Der Aachener Karlspreis-Träger Emmanuel Macron ist auch Kultur-Visionär | Kultur | DW | 09.05.2018
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Kultur

Der Aachener Karlspreis-Träger Emmanuel Macron ist auch Kultur-Visionär

Der französische Präsident Macron hat den renommierten Karlspreis der Stadt Aachen erhalten - für seine kraftvolle "Vision eines neuen Europas". Diese Visionen betreffen auch den kulturellen Bereich.

Jung, vital, charismatisch, unverbraucht, visionär - so gewinnt Emmanuel Macron 2017 die Präsidentschaftswahl in Frankreich. Seit dem 14. Mai letzten Jahres ist er im Präsidentenamt. Mit der Verbreitung neuer Ideen lässt er nicht lange auf sich warten: Macron liefert eine politische Regierungserklärung für Europa, fordert die vollständige Rückgabe kolonialer Kulturschätze an Afrika und nimmt auf der Frankfurter Buchmesse 2017 eine Positionsbestimmung vor: Der französische Präsident legt ein Bekenntnis zu einem "Europa der Kultur" ab. Außerdem will dem französischen Zentralismus, den es auch im kulturellen Bereich gibt, hier und dort etwas entgegensetzen - etwa, indem er die Mona Lisa in die französische Provinz schickt.

"Le président littéraire"

Der französische Präsident Emmanuel Macron gilt als ein Mann der Kultur. Der Schriftsteller Eric-Emmanuel Schmitt bezeichnet ihn als "président littéraire" - und das mit Recht: Mit 16 Jahren will er bereits Schriftsteller werden, gewinnt einen Wettbewerb in französischer Sprache, spielt Klavier und Theater. Seine Magisterarbeit schreibt er über Machiavelli, seine Diplomarbeit über Hegel. Doch wie steht es um den Kulturmenschen Macron im Staatsamt? Wer über diesen sprechen möchte, kommt nicht umhin, zunächst den visionären Politiker Emmanuel Macron zu betrachten.

"Ein starkes gemeinsames, souveränes Europa schaffen"

Bundeskanzlerin Merkel undStaatspräsident Macron. Deutschland Französischer Präsident Emmanuel Macron in Berlin (picture-alliance/AP Photo/M. Sohn)

Wo liegt Europas Zukunft? Macron (r.) hat durchaus eigene Vorstellungen

Ausgerechnet die altehrwürdige Pariser Universität Sorbonne wählt der französische Staatspräsident Emmanuel Macron am 26. September 2017 für eine Grundsatzrede, für seine große Vision von Europa. Seine Diagnose: "Das Europa, das wir kennen, ist zu schwach, zu langsam, zu ineffizient. Aber nur Europa gibt uns in dieser Welt Handlungsspielraum anlässlich der großen Herausforderungen." Macron fordert ein starkes gemeinsames, souveränes Europa. Und so legt er eine komplette europäische Regierungserklärung ab. Kaum ein politisches Muss-Thema lässt er dabei aus: Flüchtlingskrise, Asyl, ein gemeinsamer europäischer Haushalt, Ökologie. Der Staatspräsident sieht sich als Schrittmacher: "Ich übernehme die Verantwortung, neue Vorschläge zu machen, weiter zu gehen, Europa voranzubringen. Ich will nicht alles neu erfinden, es ist schon viel gesagt worden." Dem Thema Kultur gibt Macron jedoch bei der Grundsatzrede an der Sorbonne so gut wie keinen Raum. Doch das wird sich rund zwei Wochen später ändern.

"Europa in die Welt tragen"

Emmanuel Macron ist Ehrengast bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Frankreich ist 2017 Gastland und so nutzt der französische Staatspräsident seine Eröffnungsrede am 10. Oktober zu einer Positionsbestimmung in Sachen Kultur. Er skizziert die kulturelle Vielfalt, Bedeutung und Verantwortung Europas in kultureller Hinsicht. Das Verhältnis von Franzosen und Deutschen sieht er gewissermaßen als einen Eckpfeiler an, das sich auch literarisch gegenseitig bereichert habe: "In und mit Hilfe von Büchern haben Frankreich und Deutschland das Wissen übereinander aufgebaut: Reiseberichte, alte Märchen, Gedichte, Romane, Philosophie - nichts des Anderen ist uns fremd. Unzählbar sind die Leser, Kritiker, Gelehrten, die auf beiden Seiten unserer Grenzen die Werke von der anderen Seite bis ins letzte Detail analysiert haben. Seit Jahrhunderten lesen wir unablässig gegenseitig unsere Werke, übersetzen und interpretieren sie."

Deutschland Frankfurter Buchmesse 2017 Eröffnung Macron (Getty Images/AFP/L. Marin)

Kultur-Erklärer auf der Buchmesse

Für Macron haben beide Länder auch im kulturellen Bereich die Aufgabe, etwas zu bewirken - etwa mit Blick auf die Förderung der Sprachen: "Europa muss in der Lage sein, durch seine kreative Vorstellungskraft unseren Kontinent in die weite Welt zu tragen. Durch unsere Autoren, die jeden Tag schaffen, erfinden, schreiben. Durch unsere Fähigkeit, die Sprachen Europas weltweit erklingen zu lassen."

Zugleich geht Macron auf den innereuropäischen Kontext ein, wenn er unterstreicht, er wünsche sich, "dass wir das Russische wieder in den Schoß der europäischen Sprachen holen, die russische Sprache, die sich durch die gesamte europäische Kultur zieht. Wir sollten keine Angst haben vor Kulturen, die an der Schwelle zu Europa stehen!"

Jugendlichen Zugang zur Kultur verschaffen

Das kulturpolitische Ziel, die französische Kultur zu demokratisieren, will der französische Präsident mithilfe eines "passe culture" realisieren. Diesen "Kulturpass" im einmaligen Wert von 500 Euro sollen französische Jugendliche an ihrem 18. Geburtstag geschenkt bekommen und ihn nutzen, um ihren persönlichen Weg in die Kultur zu finden. Hierbei ist es ganz gleich, ob sich dieser dann in einer Reise nach Barcelona oder in einer Theaterdauerkarte realisiert.

In Italien gibt es diesen Pass bereits, dort hat man jedoch mit Schwarzhändlern alles andere als gute Erfahrungen gemacht. Die 500 Euro in Frankreich sollen deshalb nur über eine App ausgegeben werden. Bei der Finanzierung holt sich Macron Hilfe von den vier Internetgiganten Google, Amazon, Facebook und Apple (GAFA). Macron macht sie zu Partnern des Kulturprojekts, weil die globalen Konzerne besonders vom digitalisierten Wissen profitieren. 

Hinter dem Vorhaben Macrons und des französischen Kulturministeriums verbirgt sich jedoch ein enormer Kostenaufwand: Bei rund 850.000 Jugendlichen, die 2018 ihren 18. Geburtstag feiern, würden sich die Kosten für den Pass auf rund 425 Millionen Euro belaufen. Ab September 2018 beginnt daher zunächst eine Testphase für den Kultur-Pass, in der er vorerst nur in den vier Départements Bas-Rhin, l'Hérault, Seine-Saint-Denis und Guyane eingeführt wird.

"Zeitweilige oder dauerhafte Rückgabe des afrikanischen Erbes an Afrika"

Mit dieser Forderung bei einer Rede an der Universität von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, im November 2017 wappnete Macron den Weg für eine kulturelle Revolution in ganz Europa. Innerhalb der nächsten fünf Jahre wolle er in Zusammenarbeit mit den betroffenen afrikanischen Ländern eine "zeitweilige oder dauerhafte Rückgabe des afrikanischen Erbes" ermöglichen und - passend zu seiner Europapolitik - ein gemeinsames Bewusstsein schaffen. "Ich gehöre zu einer Generation von Franzosen, für die die Verbrechen der europäischen Kolonialisierung unbestreitbar und Teil unserer Geschichte sind." Macron verneint nicht, dass es historische Gründe für die Verteilung des Kulturerbes gibt. Für ihn ist dies jedoch keine Entschuldigung dafür, warum ein Objekt neben Paris nicht auch in Togo oder Benin ausgestellt werden sollte.

Panorama: Stadtschloss (picture alliance/dpa/360-Berlin)

Baustelle Humboldtforum in Berlin

Dass er sich mit seinem Vorhaben über die französische Gesetzesgrundlage hinwegsetzt, scheint ihn nicht zu kümmern. Vor den Augen hunderter Studentinnen und Studenten sowie dem Präsidenten von Burkina Faso beteuert er, "alles zu tun", um diese Restitution möglich zu machen. Seine Rede bezieht sich seinerzeit zunächst nur auf die prestigeträchtigen Sammlungen afrikanischer Kunst in Paris. Mit seinen Forderungen schlägt er aber in ganz Europa Wellen. Von dem Streit über das koloniale Erbe ist beispielsweise - neben vielen großen europäischen Museen - auch das zukünftige Humboldtforum in Berlin betroffen - mit 75.000 afrikanischen Objekten.

Große Worte, viele Fragen: Wie die präsidialen Ankündigungen auf der französischen Seite umgesetzt werden sollen, was mit Privatsammlungen geschieht und wie mit beschädigten Objekten umgegangen wird, all das hat Macron bislang nicht beantwortet.

Dezentralisierung der französischen Kultur

Die kulturelle Demokratisierung und Dezentralisierung waren zentrale Wahlversprechen des französischen Präsidenten. Ein Vorhaben Macrons, das neben dem Kulturpass für junge Erwachsene dabei helfen soll, die kulturpolitischen Ziele Frankreichs zu erreichen, ist die Bekämpfung der "kulturellen Segregation": Jeder Bürger soll einen Zugang zu nationalen Kunstschätzen haben. Im Kulturkosmos Frankreich leuchtet jedoch seit jeher bloß ein einziger heller Stern: der von Paris. Das kulturelle Angebot der Hauptstadt ist kaum zu übertrumpfen.

Leonardo da Vinci Mona Lisa (picture-alliance/United Archive)

Geht die Mona Lisa auf Tournee?

In der französischen Provinz hingegen gibt es pro 10.000 Einwohner nur eine kulturelle Institution – beispielsweise eine Bibliothek oder ein Kino. Vom französischen Kulturangebot profitieren daher vor allem mobile Eliten, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Hauptstadt oder nach Lyon oder Bordeaux reisen können.

Im Kampf gegen die Zentralisierung der französischen Kultur spielt daher aktuell das weltbekannte Gemälde der Mona Lisa eine unverkennbare Rolle: Die französische Kulturministerin François Nyssen "erwägt ernsthaft", das Gemälde in Absprache mit Macron auf eine Reise in die Louvre-Zweigstelle von Lens zu schicken. Diese dreimonatige Ausleihe wird, Transport inbegriffen, mit Kosten von 35 Millionen Euro beziffert. Darüber hinaus würde die Leihe einen Einnahmeverlust in der Hauptstadt bedeuten, denn 90 Prozent der Besucher kommen nur zum Louvre, um das mysteriöse Lächeln der Mona Lisa zu bestaunen. Die Frage nach der Gefährdung des Gemäldes wies Nyssen entschieden ab. Macron habe ihr schließlich auch angeboten, den 1000 Jahre alten Bildteppich von Bayeaux nach England zu schicken.

Der Präsident der französischen Republik wird in Aachen für seine Visionen für Europa und eine neu strukturierte Zusammenarbeit der Völker und Nationen geehrt. Doch auch, um seine kulturpolitischen Ziele zu erreichen, beschreitet er die unterschiedlichsten Wege und bringt kulturelle Innovationen hervor. 

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