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Fokus Südosteuropa

Der 23. August 1944 und die Last der Geschichte

Die Beteiligung Rumäniens am II. Weltkrieg sorgt immer noch für unterschiedliche Interpretationen. Besonderen Zündstoff erhielt die Debatte um den 23. August 1944 auch wegen einer Äußerung von Präsident Basescu.

Der rumänische Marschall und Politiker Ion Antonescu (links) im Gespräch mit Führer und Reichskanzler Adolf Hitler (rechts) in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Schwarz-weiss (Photo: picture-alliance/dpa)

Der rumänische Marschall Ion Antonescu bei Adolf Hitler

Vor allem der 23. August 1944 - der Tag, an dem Rumänien das Bündnis mit Hitler kündigte und sich auf die Seite der Alliierten stellte - wird in der Gesellschaft kontrovers diskutiert. Einst von den kommunistischen Machthabern zum Nationalfeiertag ausgerufen, ist die Bedeutung des 23. Augusts 1944 heute fast schon in Vergessenheit geraten. Dennoch bleibt das Datum politisch relevant.

An jenem Tag, gut ein Jahr vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges stürzte der rumänische König Mihai I. die faschistische Regierung unter Marschall Ion Antonescu. Die Allianz mit den Nazis war gebrochen. Antonescu wurde hingerichtet. Rumänien wechselte die Fronten und schloss sich den alliierten Mächten an.

Der König und seine Geheimnisse

Rumäniens Ex-König Mihai I. bei einer Audienz für Medienvertreter im Prager Hilton Hotel (Photo: picture-alliance/dpa/dpaweb)

Der König ist stolz auf seine Rolle beim Frontenwechsel

Der frühere König Mihai I., eine Schlüsselfigur der Ereignisse vom August 1944, lebt noch und lässt trotz seiner sprichwörtlichen Diskretion gelegentlich die damaligen Handlungsmotive durchblicken.

Doch auch weitere Faktoren spielen eine Rolle in der Bewertung der damaligen Ereignisse: Die Folgen des II. Weltkriegs, die bis heute nicht endgültig beseitigt wurden, nährten Hoffnungen auf eine Wiedervereinigung Rumäniens mit seiner ehemaligen rumänischen Provinz Bessarabien - der Republik Moldau.

Und schließlich: Jahrzehnte lang wurde keine ehrliche öffentliche Debatte geführt über die Rolle des faschistischen Diktators Ion Antonescu, der das Land von 1940 bid 1944 regierte. Er war an der Seite Hitlers 1941 in die Sowjetunion einmarschiert und ist verantwortlich für die Ermordung der rumänischen Juden.

Späte Besinnung

Flaggen von Rumänien und der EU (Photo: DW)

Druck, die Geschichte aufzuarbeiten, kommt auch von der EU

Es ist für die rumänische Gesellschaft wenig schmeichelhaft, dass es zu einer Verurteilung des Antonescu-Regimes erst im Zuge der NATO-, und EU-Integration des Landes kam, als die USA und andere westlichen Länder diskreten Druck auf die Regierung in Bukarest ausübten.

Doch die immer wieder aufkommende “Ehrlichkeit“ im öffentlichen Diskurs, wenn über die dunklen Wirren jener Zeit gesprochen wird, zeigt, wie oberflächlich die Vergangenheitsbewältigung in Rumänien geblieben ist.

Zuletzt war es Präsident Traian Basescu, der in diesem Sommer mit seinen persönlichen Betrachtungen für Verwirrung sorgte. In einem TV-Interview sagte Basescu, Antonescus Regime sei selbstverständlich wegen des rumänischen Holocausts zu verurteilen. Der Einmarsch in die Sowjetunion an der Seite Hitlers hingegen sei ein patriotischer Akt gewesen. Den König nannte Basescu einen „Verräter“ und „Russenknecht“. Für seine Rolle im August 1944 hatte Mihai I. einen sowjetischen Orden erhalten.

Die Abdankung des Königs Ende 1947 bezeichnete der Präsident einen "Akt des Verrats an den nationalen Interessen" Rumäniens. Mihai I. war von den Sowjets und der damaligen Regierung gezwungen worden, zurückzutreten und das Land zu verlassen. Rumänien wurde eine Volksrepublik nach sowjetischem Muster.

Präsident vs. König

Rumäniens Präsident Basescu vor der Nationalflagge des Landes im Porträt (Photo: picture-allinace/dpa)

Präsident als Unruhestifter: Traian Basescu

Warum der rumänische Präsident gerade jetzt den früheren König öffentlich angreift, bleibt für viele unklar. Noch 2006 hatte Basescu eine Expertenkommission berufen, die sich mit den Verbrechen der kommunistischen Diktatur beschäftigte.

Im Bericht der Kommission, den Basescu - sehr zum Ärger der Ultranationalisten - im Parlament verlas, wird die historische Rolle des Königs im Zusammenhang mit der Verhaftung Antonescus am 23. August 1944 ausdrücklich gewürdigt.

Heute, fünf Jahre nach Veröffentlichung des Kommissionsberichts, kommen die jüngsten Betrachtungen Basescus den rumänischen Revisionisten sehr gelegen. Sie sehen in Antonescu den Helden, der für die Wiederherstellung Großrumäniens gekämpft hat, und wollen seine Rehabilitierung. Es wäre fatal, wenn die Äußerungen Basescus diesem Teil der rumänischen Gesellschaft Auftrieb leistete.

Autoren: Horatiu Pepine, Robert Schwartz

Redaktion: Bistra Seiler

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