Dengue: Risiken und Nebenwirkung der weltweit ersten Impfung | Wissen & Umwelt | DW | 07.02.2018
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Wissen & Umwelt

Dengue: Risiken und Nebenwirkung der weltweit ersten Impfung

Der weltweit einzige Impfstoff gegen Dengue-Fieber birgt tödliche Risiken. Der Tropenmediziner Prof. Jonas Schmidt-Chanasit erklärt im DW-Interview, warum die Impfung ein lebensgefährliches Fieber auslösen kann.

2016 starteten die Philippinen das weltweit erste öffentliche Impf-Programm mit dem Dengue-Impfstoff Dengvaxia von Sanofi Pasteur. Über 800.000 Kinder wurden seitdem geimpft. Im Dezember vergangenen Jahres warnte dann der französische Impfstoffhersteller selbst davor, dass die Impfung bei Kindern die zuvor noch nicht an Dengue erkrankt waren, zu schweren Krankheitsverläufen führen kann. Daraufhin stellte das philippinische Gesundheitsministerium das Massen-Impfprogramm ein. Jetzt wurden drei von insgesamt 14 Todesfällen mit dem Medikament in Verbindung gebracht. Herr Schmidt-Chanasit, was ist das Gefährliche an dem Impfstoff?

Schmidt-Chanasit: An sich hat der Impfstoff keine Nebenwirkungen. Das heißt: Nach der Injektion passiert erst mal nichts Schlimmes. Impft man damit jedoch Kinder, die bislang noch keine Dengue-Fieber-Infektionen gehabt haben, kann es zu schwerem hämorrhagischen Denguefieber  kommen.

Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNI)

Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin

Das Phänomen dahinter nennt man Antibody-dependent enhancement: Nach der Impfung entwickelt das Immunsystem Antikörper. Bei einer Infektion mit dem Dengue-Virus besetzen die zuvor gebildeten Antikörper das Virus und hindern das Immunsystem daran, das Virus unschädlich zu machen. Das Virus kann sich nun besser vermehren und es kann zu einem schwereren Krankheitsverlauf kommen.

Dieser Mechanismus der infektionsverstärkenden Antikörper passiert übrigens nicht nur im Falle einer Impfung, sondern auch bei natürlichen Infektionen mit einem neuen Virustyp. Das heißt letztendlich, dass der Impfstoff diese schweren natürlichen Verläufe provoziert, aber sie nicht selbst verursacht.

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Das heißt Dengue-Virus ist nicht gleich Dengue-Virus?

Es gibt vier verschiedene Dengue-Virustypen. Man kann sich also viermal mit dem Virus infizieren und eine weitere Infektion kann eben schwerwiegend verlaufen. Der Impfstoff schützt nicht gleich gut gegen alle vier Typen und dadurch entsteht eine Impfstofflücke. Der Schutz vor einer erneuten Infektion durch Dengvaxia liegt bei 60 Prozent. Bei den Typen 2 und 3 wirkt der Impfstoff schlechter, zum Teil nur 30 Prozent.

Alle vier Typen kommen weltweit vor, auch auf den Philippinen. Doch ihre Häufigkeit schwankt von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat. Das ist ein sehr komplexes Geflecht. Die Menschen entwickeln natürlich eine Immunität gegen den aktuell zirkulierenden Virustyp und dann ist wieder eine Lücke für einen anderen Typen da.

Medikament Dengvaxia von Sanofi Pasteur

Der umstrittene Impfstoff Dengvaxia von Sanofi Pasteur ist seit 2015 auf dem Markt

Warum hat man bei den über 800.000 Kindern, die im Laufe des Impfprogramms auf den Philippinen mit Dengvaxia geimpft wurden, nicht im Vorhinein diagnostiziert, ob die bereits eine Virusinfektion hatten?

Das wäre bei einem solchen umfangreichen Impfprogramm zu aufwändig. Denn eine spezifische Diagnose von Dengue-Infektionen ist nicht einfach. Aber die WHO hat klare Angaben gemacht: Der Impfstoff soll nur dort eingesetzt werden, wo mindestens 70 Prozent der zu impfenden Menschen bereits eine Dengue-Virusinfektion durchgemacht haben.

Wenn aber Kinder den Impfstoff bekommen, die noch nicht an Dengue erkrankt waren, kann es unter Umständen zu schweren Krankheitsverläufen kommen. Außerdem muss Dengvaxia dreimal verabreicht werden, nur dann kann ein wirklicher Schutz gewährleistet werden. Es wäre natürlich viel besser und auch günstiger, einen Impfstoff nur einmal verabreichen zu müssen.

Gibt es Möglichkeiten diese Impfstofflücken bei Dengvaxia zu umgehen?

Bei diesem Impfstoff kann man jetzt nicht mehr viel machen. Der ist so wie er ist auf den Markt kam. Aber die japanische Firma Takeda Pharmaceuticals oder das Butantan Institut in Brasilien entwickeln weitere Impfstoff-Kandidaten, die gerade in Phase 3-Studien getestet werden. Hier ist noch offen, ob sie auch bei Kindern einen ausreichenden Schutz gewährleisten, die noch nicht mit Dengue infiziert waren. Die Ergebnisse stehen noch aus. 

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Das Impfprogramm auf den Philippinen war das erste, groß angelegte Dengvaxia-Impfprogramm weltweit. Meinen Sie, dass nun auch in Ländern wie Brasilien die großangelegten Programme gestoppt werden?

Man hat das Impfprogramm auf den Philippinen ja auch gemacht, um eben diese Langzeit-Auswirkungen des Impfstoffs zu untersuchen. Bestimmte Effekte sieht man nur, wenn man wirklich breit und sehr viele Menschen impft.

Da muss dann jedes Land selbst entscheiden, wo die Grenze ist, ob das bei drei Todesfällen ist oder bei vierzehn oder zwanzig. Jedes Land entscheidet selbst, wie es mit solchen Impfprogrammen umgeht. 

Sind in Brasilien oder anderen Ländern ähnliche Fälle bekannt?

Jedenfalls nicht in dem Ausmaß. Da müssen wir jedoch auch vorsichtig sein. Die Strukturen in den Ländern und die Meldesysteme sind sehr unterschiedlich und nicht mit den deutschen Systemen zu vergleichen. Da können Fälle untergehen. Das hat man bei Zika gesehen. Und die Meldesysteme - gerade in Brasilien - sind nicht so gut wie bei uns. Die Untersuchung von solchen Todesfällen selbst dauert auch einige Zeit. Bisher ist mir aus Brasilien jedoch noch nichts bekannt. 

Dr. Jonas Schmidt-Chanasit ist Professor für Virologie. Er arbeitet am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Er arbeitet mit der Weltgesundheitsorganisation an einem Programm zur Bekämpfung Hämorrhagischer Fiebererkrankungen, die durch Mücken übertragen werden.

Das Interview führte Helene Märzhäuser 

 

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