Deniz, Du machst uns Mut! | Europa | DW | 14.02.2018
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Kolumne

Deniz, Du machst uns Mut!

323 Tage lang saß der türkische Journalist Tunca Öğreten im Gefängnis von Silivri ein. Er schreibt einen emotionalen Brief an Deniz Yücel, der dort seit einem Jahr eingesperrt ist. Und dankt ihm für seinen Mut.

"Fliege nicht zur Liebe, du verbrennst dir nur die Flügel." Diese Worte, so sagt man, stammen von dem iranischen Dichter Sadi Schirazi. Der islamische Sufi-Mystiker Mevlana Rumi wiederum soll dem entgegnet haben: "Wozu nutzen dir deine Flügel, wenn du mit ihnen nicht zur Liebe fliegst?"

Wäre die Wahrheit die Liebe und dein Beruf die Flügel an deinen Schultern, mit denen du zur Liebe flögest, wärst Du, lieber Deniz, zweifelsohne verbrannt. Mit deinem Stolz hättest du die lärmende Metalltür der Zelle, in die sie dich gesteckt haben, die kalte Wand, die sich im Innenhof in den Himmel erstreckt, und den provisorischen Stacheldrahtzaun auf den Mauern in Glut verwandelt. Denn wozu sonst ist dein Beruf von Nutzen?

Ich denke an diese Zeit im vergangenen Jahr. Als Kälte die Mauern des Kerkers von Silivri emporkletterte und gleichzeitig die Ungewissheit meinen Körper zum Kochen brachte. In meinem Fernseher erschien eine Nachrichtenzeile, dessen Durchmesser nicht größer war als eine Handbreit. Sie verkündete deine Festnahme.

Türkei Demonstration Solidarität mit inhaftierten Journalisten in Istanbul | Tunca Öğreten

Der regierungskritische Journalist Tunca Ögreten saß 323 Tage im Gefängnis Silivri in Istanbul ein

Wie ich bereits sagte: sucht man in der Türkei nach der Wahrheit, verbrennt man oder ist auf dem Weg, zu verbrennen. Ich war mir damals sicher, dass man dich in ein paar Tagen inhaftieren würde. Denn auch du warst auf dem Weg, zu verbrennen, weil du hinter der Wahrheit her warst, die ein Minister in seinem digitalen Tunnel versteckt hatte.

Von wegen isoliert

In dieser ausweglosen Situation gab mir der Gedanke Hoffnung, dass du in meine Zelle gebracht werden könntest. Aber sie sperrten dich in Isolationshaft und zeigten damit ihre menschliche Grausamkeit. Allerdings, lieber Deniz, habe ich so meine Zweifel an dieser "Isolationshaft".

Ich denke daran, wie man dich der Einsamkeit überlassen hat in diesem Innenhof, in dem man nicht mehr als 14 Schritte gehen kann. Daran, wie du, als die Nacht über deine Zelle hereinbrach, dich von einer Seite auf die andere gerollt und Dich nach dem Geruch von Deiner Frau Dilek gesehnt hast. Daran, wie mit deinem Namen schmutzige diplomatische Deals eingefädelt wurden. Doch du warst standhaft und hast gesagt: "Ich will keine Entlassung mit Hilfe schmutziger Deals."

Zu groß für Silivri

Aus diesem Grund zweifele ich an der Wirkung der Isolationshaft. Ich sehe vor mir einen Mann, der in seiner Zelle immer riesiger wird. Einer, der zu groß ist für Silivri. Deine Haltung erschreckt sie nicht nur, sie ermutigt auch deine Kollegen draußen, Deniz. Wieder einmal beweist du uns, wie wahr der Ausspruch ist "Mut ist ansteckend".

Türkei Silivri Gefängnis Gelände (Getty Images/AFP/M.Ozer)

Ohne Anklageschrift: Seit einem Jahr sitzt Deniz Yücel im Gefängniskomplex Silivri in der Nähe von Istanbul ein

Ich könnte mir vorstellen, dass du neugierig darauf bist, was für Gefühle dich überkommen, wenn sie Dich aus dem Gefängnis entlassen. Als ich aus den Toren dieses Kerkers schritt, umarmte ich meine Frau Minez. In meiner Erinnerung sehe ich einen riesigen Hochzeitssaal mit 20.000 Menschen. Auch du wirst dich wahrscheinlich, wenn du an Silivri denkst, immer an diesen Moment erinnern, denn auch du hast - wie ich - die Frau, die du liebst, im Kerker geheiratet. Und vielleicht werden wir uns nur deshalb mit einem Lächeln an unsere Tage in der Haft erinnern.

Lieber Deniz, je mehr einsame Tage im Kerker vergehen, desto mehr wächst man als Mensch über sich hinaus. Wenn man rauskommt, ist man stärker. Die Absicht, einen Menschen einzusperren, um ihn zu zermürben, trügt. Deswegen glaube ich auch nicht, dass es noch lange dauern wird, bis du deine Freiheit erlangst.

Gefangen im Lügengebäude

Deniz, du versuchst, die Nachrichten jenseits der Gefängnismauern mit Hilfe von Zeitungen oder bestimmten TV-Sendern zu verfolgen. Die Vizepräsidentin für Menschenrechte der AKP, Ravza Kavakçı Kan, wurde in einem Interview mit der DW zum Beispiel daran erinnert, dass du seit einem Jahr ohne Beweise und ohne Anklageschrift deiner Freiheit beraubt bist.

Dieses Interview hat mich traurig gemacht. Nicht wegen deiner Gefangenschaft, sondern weil die Menschen, die dir diese Grausamkeit antun, selber in ihren Lügengebäuden gefangen sind. Ich habe Mitleid für diese Leute verspürt, die nicht einen einzigen Buchstaben finden, um sich zu verteidigen, während unsere Zungen tausende Wörter finden, um unseren Beruf auszuüben.

Ich weiß, Isolation ist schwer. Es ist tödlich, das Leben von seinen positiven Seiten zu sehen, wenn das eigene Schicksal an den Lippen anderer Personen hängt. Immer wieder Hoffnung zu haben, wenn die Metalltür aufgeht und die Nacht sich über die Zelle legt. Immer wieder einzuschlafen, ist eine Kunst, die der Malerei in nichts nachsteht. Aber auch das weiß ich: Wenn die Ära der Niederträchtigkeit vorüber ist und wenn wir Hoffnung brauchen, werden wir deinen Namen nennen, und die Namen deiner beiden inhaftierten türkischen Kollegen, Ahmet Şık und Murat Sabuncu.

Deine Freiheit wird auch die Fesseln derer sprengen, die dich vor den Augen der Welt eingesperrt haben. Bis dahin. An jenen Tag, an dem wir uns vor den Toren von Silivri umarmen.

Der 36-jährige Tunca Ögreten arbeitet als Redakteur der regierungskritischen Webseite Diken. Er wurde, so wie Deniz Yücel, im Zusammenhang mit der E-Mail-Affäre des türkischen Energieministers Berat Albayrak festgenommen und saß 323 Tage in Haft. Ögreten kam im Dezember 2017 frei.

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