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Kultur

Denkmal für Deserteure

Sie wurden zwischen 1939 und 1945 von den Nationalsozialisten mit brutaler Härte bestraft: Deserteure und zivile Kriegsverweigerer. Ihre angebliche "nationale Schande" ließ sie lange in Vergessenheit geraten.

Wehrmachtssoldaten auf der Flucht aus Stalingrad(Foto: dpa)

Fahnenflüchtige wurden erschossen: Wehrmachtssoldaten in Stalingrad

In ganz Deutschland gibt es zahlreiche offizielle Denk- und Mahnmale für die verschiedenen Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes; eine Gruppe davon war lange davon ausgenommen: die der Wehrmachtsdeserteure und zivilen Kriegsverweigerer. Ihnen wird in diesem Jahr in Köln ein Denkmal gewidmet. Am 27. April wurde im NS-Dokumentationszentrum der Stadt der Siegerentwurf präsentiert; Anfang September soll das neue Denkmal auf dem Kölner Appellhofplatz aufgestellt werden.

Dunkle Nazi-Vergangenheit im Visier

Deutsche Soldaten marschieren 1939 in das Memelland ein

Ausscheren konnte den Tod bedeuten: deutsche Soldaten bei der Besetzung des Memellandes 1939

Der Standort ist gut gewählt: von hier aus fällt der Blick auf das historische Justizgebäude und das gegenüberliegende sogenannte "EL-DE-Haus". Beide Bauten spielten während des Zweiten Weltkrieges eine unrühmliche Rolle: Im Justizgebäude befand sich während der NS-Zeit ein Sondergericht, vor dem sich Zivilisten verantworten mussten, die in den Augen des Regimes kriegsmüde waren und andere "moralzersetzend" beeinflussten. Solche "Vergehen" wurden ebenso mit dem Tod bestraft wie etwa die Mitnahme von Lebensmitteln aus zerstörten Häusern. Im EL-DE-Haus inhaftierte und folterte die Gestapo unter anderem Menschen, die beispielsweise Anti-Kriegsparolen an Häuserwände schrieben oder Deserteure versteckten.

Soldaten, die sich dem Wahnsinn des Krieges entzogen, schwebten ebenfalls in akuter Lebensgefahr: wurden sie entdeckt, machte man ihnen wegen Fahnenflucht, Feigheit oder "Wehrkraftzersetzung" den Prozess, der nicht selten mit einer Exekution endete. Rund 20.000 Deserteure fielen dem NS-Regime zum Opfer. Gegen weitere 10.000 waren Todesurteile verhängt worden, berichtet Karola Fings vom EL-DE-Haus, dem NS-Dokumentationszentrum in Köln. Die Dunkelziffer liegt vermutlich noch höher, weil wieder aufgegriffene Soldaten nach ihrer Verurteilung auch in Konzentrationslagern oder sogenannten Strafbataillonen umkamen. Anerkennung bekamen Deserteure und zivile Kriegsverweigerer nach 1945 allerdings nicht: lange blieb an ihnen das Vorurteil haften, Kameraden, Volk und Vaterland verraten zu haben.

Erstes öffentliches Denkmal

Der Designer Ruedi Baur mit dem Modell seines preisgekrönten Entwurfs

Ruedi Baur mit dem Modell seines preisgekrönten Entwurfs

Die von den NS-Militärgerichten verhängten Urteile galten noch bis 2002; erst dann hob die Bundesregierung sie auf und rehabilitierte die als "Fahnenflüchtige" Diskriminierten. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits einige kleinere Gedenkstätten für Deserteure und Kriegverweigerer. 2006 kam es in Köln zu einer Initiative, deren Ziel die Errichtung eines öffentlichen Denkmales für diese Opfergruppe war. Im November 2008 wurde dazu ein Wettbewerb veranstaltet, an dem international renommierte Künstler wie Rosemarie Trockel, Georg Schneider oder Bogomir Ecker teilnahmen.

Von der Jury ist nun der Entwurf des Schweizer Designers Ruedi Baur prämiert worden. Das Denkmal in Gestalt einer Pergola, deren Dach einen Text trägt, habe wegen seiner Sensibilität und Poetik überzeugt, sagte der stellvertretende Juryvorsitzende Marcel Odenbach. Der Betrachter lese in dem Text "eine Hommage an die Soldaten und Menschen, die sich weigerten zu schießen, zu foltern, zu töten oder zu diskriminieren". Am 1. September 2009, dem 70. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges, soll das Denkmal auf dem Kölner Appellhofplatz eingeweiht werden.

Autor: Klaus Gehrke
Redaktion: Marcus Bösch

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