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Afrika

Der Abstieg des Goodluck Jonathan

Nigerias Präsident hatte in seinem politischen Leben viel Glück - nun muss er abtreten. Adrian Kriesch und Jan-Philipp Scholz über einen Verlierer, der sich aus einfachen Verhätnissen nach ganz oben gearbeitet hatte.

Ebua Walter genießt die friedliche Atmosphäre in dem kleinen Ort Otuoke. Der Rentner sitzt am Wasser und beobachtet spielende Kinde und vorbeiziehende Kanus. Doch auf Nigerias Präsidenten Goodluck Jonathan angesprochen, wird der 65-Jährige plötzlich erstaunlich agil: "Er war so ein toller, gut erzogener Junge! Ich habe ihn oft gesehen, wie er mit seinem Vater in den Wald gegangen ist, um Holz für die Boote zu fällen."

In Armut aufgewachsen

Jonathan kommt aus einfachen Verhältnissen. 1957 kam er in Otuoke zur Welt. Sein Vater baute Kanus, seine Mutter sorgte sich um die Kinder. Sein Heimatort liegt im Herzen des Nigerdeltas, einer Region, die immer wieder für Negativ-Schlagzeilen sorgt, seitdem hier 1960 das erste Mal Öl gefunden wurde: undichte Pipelines, die die Vegetation ganzer Landstriche zerstören und den Menschen ihre Lebensgrundlage entziehen. Brutale Milizengruppen, die Einheimische und Ausländer entführen und gigantische Lösegeldforderungen stellen.

Alltagsleben in Präsident Jonathans Geburtsort Otuoke Foto: Scholz/Kriesch Foto: Scholz/Kriesch

Alltagsleben in Präsident Jonathans Geburtsort Otuoke

In Otuoke ist von alldem nichts zu spüren. Im Gegenteil: Der Ort wirkt idyllisch, fast wie ein Vorzeigedorf gelungener Entwicklung: Die Straßenlaternen sind solarbetrieben, selbst Seitenstraßen sind asphaltiert, alles wirkt sauber und geordnet. Dass der scheidende Präsident Jonathan hier geboren wurde und einen Großteil seiner Kindheit und Jugend in dem Ort verbrachte, hat dem relativen Wohlstand Otuokes sicher nicht geschadet. Doch es sind fast nie die Entwicklungsprojekte im Ort, die von Jonathan vorangetrieben wurden, über die die Menschen hier sprechen wollen. Egal, mit wem man in Otuoke redet: Stets loben die Bewohner den Charakter des berühmten Sohnes des Ortes in den höchsten Tönen.

In Rekordzeit vom politischen Nobody zum Präsidenten

Nitabai Inengite-Esosi ist einer der traditionellen Führer in Otuoke. Er ist mit dem scheidenden Präsidenten zur Schule gegangen - und bis heute komme ihn Jonathan regelmäßig besuchen. "Ihm sind seine Freunde und seine Familie sehr wichtig", so Inengite-Esosi. Dass er es einmal bis zum Präsidenten Nigerias bringen würde, daran habe früher niemand gedacht. Dazu sei er "viel zu bescheiden und ehrlich" gewesen. Der junge Jonathan zeichnete sich offensichtlich weder durch übergroße Ambitionen noch durch überdurchschnittliche Talente aus. Einige politischen Beobachter, die ihm weniger wohlgesonnen sind als die Bewohner seines Heimatortes, sprechen deshalb auch gerne von einer "Reihe von Unfällen", die Goodluck Jonathan schließlich bis an die Spitze des Staates gebracht haben.

Nitabai Inengite-Esosi, traditioneller Führer in Präsident Jonathans Geburtsort Otuoke, auf einem Foto zusammen mit dem Präsidenten Foto: Scholz/Kriesch

Nitabai Inengite-Esosi, traditioneller Führer in Jonathans Geburtsort Otuoke, auf einem Foto zusammen mit dem Präsidenten

Nach seinem Zoologie-Studium arbeitete Jonathan als Dozent und Umwelt-Referent für die Entwicklungskommission im Nigerdelta. Es ist eine Behörde, die durch Entwicklungsprojekte die ölreiche aber in vielen Teilen verarmte und von Konflikten gebeutelte Region fördern soll. In die Politik zog es Jonathan erst Ende der 90er Jahre. Als Mitglied der bereits damals regierenden Demokratischen Volkspartei (People's Democratic Party, PDP) wurde Jonathan zum stellvertretenden Gouverneur seines Heimat-Bundesstaates Bayelsa gewählt.

Vor allem Jonathans Ruf als loyaler Parteifunktionär sorgte dafür, dass der damalige Präsident Olusegun Obasanjo zu Goodluck Jonathans Förderer wurde. 2007 wurde Jonathan Vize-Präsident und knapp drei Jahre später - als Präsident Umaru Yar'Adua im Amt starb - schließlich zu Nigerias Staatsoberhaupt. Innerhalb weniger Jahre wurde aus dem politischen Nobody Goodluck Jonathan der Präsident von Afrikas größter Demokratie. Jetzt wurde er abgewählt.

Die selbstgesteckten Ziele verfehlt

Jonathans fünfjährige Bilanz Jahren an der Macht wird selbst von ihm nahestehenden politischen Beobachtern als bestenfalls durchwachsen bewertet. Bei zwei seiner größten Themen - der Stromversorgung und der Korruptionsbekämpfung - steht das Land heute schlechter da als zu Beginn seiner Präsidentschaft. Noch immer haben gerade einmal 40 Prozent aller Nigerianer Zugang zur Stromversorgung. Beim Korruptions-Ranking von Transparency International lag Nigeria im Jahr 2014 auf dem 136. Platz von insgesamt 175 Ländern.

Wahlkampfplakate mit Präsident Jonathan in Otuoke

Wahlkampfplakate mit Präsident Jonathan in Otuoke

Auch Jonathans eigene Administration wurde von zahlreichen Korruptionsaffären erschüttert: Eine parlamentarische Untersuchung deckte 2012 auf, dass innerhalb von nur drei Jahren staatliche Öl-Einahmen in Höhe von mehr als fünf Milliarden Euro in korrupten Kanälen versickert waren. Der Politikanalyst Nenge James beklagt, dass diese Selbstbedienungsmentaliät der politischen Elite unter Jonathan die Schere zwischen Arm und Reich in Nigeria noch erheblich vergrößert habe: "In Nigeria leben noch immer zu viele Menschen in Armut - mitten im Reichtum unseres Landes."

Schlechte Ausgangslage bei anstehenden Wahlen

Die von vielen Politik-Experten beklagte Schwäche wurde Jonathan bei den Wahlen nun zum Verhängnis. So auch der Kampf gegen Boko Haram. Zwar versuchte das Staatsoberhaupt noch Wochen vor der Wahl, Entschlossenheit bei der Bekämpfung der Terroristen zu demonstrieren. So konnte Nigerias Armee seit Mitte Februar, als die Präsidentschaftswahlen eigentlich hätten stattfinden sollen und mit Verweis auf die angespannte Sicherheitslage verschoben wurden, zahlreiche Erfolge gegen Boko Haram erzielen. Mit Unterstützung von Truppen aus den Nachbarstaaten Kamerun, Niger und Tschad vertrieb sie die Dschihadisten, die zwischenzeitlich in Nordostnigeria ein Territorium der Größe Belgiens kontrollierten, aus zahlreichen Hochburgen. Trotzdem ist Boko Haram noch lange nicht geschlagen.

Außerdem fragten sich viele Nigerianer, warum der Präsident erst kurz vor den Wahlen begonnen hatte, diese Entschlossenheit im Kampf gegen die Terroristen zu demonstrieren. Sie nehmen Jonathan noch immer übel, die Angehörigen der fast 300 im Frühjahr 2014 in Chibok entführten Schülerinnen nie besucht zu haben. Noch vor zwei Jahren antwortete der Präsident in einem seiner wenigen Fernsehinterviews zum Terrorproblem auf das mehrfache Nachfragen einer hartnäckigen Reporterin von Sahara TV, was seine Regierung denn konkret gegen Boko Haram unternehme, lapidar, man "arbeite hart" an dem Thema.

Nitabai Inengite-Esosi, der traditionelle Führer aus Goodluck Jonathans Heimatort, hat ihn trotzdem wieder gewählt. Doch seine Gründe klingen nicht besonders politisch motiviert: Er sei nunmal sein "Bruder" und außerdem ein netter Kerl. Auf die Frage, ob er den scheidenden Präsidenten denn auch für einen guten Politiker halte, antwortet das traditionelle Oberhaupt Otuokes ausweichend: Goodluck sei ja eigentlich Zoologe, Politik habe er nie wirklich gelernt.

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