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Asien

Der Alltag nach den Flitterwochen

China und Afrika haben sich erfolgreich zusammengerauft. Doch nun wird die Vernunftehe komplizierter, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Die Chinesen hatten keine Schmetterlinge im Bauch, als sie die Partnerschaft mit Afrika eingingen. Auch die Afrikaner waren nie im siebten China-Himmel. Und wie das in Beziehungen so ist, sagen die guten Vorsätze mehr über die Probleme der Partner, als ihnen lieb ist: "Wir werden niemals kolonial handeln oder koloniales Handeln dulden", sagte denn auch Premier Li, als er zu seinem achttägigen Antrittsbesuch nach Afrika aufbrach. Es ist die wohl schwierigste Reise eines chinesischen Top-Politikers, seit Premier Zhou Enlai vor genau 50 Jahren im Auftrag von Mao Zedong die Beziehungen mit Afrika aufgenommen hatte. Denn China wird mehr und mehr in innerafrikanische Konflikte verstrickt. Nun, da Nigeria seit einigen Monaten Südafrika als stärkste Wirtschaftsmacht abgelöst hat, muss Premier Li zum Beispiel aufpassen, nicht in den Bruderkampf der beiden Rivalen hineingezogen zu werden.

Bisher lag die Präferenz der Chinesen eher bei Südafrika. Die erste Auslandsreise des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping ging denn auch nach Südafrika. Und Pretoria, die Hauptstadt, war seine wichtigste Station. China ist Südafrikas größter Handelspartner.

Diplomatisch schwierige Mission

Premier Li reiste nun nach Nigeria und musste dort seine Worte vorsichtig wählen. Die Nigerianer sind immer noch verstimmt, dass Südafrika vor drei Jahren in den illustren Club der BRIC Länder aufgenommen wurde, die nun BRICS heißen. BRINC wäre auch nicht so gut angekommen. "At the brink" hätten die Skeptiker dann gelästert: Am Abgrund, was angesichts der prekären Lage aller BRICS Länder außer China nicht überzogen wäre.

GMF Foto Frank Sieren

DW-Kolumnist Frank Sieren

Wie tief die Demütigung sitzt, zeigte sich 2013 bei den Vorbereitungen des BRICS-Gipfels. Südafrika war Gastgeber und wollte der Welt zeigen, dass es ein ernstzunehmender afrikanischer Partner der aufstrebenden Schwellenländer ist, ja mehr noch: die Führungsmacht Afrikas. Es war der erste BRICS-Gipfel auf dem afrikanischen Kontinent. Kurz davor kritisierte der Gouverneur der nigerianischen Zentralbank, Lamido Sanusi, die Rolle der Chinesen in Afrika und damit auch ihre engsten afrikanischen Verbündeten. Die Aussagen Sanusis lasen sich wie eine Zusammenfassung der gängigen Klischees der Chinagegner in Afrika. Es ging um Neokolonialismus, Ausbeutung und Neoimperialismus. "Afrika", sagte der Zentralbankchef und meinte vor allem Südafrika, "öffnet sich jetzt bereitwillig zu einer neuen Form von Imperialismus".

Selbst der nigerianischen Regierung war diese plumpe Kritik unangenehm und sie erklärte unverzüglich, dass dies nicht die offizielle Meinung des Landes sei, sondern die persönliche des Gouverneurs. Nigeria will nämlich nicht weniger, sondern mehr mit China zusammenarbeiten. Bisher werden noch 30 Prozent des nigerianischen Öls in die USA exportiert, aber nur ein Prozent nach China. Da ist noch viel Spielraum für Geschäfte, nach dem Motto: Straßen für Öl. Vergangenen Februar hat China angekündigt, in der nächsten Stufe zehn Milliarden US-Dollar in Nigeria zu investieren. Die nigerianische Zentralbank ist die erste auf dem afrikanischen Kontinent, die den chinesischen Renminbi zu ihren Auslandsreserven zählt. Dafür unterstützt China Nigerias Antrag um einen Platz im UN-Sicherheitsrat. Eine Hand wäscht eben die andere.

Buhlen um Chinas Gunst

Die chinesischen Beziehungen zu Südafrika macht das nicht einfacher. Zwar versuchten der nigerianische Staatspräsident Goodluck Jonathan und sein südafrikanischer Counterpart Jacob Zuma im Mai vor einem Jahr in Lagos, die Wogen zu glätten. Zuma bezeichnete Johnson als seinen "ehrenwerten Bruder" und fügte hinzu, die Beziehung zwischen den beiden Ländern "wächst und ist von sehr herzlicher Natur". Johnson entgegnete: Als die beiden wichtigsten Länder Afrikas "müssen wir zusammenarbeiten".

Doch die Rhetorik konnte den Bruderkampf um die Vorherrschaft in Afrika im Gespann mit den Chinesen nicht befrieden, zumal Neid und Missgunst zwischen den beiden Ländern mindestens solange bestehen, wie die Chinesen in Afrika unterwegs sind. Nachdem Nigeria in den 60er Jahren unabhängig wurde, kämpfte die nigerianische Regierung für den Rückzug der weißen Kolonialherren, während sich die Südafrikaner einigelten. Jahrelang unterstützte Nigeria offen die Freiheitsbewegung am Kap, bis das Apartheitsregime 1990 seine Macht abgeben musste.

Die Dankbarkeit der südafrikanischen Opposition währte nur kurz. Als der General Sani Abacha sich 1993 in Nigeria mit Gewalt an die Macht putschte, war es mit der schwarzen Brüderlichkeit vorbei. Nelson Mandela, inzwischen südafrikanischer Präsident, wetterte gegen das Regime von Abacha, das in Nigeria bis 1998 mit eiserner Faust regierte. Mandela forderte sogar den Ausschluss Nigerias vom Britisch Commonwealth und rief zu einem Ölembargo gegen das westafrikanische Land auf. Inzwischen ist Abacha Geschichte und Nigeria demokratisch. Das Misstrauen zwischen Nigeria und Südafrika ist jedoch geblieben. Die Nigerianer sind nicht glücklich, dass sich südafrikanische Firmen in Nigeria breitmachen, aber nigerianische Firmen keinen Zugang zum südafrikanischen Markt bekommen.

Wenn es darum geht, die Infrastruktur Nigerias aufzubauen, haben nicht nur die Chinesen viel Erfahrung, sondern inzwischen eben auch die Südafrikaner. Für Nigeria ist also Südafrika, der engste politische Verbündete der Chinesen, gleichzeitig sein wirtschaftlicher Wettbewerber. Das bedeutet wiederum: Die Südafrikaner werden zuweilen mit ähnlich großer Skepsis empfangen wie die Chinesen. Willkommen in der Globalisierung.

Nigeria und Südafrika belauern sich argwöhnisch

Dabei wäre es viel sinnvoller für Nigeria und Südafrika, gemeinsam wirtschaftliche Spielregeln für die Chinesen zu entwickeln, so wie es die Chinesen für die Westler getan haben, in dem sie zum Beispiel die westlichen Investoren zwingen, ihre Produktionen zu lokalisieren. Doch wenn nicht einmal Deutschland und Frankreich gegenüber China mit einer Stimme reden, von der EU ganz zu schwiegen, wie will man das von Nigeria und Südafrika erwarten?

Eine Sorge der Nigerianer verhindert die Zusammenarbeit. In Abuja befürchtet man, dass die Südafrikaner ihr wirtschaftliches Engagement in Nigeria in politisches Kapital ummünzen und sich eine bessere innerafrikanische und internationale Position auf Kosten Nigerias verschaffen wollen. Diese Sorge führt dazu, dass China der lachende Dritte bleiben kann, wenn Premier Li auf seiner Reise in dieser Woche die richtigen Worte findet: Lieber noch Chinesen als Südafrikaner - hört man immer wieder in Abuja, die spielen in einer anderen Liga und können sogar noch helfen, politische Interessen Nigerias durchzusetzen, auch solche, die südafrikanischen Interessen widersprechen.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass es auch schon in der AU - ebenfalls auf Lis Besuchsplan - im Gebälk kracht, wenn Nigeria und Südafrika aufeinandertreffen. Als sich Südafrika im vergangenen Jahr um den Vorsitz der Kommission der Afrikanischen Union bemühte, verweigerte Nigeria die Unterstützung und blamierte sich - als Südafrika sich dann doch mit seiner Kandidatin Nkosazana Dlamini-Zuma durchsetzte. Die ehemalige südafrikanische Außenministerin und Ex-Frau von Präsident Zuma ist die erste Frau, die den Posten innehat. Als AU-Vorsitzende hat auch sie keine leichte Aufgabe in ihrem Gespräch mit Premier Li. Sie muss China in die Schranken weisen, ohne, dass es eine einheitliche China-Linie der AU gibt. Gleichzeitig muss sie Premier Li überzeugen, mehr in Afrika zu investieren. Dass Premier Li sich im AU-Hauptquartier im äthiopischen Addis Abeba fast wie zu Hause fühlt, macht es nicht einfacher: Das Marmorgebäude für 150 Millionen Euro haben die Chinesen Afrika vor gut zwei Jahren geschenkt - ohne Hintergedanken natürlich.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.