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Denken im Kreis

Warum hat mich der Kollege heute nicht gegrüßt? Wieso wird eigentlich das Wetter immer schlechter? Und überhaupt: Was ist der Sinn des Lebens? Fragen über Fragen. Und schon sind wir mitten drin: im Grübeln.

Audio anhören 05:14

Denken im Kreis – die Folge als MP3

Es ist drei Uhr nachts und Sie wachen auf. Morgen ist diese Präsentation im Büro, habe ich wirklich an alles gedacht? Und schon geht es los mit dem Kreis der Gedanken: Bestimmt ist mein Vortrag nicht verständlich. Ich wette, da kommt wieder dieser Kollege und stellt dumme Fragen. Und überhaupt, wenn der Laptop dann ausfällt … Ich hätte mich besser vorbereiten sollen … Ach, ich kann so was nicht! Und überhaupt: Eigentlich sollte ich den Job wechseln, aber wer nimmt mich schon noch in meinem Alter. Sie werden immer wacher und sollten doch eigentlich fit sein für den nächsten Tag. Aber die Gedanken wollen einfach keine Ruhe geben. Sie grübeln, zermartern sich das Hirn, zerbrechen sich den Kopf, und verzweifeln bald.

Das Wiederkäuen bei Mensch und Tier

Kuh auf der Wiese @Horst Krauth

Ob Wiederkäuen auch beim Menschen hilft?

Grübeln – das sinn- und ziellose Wälzen von Gedanken – macht schlechte Laune und lässt die ganze Welt ins Negative kippen. Zu häufiges Grübeln kann sogar zu einer Depression führen. Deshalb gibt es in Ratgebern sowie in den Weiten des Internets zahlreiche Tipps, um dem Grübeln zu entkommen. Ein Tipp hört sich etwa so an: „Raus aus der Grübelfalle. Sagen Sie einfach Stopp oder fragen Sie sich, was würde meine Oma dazu sagen.“

Die Psychologen nennen dieses Grübeln „Rumination“ – ein Wort, das seinen Ursprung im Lateinischen hat und „Wiederkäuen“ bedeutet. In der Tierwelt sind Wiederkäuer pflanzenfressende Säugetiere wie beispielsweise Kühe, bei denen bereits teilweise verdaute Nahrung aus dem Magen wieder ins Maul befördert wird und dort nochmals gekaut wird.

Sinnloses Grübeln

Mann mit nachdenklichem Gesichtsausdruck

Wenn die Gedanken kreisen ...

Während das Wiederkäuen bei Tieren noch einen Sinn macht, ist das gedankliche Wiederkäuen bei Menschen aus therapeutischer Sicht zunächst eine sinnlose Sache, die die Menschen unglücklich macht. Doch ob Grübeln wirklich keinen Nutzen hat, darüber sind sich die Therapeuten und Psychologen inzwischen nicht mehr ganz so einig – wie sie es noch Ende der 1990er Jahre waren.

Denn immerhin gibt es ja nicht nur das ziellose Brüten, sondern auch das Abwägen. Manchmal muss man ja auch wirklich über etwas nachdenken und kann nicht bloß auf sein Bauchgefühl hören.

Grübeln kreativ

Das Wort „grübeln“ hat also durchaus auch positive Bedeutungen: Der Wissenschaftler, der hart an der Formel für das Leben, das Universum und den ganzen Rest knobelt, sitzt – den Kopf in die Hände gestützt – am Schreibtisch und grübelt hin und her.

Auch der Komponist, der den nächsten großen Hit im Sinne hat, grübelt vielleicht über der Abfolge der Töne. Falls er ein Schweizer ist, kann er auch hintersinnen oder werweißen. Zumindest aber machen sich diese Zeitgenossen einen Kopf. Und wenn sie gebildet sprechen, gehen sie mit sich zurate. Auch das Meditieren ist von dieser Art des Grübelns gar nicht so weit entfernt.

Graben nach dem Kristallgrund der Seele

Ein kleiner Junge bohrt in der Nase

„In der Nase grübeln“ kann man auch ...

Grübeln bedeutet eben auch „nachdenken“ und „gedanklich erforschen“. Das Wort kommt von „graben“, also in der Grube des Gehirns den großen Fragen der Welt auf den Grund gehen. Der Ausdruck in der Nase grübeln ist zwar aus der Mode gekommen, doch was das bedeutet, kann man sich gut vorstellen. Obwohl: Eigentlich soll es gesund sein, das In-der-Nase-Bohren. Denn so werden die Nasenlöcher gereinigt und das Hirn bekommt Luft für frische Gedanken.

Vor 200 Jahren, zur Zeit der Romantik, war das Grübeln eine durchaus erstrebenswerte Tätigkeit. Der Dichter Clemens Brentano zum Beispiel trachtete danach, durch Grübeln den Weg zum – wie er es nannte – „Kristallgrund der Seele“ zu finden. Und Goethes Romanheld Werther, der Prototyp des unglücklich Verliebten, hat auch eine Menge gegrübelt, solange, bis er zur Überzeugung kam, sich das Leben nehmen zu müssen.

Hätte, hätte, Fahrradkette …

Und da haben wir ihn dann doch wieder: Den verzweifelten Zusammenhang von Grübelei und Depression. Aber die muss ja nicht gleich im Selbstmord enden! Wenn Sie also das nächste Mal nachts aufwachen und der Gedankenkreislauf des „Hätte“, „Würde“, „Könnte“ wieder losgeht, dann tun Sie einfach Folgendes: Sagen Sie „Stopp!“ und denken Sie an etwas anderes. Vielleicht an Peer Steinbrück, den ehemaligen Kanzlerkandidaten. Er prägte einen wunderbaren Anti-Grübel-Reim-Slogan: „Hätte, hätte, Fahrradkette.“ Sehn Sie mal: So einfach ist das.




Arbeitsauftrag
Arbeitet in eurer Lerngruppe diesen Meinungsbeitrag zum Thema Grübeln durch: http://bit.ly/1QIwExy. Fasst ihn mit euren eigenen Worten zusammen. Zu welchem Ergebnis kommt der Autor Till Raether?

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