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100. Todestag

Der alte neue Zeppelin

"Der Dümmste aller Süddeutschen" - so wurde Graf Zeppelin zu seinen Lebzeiten beschimpft. Heute ist sein 100. Todestag. Aber seine Technik lebt weiter - wenn auch in Nischen.

Die fliegende Zigarre war Graf Zeppelins Stolz und Lebensinhalt - das imposante, majestätisch monströse Luftschiff, das zum ersten Mal Passagiere fliegend über den Nordatlantik brachte. 

Natürlich trug es den Namen seines Erfinders. Adelig, mit Offizierslaufbahn, bestens vernetzt war Graf Ferdinand von Zeppelin "einer der allerersten, wenn nicht der erste Systemdenker der Luftfahrttechnik". So schätzt ihn Jürgen Bleiber, Leiter der Zeppelinabteilung des Zeppelin Museums Friedrichshafen im Gespräch mit der DW ein.

Dem Grafen ging es nicht nur darum, sein Luftschiff funktionsfähig zu machen. Er dachte breiter: Infrastruktur, Einsatzfelder, sogar Wetterkunde flossen in seine Tüfteleien mit ein. Und dazu holte er sich Hilfe von Fachleuten. Im Jahr 1908 baute er gemeinsam mit einem Meteorologen die zweite wissenschaftliche Wetterstation Deutschlands auf, in seiner Heimat am Bodensee. Graf Zeppelin war also vielmehr Netzwerker als Erfinder, sagt Jürgen Bleiber.  

Der Zeppelin als Militärmaschine und nationalistisches Symbol 

Obwohl das Luftschiff Zeppelin vor allem als ziviles Passagierfahrzeug in Erinnerung ist, war Graf Zeppelins Ziel ein ganz anderes: Er wollte Militärtechnik revolutionieren, die dritte Dimension erschließen und aus der Luft Krieg führen. Deutschland wollte er zur strategischen Überlegenheit vor allem gegenüber Frankreich und Großbritannien verhelfen. 

Deutschland Galerie Zeppelin Ferdinand Graf von Zeppelin Porträt (picture-alliance/dpa)

Graf Zeppelin ist mit den Anforderungen der Rüstungsindustrie gewachsen

Nachdem seine ersten Luftschiffe, die LZ1 und die LZ2, vor allem an unausgereiften Motoren scheiterten, war die LZ3 das erste Mal fähig, sich über eine längere Zeit in der Luft zu halten – ganze zwei Stunden schwebte sie über dem Bodensee. 

Damit wurde auch das Kriegsministerium neugierig. Es forderte: 'Baue ein Luftschiff, das 24 Stunden in der Luft bleibt – ohne Zwischenlandung!' "Das war eine völlig irre Forderung", meint Jürgen Bleibler, "weil die gesamte Technik total unausgereift und alle Komponenten eigentlich unerprobt waren." 

Graf Zeppelin versuchte es trotzdem. Und schaffte es im August 1908 – fast. Seine 24-Stunden-Fahrt sollte am Rhein entlang gehen, von Friedrichshafen bis nach Mainz und zurück. Doch wegen Motor- und Getriebeproblemen musste er zwischenlanden, sein Ziel war nun eigentlich gescheitert. Aber er fährt weiter. 

Die Fahrt wurde von einer "völlig irrsinnigen nationalistischen Euphorie getragen", wie Jürgen Bleibler vom Zeppelin Museum die damalige Lage beschreibt. Und Graf Zeppelin gefiel sich in seiner Rolle. Er stilisierte sich zum Bezwinger der Lüfte, zum Nationalhelden. 

Bei Echterdingen, in der Nähe von Stuttgart, war die Besatzung und das Luftschiff dann völlig am Ende – der Treibstoff ging aus, alle waren übermüdet. Die Luftfahrer waren zur erneuten Landung gezwungen. "Es entsteht eine Volkswanderung aus dem ganzen Stuttgarter Großraum", erzählt Jürgen Bleiber als wäre er dabei gewesen. Natürlich wollten alle die 139 Meter lange Zigarre sehen. Sie sprach patriotische Gefühle an - die "deutsche Seele", dich sich damals - sechs Jahre vor dem ersten Weltkrieg - nach nationalem Überschwang sehnte. 

Zeppelins Crowdfunding 

Am Nachmittag kam ein Sommergewitter auf. Es riss die LZ4 aus der Verankerung, sie verbrannte. Doch anstatt enttäuscht nach Hause zu gehen, fingen die Schaulustigen direkt am Platz bei Echterdingen an, Geld für Graf Zeppelin und seine fliegenden Wundermaschinen einzutreiben – eine veritable Volksspende. In nur wenigen Wochen kamen 6 Milllionen Mark zusammen – ein Vermögen. Damit war Graf Zeppelins Karriereweg gepflastert.

London, Weltkrieg 1915, Nachtlichter gegen Zeppeline (picture-alliance/arkivi)

London wehrt sich im ersten Weltkrieg mit Flutlichtern und ersten Flugabwehr-Geschützen gegen Zeppelin-Angriffe.

Er gründete die Firma "Luftschiffbau Zeppelin GmbH" und verfolgte weiter sein Ziel einer überwältigenden Kriegsmaschine. Als strammer Befürworter des Bombenkriegs entwickelte Ferdinand von Zeppelin im Ersten Weltkrieg die ersten strategischen Langstreckenbomber. Im Mai 1915 fallen zum ersten Mal Bomben aus einem Luftschiff auf das Zentrum von London. 

Zeppelin in zivil 

Während des Ersten Weltkriegs entwickelte sich die Technik rasant. 1914 hatten Zeppelins Luftschiffe noch eine Reichweite von 1500 Kilometern. Vier Jahre später - und ein Jahr nach Graf Zeppelins Tod – können sie bereits mehr als 10.000 km fahren. Das eröffnet eine nächste Option – den zivilen Passagierverkehr. 

Hugo Eckener, Graf Zeppelins Nachfolger, setzt sich für diese Entwicklung ein. 1928 lässt er die "Graf Zeppelin" bauen und richtet den ersten interkontinentalen Luftverkehr über den Südatlantik nach Brasilien ein. Für den Betrieb über den Nordatlantik – Reisen in die USA - ist die "Graf Zeppelin" jedoch zu klein. 

Deswegen wird die "Hindenburg" gebaut, 245 Meter lang und 200.000 Kubikmeter Gasfüllung. Sie schafft den Nordatlantik und halbiert die Reisezeit gegenüber Seeschiffen auf knapp drei Tage. 50 Passagiere hatten in der Hindenburg Platz – also nur eine "kleine, elitäre, zahlungskräftige Oberschicht der Transatlantikpassagiere", wie Jürgen Bleibler sagt. Größere Flugzeuge können damals so lange Strecken noch nicht ohne Zwischenstopp zurücklegen. 

USA Deutschland Zeppelin Das Luftschiff Hindenburg explodiert in Lakehurst (picture-alliance/dpa)

Die Explosion der Hindenburg setzte der zivilen Luftschiffahrt ein Ende

Das vorläufige Ende der großen Luftschiffe 

Am 6. Mai 1937 kam dann die Katastrophe: Die "Hindenburg" explodierte bei Lakehurst/New Jersey. 36 Menschen starben. Der Wasserstoff, mit dem die große Zigarre gefüllt war, hatte schon andere Luftschiffe in Flammen aufgehen lassen – in Berührung mit Sauerstoff ist Wasserstoff hochexplosiv.  

Doch das ungefährliche Ersatzgas Helium war rar und nur in den USA verfügbar. Die USA wollten diesen wertvollen Rohstoff indes für eigene Luftschiffe nutzen und nicht nach Nazideutschland liefern, wo die Stimmung immer stärker aufgeheizt war.

Nach dem Unglück der "Hindenburg" und mit der sich weiter entwickelnden Flugzeugtechnik endete die Zeit der großen Starrluftschiffe - die ihre Größe dem Gerüst in ihrem Inneren verdanken. 

Ein Neuanfang in der Nische 

Doch Graf Zeppelins Vermächtnis lebt weiter. Mit seiner Firmengründung hatte er auch viele Tochterfirmen aufgestellt, die sich um einzelne Teile der Luftschiffkonstruktion kümmerten. Sie entwickelten – auch damals schon – nicht nur Technologien für Zeppeline, sondern auch für Autos oder Flugzeuge. So überlebten sie bis heute, und mit ihnen die Faszination für die Luftschiff-Technologie.

Zeppelin NT (picture-alliance/dpa/P. Seeger)

Ein Zeppelin NT - die heutige Variante der Luftschiffe vom Bodensee

Seit Mitte der 1990er Jahre schweben nun auch wieder Zeppelins Zigarren über Friedrichshafen – modernisiert und längst nicht so groß wie die letzten Starrluftschiffe. Die neuen Modelle mit dem Namen "Zeppelin NT" sind 75 Meter lang und natürlich mit Helium befüllt.  

Und trotzdem sind sie immer noch genauso schnell – oder langsam – wie die alten Zeppeline: 125 km/h. Und genau das ist auch der Grund für ihre Beliebtheit, so Thomas Brandt, Geschäftsführer der Deutschen Zeppelin-Reederei im Gespräch mit der DW: "Die Qualität eines Luftschiffes liegt in der Langsamkeit und der Ruhe. Es ist wie ein Wal, etwas ganz bedächtiges."  

Die neuen Zeppeline fliegen heute vor allem Touristen über den Bodensee und werden als markante Werbefläche genutzt. Durch ihre ruhige, vibrationsarme und leise Fahrt sind die Luftschiffe auch für die Wissenschaft eine nützliche Plattform. Sie können sich bis zu 10 Stunden in der Luft halten und dabei sogar an einem Punkt stehen bleiben – wie Helikopter nur ohne Lärm und Wind. So wurden von Zeppelinen aus schon Luftzusammensetzungen und -temperaturen gemessen, Wasserwirbel und –ströme analysiert.

Ein Zeppelin NT wird in Friedrichshafen alle zwei Jahre gebaut. Nicht weil es nicht schneller ginge, sondern weil die Nachfrage nicht größer ist. Thomas Brandt weiß: "Wir [liefern] heute ein absolut einzigartiges Fluggerät. Aber wir sind eine Nische und wir bleiben eine Nische." 

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