gewesen ist", sagt Koljo Kolev. Das klingt seltsam, wenn man sich vor Augen führt, dass auch die Bulgaren Eigeninitiative, Engagement und Ehrgeiz als Voraussetzung für den Fortschritt der Gesellschaft betrachten. Doch diese Eigenschaften werden laut Kolev misstrauisch beäugt: "Die Menschen, die sich anstrengen, weil sie Wohlstand wollen, werden von denjenigen heftig kritisiert, die keinen Ehrgeiz und keine Ideen haben, die 'sozialistisch' arbeiten und 'kapitalistisch' konsumieren wollen," sagt der Soziologe.

So fordern 60 Prozent der Armen, dass die Reichen ins Gefängnis geschickt und mit hohen Steuern belastet werden sollen und man ihre Einkommen dem Landesdurchschnitt angleiche. Nur zehn Prozent der Befragten teilen diesen Standpunkt nicht. In der postkommunistischen Gesellschaft Bulgariens wird die Idee lanciert, dass die Armen eigentlich die ehrlichen, tüchtigen und sehr guten Menschen sind - im Unterschied zu denen, die reich werden, denn diese gelten als verachtenswert und stehen im Verdacht, Mafiosi und Betrüger zu sein.

"Sozialistische" versus "kapitalistische" Arbeiter

Verhält es sich wirklich so? Ist das Übel der Transformation und die Geldgier der Wohlhabenden der Grund für die Armut der Armen? Der Soziologe Kolev unterscheidet zwei Typen von Menschen im heutigen Bulgarien: "Diejenigen, die ernsthaft arbeiten, sich in die Aufgaben hineinknien, lernen und das Leben besser gestalten wollen. Und es gibt diejenigen, die die Arbeit einfach stört, die ihre acht Stunden am Arbeitsplatz ohne Anstrengung hinter sich bringen und keine Verantwortung übernehmen wollen."

Straßenszene in Sofia Bulgarien

Straßenszene in Sofia

Letztere bezeichnet Kolev als "sozialistische Arbeiter", da sie den klassischen Werktätigen im Sozialismus ähneln, die arm waren. 70 Prozent dieser "sozialistischen Arbeiter" gehören in der heutigen bulgarischen Gesellschaft zu den Armen. Ihnen gegenüber stehen die "kapitalistischen Arbeiter", die Verantwortung übernehmen wollen, mit neuen Ideen an ihre Aufgaben herangehen, die sich nicht scheuen, länger - das heißt zehn, zwölf oder 14 Stunden und auch sonntags - zu arbeiten. 80 Prozent dieser "kapitalistischen Arbeiter" ginge es materiell gut, sie seien als reich einzustufen, so Kolev.

Warten auf den Westen

"Die einen warten darauf, dass der Westen kommt, um sie zu adoptieren und für ihr Wohlergehen zu sorgen - mit sicherem Gehalt und sicherem 8-Stunden-Arbeitstag. Die anderen schaffen sich ihren eigenen Westen aus eigener Anstrengung - natürlich in erster Linie für sich selbst", sagt Koljo Kolev. Das traurige an der Transformation des Landes zur Marktwirtschaft sei, dass die "sozialistischen Arbeiter" die Mehrheit darstellten: 43 Prozent der Bulgaren gehörten zu dieser Kategorie, wobei der Anteil der "kapitalistischen Arbeiter" 36 Prozent betrage.

Wann ist mit einer Veränderung dieser Verhaltensweisen zu rechnen? Immer mehr junge Menschen sind laut Kolev eher "kapitalistisch" orientiert. Sie verlassen sich nicht auf den Staat, fühlen sich für den eigenen Wohlstand verantwortlich und sind bereit, dafür hart zu arbeiten. Deshalb ist Kolev optimistisch: In zehn bis 15 Jahren wird sich die Einstellung zur Arbeit, zur Armut und zum Reichtum wesentlich verändert haben.

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