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Kultur

Denkmal für die Schlacht der Völker

Nationaldenkmal, Monstrum, "Völki" – das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig hat viele Beinamen. Das Bauwerk ist ein Zeugnis deutscher Geschichte. Deshalb schickt sogar die Bundeswehr ihre Soldaten zur Besichtigung.

Das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig (Foto: Steffen Poser)

Johanna Kräker hat es nicht leicht. Da ist der böige Wind, der ohne Voranmeldung von der Seite ums Denkmal herumgeweht kommt, ihr das Haar zerzaust und immer wieder ins Wort fährt. Und dann sind da auch noch die über dreißig Soldaten in Uniform, gegen die sie kraftvoll ihre Stimme erheben muss. Die Truppe der Bundeswehr hat allerdings eine Voranmeldung, und zwar für eine einstündige Führung rund ums Leipziger Völkerschlachtdenkmal – und Johanna Kräker ist zufällig die Leiterin dieses Rundgangs. Ein Zufall ist allerdings auch das nicht, denn seit gut 17 Jahren ist genau das ihr Job.

Wuchtig, geradezu monströs, steht das Völkerschlachtdenkmal in der Landschaft, ähnlich einer Festung, umringt von Schutzwällen und einer ebenfalls aus Stein gebauten Außenanlage. Riesige Granitblöcke mussten damals, beim Bau vor 100 Jahren, hier in den Osten der Stadt transportiert werden. Das Gesamtgewicht des kolossalen Tempels wird auf 300 Tausend Tonnen geschätzt.

Schlacht der Völker

Offiziersanwärter besuchen das Denkmal (Foto: Ronny Arnold/ DW)

Geschichtsstunde für Soldaten

Als Johanna Kräker erwähnt, dass in der Völkerschlacht bei Leipzig über eine halbe Million Soldaten kämpften und etwa 100.000 von ihnen ihr Leben verloren, kehrt in den Reihen der Bundeswehrtruppe plötzlich Ruhe ein. Die Völkerschlacht bei Leipzig war bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts die größte Feldschlacht der Weltgeschichte. Fast alle europäischen Nationen kämpften im Jahre 1813 rund um die sächsische Stadt, darunter Russen, Preußen, Engländer, Italiener, Schweden und Sachsen.

Es war die Zeit der Befreiungskriege gegen die Besatzungstruppen Kaiser Napoleons, der hier am Ende eine herbe Niederlage einstecken musste. Drei Tage dauerten die blutigen Kämpfe, nach der Schlacht glich die Stadt einem riesigen Lazarett. Am 18. Oktober 1913, genau einhundert Jahre später, wurde das Denkmal eingeweiht – als ewige Erinnerung an diese Schlacht der Völker.

Bildung für Soldaten

Erzengel Michael über dem Haupteingang (Foto: Steffen Poser)

Erzengel Michael

Ein Blick nach oben zur Aussichtsplattform des Denkmals wirkt einschüchternd. Das "Völki", wie es heute von vielen Leipzigern liebevoll genannt wird, ist mit 91 Metern Höhe angeblich das größte Denkmal der Welt. Links und Rechts führen breite Treppenaufgänge ins Innere, den Haupteingang ziert eine riesige Figur des Erzengels Michael, der als Schutzpatron der Soldaten galt. Durch dieses Portal verschwindet nun die Bundeswehrtruppe im Bauch des Monstrums.

Die deutsche Armee in Mannschaftsstärke am Nationaldenkmal, muss man sich etwa sorgen machen? Natürlich nicht, meint Oberstleutnant Jürgen Mark, der die Gruppe begleitet. Der Rundgang soll zur politischen Bildung der Soldaten beitragen, den Offiziersanwärtern aus Dresden die deutsche Geschichte näher bringen, "dunkle und helle Seiten". Es ist ein Monumentaldenkmal, man sieht es von allen Seiten. Man kann es nicht übersehen, und so könne man auch die eigene Geschichte nicht übersehen, so der Oberstleutnant. "Das den jungen Soldaten beizubringen, ist Ziel unserer Reise hier nach Leipzig."

Grandioses Bauwerk

Drinnen im Denkmal muss die Truppe über verwinkelte Treppenaufgänge in Richtung Ruhmeshalle steigen, vornweg marschiert Johanna Kräker. Etwa 200.000 Besucher kommen jedes Jahr, erzählt sie, "viele Familien, Schulklassen, und wie jetzt eben die Bundeswehr." Der imposante Innenraum erstreckt sich über zwei Etagen. Unten in der Krypta ist eine bronzene Grabplatte in den Boden eingelassen, ein Symbol für die vielen Gefallenen der Schlacht. Hier steht Hiroko Mizuno und staunt. Die Besucherin aus dem fernen Osaka ist das erste Mal in Leipzig, das Völkerschlachtdenkmal für sie als Historikerin ein Muss. "Selbstverständlich wollte ich mir dieses bedeutende Denkmal unbedingt anschauen, es ist wirklich grandios.", schwärmt die Japanerin.

Blick in die Ruhmeshalle (Foto: Steffen Poser)

Oben lauschen die Soldaten derweil weiter den Worten von Johanna Kräker, die ihnen gerade die Steinfiguren an den Wänden der kreisrunden Ruhmeshalle erklärt. Vier riesige Figuren, fast zehn Meter hoch, "sollen die Charaktereigenschaften von damals darstellen." In einer Ecke sitzt eine in Stein gehauene Mutter mit ihren zwei Söhnen. "Sie ist das Symbol für die Volkskraft.", erzählt Johanna Kräker. Weiter rechts spannt ein Mann seine Armmuskeln, er sprengt die unsichtbaren Fesseln der Fremdherrschaft und steht für die Tapferkeit.

Missbrauch eines Mahnmals

Volkskraft und Tapferkeit, allein diese beiden Begriffe lassen treffend vermuten, dass das Leipziger Völkerschlachtdenkmal im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer wieder für Propaganda missbraucht wurde. Die Nationalsozialisten nutzten das Monument für ihre Kriegshetze und Aufmärsche, später - in der DDR - feierte man hier unter anderem die deutsch-sowjetische Waffenbrüderschaft. Um all das den Besuchern näher zu bringen und auch die dunklen Seiten des Nationaldenkmals zu beleuchten, wurden in der Ruhmeshalle Infotafeln zur politischen Geschichte aufgestellt. Heldenverehrung und Nationalismus liegen manchmal nah beieinander.

Nach gut einer Stunde geht Johanna Kräkers interessante Führung zu Ende, die Soldaten spenden Applaus. Bevor es zurück nach Dresden geht, wagen einige von ihnen noch den Aufstieg zur Aussichtsplattform. Genau 364 Treppenstufen sind es bis ganz nach oben, zur Belohnung gibt es einen imposanten Blick über das weite Leipziger Land.

Autor: Ronny Arnold

Redaktion: Conny Paul

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