1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Amerika

Der Albtraum im gelobten Land

In Buenos Aires werden Gäste mit offenen Armen empfangen, wenn sie aus Europa kommen. Gegenüber Menschen aus den ärmeren Ländern Lateinamerikas wie Bolivien, Paraguay und Peru sind die Argentinier oft fremdenfeindlich.

Ghetto-Skyline in Buenos Aires (Foto: AP)

"Argentinien hat sich immer als weißes Land verstanden. Die Diskriminierung gegenüber den Einwanderern aus den Nachbarländern hat viel mit der Hautfarbe zu tun, mit den Gesichtszügen und der Armut. Es gab einmal im ganzen Viertel Plakate, auf denen stand: Die Bolivianerinnen wollen wir nicht mal als Nutten." Lourdes Rivadeneyra spricht aus eigener Erfahrung. Sie kam vor 18 Jahren aus Peru nach Argentinien, heute arbeitet sie bei der Inadi, der argentinischen Antidiskriminierungsbehörde. Dort hilft sie Einwanderern aus Bolivien, Paraguay und Peru dabei, sich ein neues Leben in Argentinien aufzubauen.

Offiziellen Schätzungen zufolge stammen inzwischen etwa zehn Prozent der 38 Millionen Einwohner Argentiniens aus diesen drei Ländern, Tendenz steigend - denn Argentinien gilt als das gelobte Land, ähnlich wie die USA in Mittelamerika. Lourdes Rivadeneyra: "Die Leute träumen den amerikanischen Traum. Sie glauben, dass sie ein großartiges Leben in Argentinien vorfinden. Aber leider ist die Realität eine andere. Viele haben keine Arbeit, leben unter unmenschlichen Bedingungen, in sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen."

US-Dollar, ein sehr gutes Leben und leckeres Essen?

Erwachsene bolivianische Analphabetinnen treffen sich, um lesen und schreiben zu lernen (Foto: DW)

Geduldet, aber nicht geliebt: Bolivianer in Argentinien

Umfragen zeigen, dass sechs von zehn Bolivianern mit dem Gedanken spielen, ihre Heimat zu verlassen. Viele von ihnen wollen nach Argentinien. Weil sie schlecht informiert seien und nicht wissen, was sie vor Ort erwarte, sagt Lourdes Rivadeneyra. Ein Auswanderer gebe gegenüber der Familie in der Heimat nicht zu, wenn es ihm nicht gut geht. Und so bleibt der Traum vom gelobten Land bestehen. Wie bei Shirley López, die vor drei Jahren nach Buenos Aires kam: "Ich wusste nicht, wie das Leben in Argentinien war, aber ich hatte von Freundinnen gehört, dass Argentinien genial war, dass man in Dollar verdient, dass das Leben sehr gut sei und das Essen lecker."

López ist klein und hat einen dunklen Teint. Keine guten Voraussetzungen für ein neues Leben in Argentinien. Zunächst arbeitete Shirley als Schneiderin in einer koreanischen Textilfabrik, jetzt ist sie Hausfrau und kümmert sich um ihre kleine Tochter. Seit drei Jahren wohnt die 34-Jährige nun schon in Buenos Aires und fühlt sich noch immer fremd. Hätte sie dort nicht ihren Mann kennengelernt, sie wäre längst wieder in Bolivien. López wünscht sich von den Argentiniern mehr Respekt: "Alle Argentinier sind Einwanderer. Und sie leben auf dem Land der Quechua, Aymara und Querandíes. Aber das wollen sie nicht verstehen. Sie sagen immer, dass wir die Invasoren, die Einwanderer sind, weil wir klein sind und braune Haut haben. Indios nennen sie uns, Scheiß-Bolivianer, schmutzige Bolitas."

Früher Italien und Spanien, jetzt Kolumbien und Haiti

Ein Mann schaut aus einer Wellblechhütte in Argentinien (Foto: AP)

Endstation Armenviertel: Für viele Einwanderer endet der Traum hier

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts haben vor allem italienische und spanische, aber auch jüdische und arabische Einwanderer die argentinische Gesellschaft stark geprägt. Heute sei die Situation anders, sagt Lourdes Rivadeneyra. Argentinien müsse sich an Einwanderer aus allen Regionen Lateinamerikas gewöhnen: "Früher kamen zum Beispiel wenige Kolumbianer, jetzt kommen mindestens zehn am Tag, die meisten sind Jugendliche. Auch aus Haiti kommen sehr viele Flüchtlinge, nicht erst seit dem Erdbeben." Rivadeneyra ist sich sicher, dass die Armut der Einwanderer die Fremdenfeindlichkeit in Argentinien fördert: "Ein Ausländer, der Geld hat, wird hier nicht diskriminiert."

Autorin: Karen Naundorf
Redaktion: Oliver Pieper