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Insane Clown Posse

Den Rap-Clowns ist das Lachen vergangen

Brutale Verbrecher oder bloß durchgedrehte Musikfans? Das FBI stuft eine ganze Subkultur als Gang ein. Jetzt marschieren die Juggalos durch Washington - um ihr Gesicht unter der Clownsschminke zu zeigen.

"Es bringt mir Frieden, ein Juggalo zu sein", sagt Edward Smith,* ein US-Soldat, der nach drei Kriegseinsätzen mit militärischen Auszeichnungen zurückkehrte - und mit Depressionen, Albträumen und Panikattacken. Juggalos - so nennen sich die Fans der Insane Clown Posse (ICP), einem Rap-Duo aus Detroit, das vor allem für die Gewalt in seinen Texten bekannt ist. Und seine genauso treue wie wilde Gefolgschaft, die Insidern zufolge einem Stamm ähnelt. "Ich liebe es mit allem, was ich bin", sagt Smith über seine "Familie", wie sich die Juggalos untereinander nennen.

Sein erstes ICP-Album hörte der nun 27-Jährige vor zehn Jahren, auf dem Rücksitz im Auto eines Freundes. Die Songs hätten direkt zu ihm gesprochen, erinnert sich der gläubige Christ, seine Begeisterung für die Musik hätte bis heute nicht nachgelassen. Ganz im Gegenteil. Smith hat sich das Hatchetman-Logo der Gruppe, eine Figur mit einem Hackebeil, auf den Arm tätowieren lassen. Die Tinte unter seiner Haut könnte ihn nun in Schwierigkeiten bringen. Sie könnte ihn seine Militärkarriere kosten.

Plötzlich ein Gangmitglied

Das FBI listete die Juggalos 2011 in seinem Bericht über Straßengangs auf und nannte sie eine "lose organisierte Mischform einer Gang", die sich "rapide" in den USA ausbreite. Beweise dafür lieferten die Ermittlungsbehörden einer Reihe von Bundesstaaten, die einen Anstieg von Straftaten beobachteten, die angeblich Juggalos begangen hatten. Ein Teenager mit Juggalo-Tattoos schoss auf einem Wanderweg ein Pärchen an; einer von zwei Männern, die ihr psychisch krankes Opfer totschlugen, identifizierte sich als Mitglied einer Juggalo-Gang. Die Liste ging noch weiter.

Juggalo Insane Clown Posse ICP (Tracy Fuller)

Der Mann mit der Axt ist das Symbol von ICP und Juggalos

In dem FBI-Bericht tauchten die Juggalos neben berüchtigten Straßengangs wie MS-13 oder den Bloods und den Crips auf. Eine gesamte Subkultur stand plötzlich unter Generalverdacht. Bis heute versuchen die Juggalos, den Gang-Stempel loszuwerden. Sie behaupten, in ihrer Kultur ginge es vor allem um Liebe und Akzeptanz. Um das zu beweisen, wollen am Samstag Tausende von ihnen durch die US-Hauptstadt Washington marschieren.

Billige Softdrinks und faule Äpfel

Mit ihrem Protest vor dem Lincoln-Denkmal werden die Juggalos sicherlich eines: Aufmerksamkeit erregen. Viele von ihnen verkleiden sich als Horrorclowns, mit schwarz-weißer Schminke im Gesicht. Sie grüßen einander mit zwei sirenenartigen Heulern ("Whoop, Whoop!"), haben gemeinsame Handzeichen und bespritzen sich gegenseitig mit Faygo, einem billigen Softdrink, den die ICP-Rapper Violent J und Shaggy 2 Dope in ihren Songs glorifizieren.

"Meine Freunde verarschen mich immer, weil ich ein Juggalo bin", sagt Smith. "Aber es gibt mir einen Platz, ein Zugehörigkeitsgefühl. Verrückt zu sein bedeutet nur, anders zu sein."

Und es ist kein Verbrechen, verrückt oder anders zu sein. Das FBI merkte zwar an, dass der Großteil der Juggalos bloß leidenschaftliche Musikfans seien und keine brutalen Straßengangster. Trotzdem warf der Bericht beide Gruppen in einen Topf. "Ein fauler Apfel kann den ganzen Korb verderben", geht ein Sprichwort. Man hört es oft, wenn man mit Juggalos redet.

Was ist der Unterschied?

"Es ist sehr schwer für uns Gesetzeshüter", sagt Seargeant Michelle Vasey, die Mitte der 2000er als Gang-Spezialistin für das Polizeirevier in Fort McDowell (Arizona) arbeitete. Damals beobachtete sie, dass Mitglieder anderer Straßenbanden sich den Hatchetman über bestehende Gangtattoos stechen ließen, um sich dann als unschuldige ICP-Fans auszugeben. Sie begingen weiterhin die gleichen Verbrechen - Drive-By-Shootings, Körperverletzungen, Drogenhandel - nur taten sie es nun im Namen der Juggalos.

Irgendwann konnten sich die Gruppen nicht einmal mehr selbst voneinander abgrenzen. "Unschuldige Musikfans tragen ihr ICP-Shirt und werden plötzlich von Gangmitgliedern zusammengeschlagen", erzählt Vasey. Auch für sie und ihre Kollegen wurde es immer schwerer, Bandenmitglieder und Musikfans auseinanderzuhalten. "Juggalos sind im Großen und Ganzen einfach nur Fans von ICP", sagt sie. "Und natürlich kann man einen Fan falsch einordnen, das kann absolut passieren."

Juggalo Insane Clown Posse ICP (Tracy Fuller)

Fans der ICP feiern auf dem "18.Juggalo Gathering" 2017 in Oklahoma

Viele Juggalos behaupten, dass dies im großen Stile passiert sei. Seit der FBI-Bericht 2011 erschien, melden sich immer mehr Juggalos, die sich wegen ihrer Liebe zu ICP unfair behandelt fühlen. Sie hätten ihren Job verloren, seien von Polizisten belästigt worden oder hätten das Sorgerecht für ihre Kinder verloren - alles aufgrund ihres Musikgeschmacks. Andere behaupten, sie seien aus dem Militär geflogen - ein Schicksal, dem Smith zu entgehen versucht.

Juggalos wollen dem FBI vor Gericht begegnen

ICP, ihr Plattenlabel Psychopathic Records und eine Bürgerrechtsorganisation verklagten 2014 gemeinsam das FBI. Sie forderten, dass dieses die Einstufung der Juggalos als Gang zurückziehe. Die Klage wurde mehrmals abgelehnt, wogegen ICP zuletzt Berufung eingelegt hat. Weil das Verfahren schwebt, lehnte das FBI eine Interviewanfrage ab und schickte stattdessen ein vorgefertigtes Statement.

Juggalo Insane Clown Posse ICP (Tracy Fuller)

Alkohol spielt bei den Treffen der Juggalos eine große Rolle

"Das 2011 National Gang Threat Assessment wurde vom National Gang Intelligence Center und dem FBI aus Informationen zusammengestellt, die Strafverfolgungsbehörden aus dem ganzen Land geteilt haben", steht darin. "In dem Bericht heißt es ausdrücklich, dass Juggalos in lediglich vier Staaten als Gang anerkannt wurden." Zudem hat das FBI die Juggalos in keinem weiteren der alle zwei Jahre erscheinenden Gang-Reports erwähnt.

Aber bis das FBI seine Entscheidung klar zurückzieht, kann der alte Bericht von 2011 weiter gegen Menschen wie Edward Smith verwendet werden. "Wenn sie mich deswegen aus dem Militär schmeißen, würde es mir das Herz brechen", sagt er. "Aber ich würde nicht leugnen, ein Juggalo zu sein. Ich lüge niemanden darüber an, wer ich bin."

Die Clowns marschieren

Der Marsch in Washington gibt den Juggalos nun die Möglichkeit eines Imagewandels. Aber ICP und ihr Plattenlabel, die Organisatoren hinter der Demo, wissen auch, dass ihre Idee nach hinten losgehen kann. Besonders, weil gleichzeitig nur wenige hunderte Meter entfernt eine Kundgebung von Trump-Unterstützern stattfindet.

In einer Videobotschaft hat ICP ihre Fans aufgefordert, nicht betrunken oder auf Drogen zu erscheinen, nicht zu randalieren oder streitlustig aufzutreten. Einiges steht auf dem Spiel. Es ist die vielleicht letzte Chance für die Juggalos zu zeigen, dass es so ist, wie sie sagen. Dass sich hinter ihren bösen Clownsgesichtern nur ein Haufen leidenschaftlicher, etwas durchgedrehter Musikfans steckt.

*Name geändert