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Amerika

"Den Swing im Tango finden"

Er hat den argentinischen Tango modernisiert, dafür wurde er lange angefeindet. Der Komponist und Bandoneonspieler Astor Piazzolla. An diesem Freitag wäre er 90 Jahre alt geworden.

Astor Piazzolla argentinischer Komponist, aufgenommen am 13.6.1990 in Helsinki/Finnland.

Astor Piazzolla im Jahr 1990

Ein melancholisch schwerer Ton klingt durch das geräumige Wohnzimmer in Buenos Aires, überdeckt die Geräusche der Straße, das Geschirrklappern aus der Küche, legt sich über die Schwüle des Spätsommernachmittags. Es ist jener Klang, der in den Hafenvierteln von Buenos Aires geboren wurde. Und der von der Sehnsucht der Einwanderer erzählt, die ihrer Heimat den Rücken kehrten, um in Argentinien ihr Glück zu suchen: der Klang des Tango. Doch plötzlich ändert sich die Musik, der Rhythmus wird schneller, die Akzente verschieben sich, das Bandoneon seufzt nicht mehr, es bäumt sich auf und tanzt.

Daniel Piazzolla drückt die Stopptaste der Stereoanlage: "Hören Sie? Der Sound meines Vaters ist einzigartig," sagt er mit einem stolzen Lächeln, "er hat sich alles selbst beigebracht, und deswegen spielt niemand so wie er! Denn das Bandoneon war sein Herz, seine Art zu sprechen und sich auszudrücken." Der 67-Jährige ist selbst einer der größte Bewunderer seines Vaters, des argentinischen Ausnahmemusikers Astor Piazzolla, der als großer Erneuerer des Tangos gilt. Und der genau deswegen in seiner Heimat Argentinien lange angefeindet wurde.

Das ging alles unter die Haut

Daniel Piazzolla, der Sohn Astor Piazzollas in seinem Haus in Buenos Aires, in dem er ein kleines Museum mit Erinnerungsstücken an seinen Vater eingerichtet hat (Foto: Anne Herrberg / DW)

Daniel Piazzolla: "Das Bandoneon war das Herz meines Vaters."

Geboren wird Astor Piazzolla am 11. März 1921 im argentinischen Badeort Mar del Plata, als einziges Kind italienischer Einwanderer. Doch schon bald zieht die Familie nach New York. Dort lernt Astor das raue Leben der Straße kennen, Auseinandersetzungen der Gangsterbanden, den täglichen Kampf um Arbeit und Brot: "Deswegen bin ich so streitsüchtig geworden. Das hat sich alles unter der Haut festgesetzt," erzählt Astor Piazzolla in seiner Biografie. "Mein Vater war ein Raufbold, wäre er in New York geblieben, wäre er wohl selbst ein Gangster geworden", sagt sein Sohn, "dass er wurde, was er ist, habe er seinem Vater zu verdanken. Der schenkte ihm, da war mein Vater neun Jahre alt, sein erstes Bandoneon und zwang ihn, es spielen zu lernen."

Bach auf dem Bandoneon

Dabei hatte Astor Piazzolla nichts übrig für den melancholischen Klang des Tangos, der seine Eltern jedes Mal – aus Heimweh nach Argentinien – zu Tränen rührte. Ihm gefiel der verruchte Sound des Jazz, des Swing, des Rag. Und die geheimnisvollen Melodien, die er eines Nachmittags am Fenster der Mietskaserne kennen lernte: "Ein Pianist spielte Bach, damals wusste ich noch nicht, wer Bach war, aber ich war wie verzaubert," heißt es in der Biografie.

Erst als die Familie 1937 nach Mar del Plata in Argentinien zurückkehrt, lernt Piazzolla den Tango lieben. Sein Vater leiht ihm 2000 Pesos und damit zieht der 17-jährige Bandoneonspieler in die Geburtstadt des Tango: nach Buenos Aires. Er verdient sein Geld, indem er Arrangements für Tanz-Orchester schreibt und kommt schließlich zum berühmten Ensemble des Bandoneonspielers Aníbal Troilo: "Mein Vater war kein Typ der dem Zufall vertraute. Er nahm die Dinge in die Hand." Daniel Piazzolla springt auf, dieser Teil der Geschichte gefällt ihm besonders: "Als bei Troilo ein Bandoneonspieler ausfiel, sagte er: Guten Abend Maestro, ich kann einspringen, die Partituren kann ich auswendig. Er konnte alles auswendig und dazu spielte er um Jahre besser als der andere Musiker!"

Schämen für das Bandoneon

Der argentinische Musiker Astor Piazzolla, der grossen Anteil an der Tango-Renaissance in Deutschland hatte, aufgenommen während einer Pressekonferenz zum Start seiner Deutschland-Tournee in Hamburg am 16.10.1984

Der Meister mit Bandoneon

Teils bis vier, fünf Uhr morgens spielt Piazzolla in Kabaretts und Nachtclubs zum Tanz auf. Doch er will mehr – und beginnt tagsüber, nach zwei Stunden Schlaf und einem starken Kaffee, klassischen Kompositionsunterricht beim damals schon berühmten Komponisten Alberto Ginastera zu nehmen. Für seine Sinfonie "Tres movimientos sinfónicos - Buenos Aires" erhält er schließlich ein Stipendium, das sein Leben verändern soll: Unterricht bei Nadia Boulanger in Paris, der wichtigsten Musikpädagogin jener Zeit.

"Es war ihm unendlich peinlich, Nadia zu sagen, dass er Bandoneon spielte", lacht Daniel Piazzolla. "Wenn ich ihr sage, dass ich ein einfacher Tanguero bin, schmeißt sie mich aus dem Fenster," schreibt Piazzolla in seiner Biografie. Astor Piazzolla will ein "ernsthafter Musiker" sein, der Tango dagegen gilt ihm als "Bordell-Musik. Die Musikpädagogin Nadia Boulanger sieht das jedoch ganz anders – erst als er ihr seinen Tango 'Triunfal' vorspielt, nimmt sie seine Hände und sagt: "Das ist der wirkliche Piazzolla, sagte sie dann und nahm meine Hände, verraten Sie ihn nie. Machen Sie es wie Stravinski oder Bartok, die etwas Neues, Wunderbares aus der Musik ihrer Völker geschaffen haben!"

Tango-Revolutionär

Nadias Rat befreit alles, was Piazzolla in sich trägt: seine Liebe zum Jazz, zur Klassik, zur Provokation. Zurück in Argentinien gründet er 1955 das Octeto Buenos Aires: Dem klassischen Tango-Sextett fügt er ein Cello, eine E-Gitarre hinzu, um, wie er sagt, den Swing im Tango zu finden. "Kein Musiker hat den Tango so sehr geprägt wie er," erinnert sich Leopoldo Federico, der damals mitspielte: "doch die traditionelle Tango-Szene akzeptierte seinen Stil nicht, wir hatten die ganze Welt gegen uns."

Beschimpfungen, Anfeindungen, bis hin zu Prügeleien – Buenos Aires lässt dem Tango-Revolutionär Piazzolla keine Chance. Der packt seine Sachen und geht denselben Weg, wie Jahre zuvor sein Vater: nach New York. Doch auch dort bleibt der Erfolg aus. Piazzolla muss sich mit billigen Tango-Jazz-Shows durchschlagen. Bis ihn 1959 eine Nachricht aus Mar del Plata erreicht: sein Vater, der von allen Nonino genannt wurde, war gestorben.

Piazzollas Meisterwerk

Daniel Piazzolla, der Sohn Astor Piazzollas in seinem Haus in Buenos Aires, in dem er ein kleines Museum mit Erinnerungsstücken an seinen Vater eingerichtet hat (Foto: Anne Herrberg / DW)

Daniel Piazzolla: "Ich hüte die Bandoneons meines Vaters wie einen Schatz."

Das Stück, das Piazzolla seinem Vater zum Abschied komponierte, ist heute sein weltweit meist gespieltes Thema. Daniel Piazzolla lauschte damals an der Tür, eineinhalb Stunden lang: "Er hat in seinem Leben nur ein einziges Stück auf dem Bandoneon komponiert, eben dieses: Adios Nonino. Niemand auf der Welt bedeutete ihm soviel wie sein Vater, nur die Musik."

Um die Reise zurück nach Argentinien zu finanzieren, musste Piazzolla die Rechte an dem Stück verramschen. Doch auch in Buenos Aires konnte er mit seinem "Tango Nuevo", seinem neuen Tango, immer noch keine Erfolge feiern. Erst Mitte der 70er Jahren eroberte er die großen Bühnen: zuerst in Europa, wo Piazzolla immer wieder einige Monate lebte und tourte.

Grenzgänge zur Jazz und zum Elektro

Er komponiert Opern und Balladen, überschreitet die Grenzen zum Jazz und zur elektronischen Musik. Sein Sohn Daniel, der ihn eine Zeit lang als Pianist begleitete, erinnert sich: "Brich mit allem, schau nie zurück, das war sein Motto. Er arbeitete unaufhörlich und auf der Bühne, im Kontakt mit dem Publikum, gab er sein Leben. Er spielte ja nicht im Sitzen wie alle anderen, sondern im Stehen, mit Feuer."

Sein Vater habe das Spielen eines Konzerts oft mit seinem großen Hobby verglichen, das er als einen der wenigen Ausgleiche zur Musik pflegte: dem Fischen von Haifischen: "Forellen zu fischen, das interessierte uns nicht. Ein Haifisch ist etwas anderes, ein 30 Kilo schwerer Brocken, man muss ziehen, loslassen, gegenziehen. Mein Vater sagte immer: Wenn ich keinen Haifisch mehr herausholen kann, dann kann ich auch kein Bandoneon mehr spielen."

Der letzte Haifisch

Den letzten Haifisch holt Piazzolla 1989 aus dem Meer. Auf der folgenden Tournee beklagt er sich über Antriebslosigkeit, im August 1990 erleidet er einen Schlaganfall, von dem er sich nie wieder erholen wird. Zwei Jahre später, am 4. Juli 1992, stirbt er in Buenos Aires.

Über sich selbst hat er kurze Zeit vor seinem Schlaganfall in einem Interview gesagt: "Den Tango trägt man in sich, aber 99 Prozent aller Tango-Komponisten glauben, dass das eine musikalische Ausbildung unnötig macht. Ich sah das anders und deswegen hatte ich eine Menge Ärger. Heute sind die, die mich damals kritisierten tot und ihre Musik vergessen. Musik, die sich nicht bewegt, ist tote Musik. Ich habe mich bewegt und meine Musik ist lebendig. Meine Musik ist Buenos Aires."

Autorin: Anne Herrberg, Buenos Aires

Redaktion: Sven Töniges