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Nahost

"Den Krieg mit donnerndem Gebrüll beenden"

Wie kommentiert die internationale Presse den Nahost-Konflikt? DW-WORLD.DE bietet einen täglichen Überblick.

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Arabische Pressestimmen

Momtaz Al-Qut, Chefredakteur der regierungsnahen ägyptischen Zeitung "Akhbar Al-yom" macht die iranische Politik für die Eskalation im Nahen Osten verantwortlich:

"Die Folgen der Verschleppung israelischer Soldaten waren für die Hisbollah und den Iran von Anfang an vorhersehbar. Leider müssen unschuldige Zivilisten im Libanon bis heute dafür büßen. Das gleiche Szenario ereignete sich in Palästina, nachdem die Extremisten einen israelischen Soldaten entführt hatten. Den Preis für diese unsinnige Aktion müssen die Palästinenser ebenfalls mit der Zerstörung ihrer Infrastruktur und dem Tod hunderter Zivilisten bezahlen. Trotzdem ist Hisbollah-Anführer Nasrallah plötzlich zum legendären Helden der arabischen Nation geworden. Seine Parolen, die den Feinden mit dem Schlimmsten drohen, finden bei vielen Menschen in der Region Resonanz. Genau diese Parolen lösten die Katastrophe aus, die wir im Nahen Osten seit 1948 erleben. […] Seit Jahrzehnten spricht man in Teheran Drohungen gegen Israel aus. In letzter Zeit wurden diese Drohungen aber immer lauter, um die Weltöffentlichkeit von der iranischen Einmischung im Irak und dem umstritten Atomprogramm am Golf abzulenken. Es ist kein Zufall, dass die iranische Nuklearfrage seit Beginn der militärischen Auseinandersetzungen zwischen Hisbollah und Israel nicht mehr diskutiert wird.

Die in London erscheinende arabische Zeitung "Al-Hayat" kritisiert die diplomatischen Versuche der USA:

"Zwei Wochen nach Beginn der militärischen Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hisbollah besuchte die US-Außenministerin Condoleezza Rice den Libanon und Israel und nahm in Rom an der Nahost-Konferenz teil. Bei allen drei Stationen machte Rice massive Fehler, die sie aber nicht selbst verschuldete. Rice kann nur den Zielen der verfehlten amerikanischen Außenpolitik dienen. Und solange die USA sich nur für die Sicherheit Israels einsetzen und die Interessen der arabischen Seite vernachlässigen, sind die diplomatischen Versuche der US-Außenministerin zum Scheitern verurteilt. [… ] Die amerikanischen Vorraussetzung für die Beilegung des Libanon-Konflikts, nämlich die Freilassung der entführten israelischen Soldaten, die Entwaffnung der Hisbollah und die Stationierung von internationalen Friedenstruppen im Süd-Libanon, sind nicht realistisch und die Anhänger der Hisbollah haben keinen Grund, sie zu akzeptieren. […] Dr. Rice muss endlich begreifen, dass die Hisbollah keine Terrororganisation ist, sondern eine Widerstandsbewegung, die im Jahr 2000 in der Lage war, einen israelischen Abzug aus dem Südlibanon zu erzwingen, und dass die Hisbollah immer existieren wird, solange der libanesische Staat sich nicht gegen die israelische Gefahr verteidigen kann."

Israelische Pressestimmen

Israel hätte gleich nach der Entführung der israelischen Soldaten härter durchgreifen müssen, schreibt die israelische Tageszeitung "Haaretz":

"Das Problem ist, dass wir mit den Waffen von gestern kämpfen. Israel hätte schon vor langem zu einer anderen Form der Abschreckung und Vergeltung übergehen sollen. Als die Hisbollah zwei Soldaten an unserer Grenze entführte und mit Raketen-Feuer davon ablenkte, hätte Israel mit einem sehr kraftvollen und zielgerichteten Schlag antworten sollen. Stattdessen hat der Oberbefehlshaber einen Krieg empfohlen, den man am besten als "halb-Tee-halb-Kaffee" bezeichnen kann. Der Libanon wird dabei mit der Hoffnung bedrängt und mit Bomben angegriffen, dass die Welt einschreitet und eine entmilitarisierte Sicherheitszone zwischen uns und der Hisbollah schafft. Bisher haben die Luftangriffe und massiven Zerstörungen, die dazu dienen sollten, uns unsere Abschreckungsmacht zurückzugeben, nur das Gegenteil bewirkt. […] Vor einer internationalen Übereinkunft über einen Waffenstillstand muss Israel den letzten Akkord anschlagen und eine groß angelegte Luft- und Bodenoffensive starten, die diesen beschämenden Krieg beendet. Und nicht mit einem Winseln, sondern mit donnerndem Gebrüll.

Europäische Pressestimmen

Die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt zum Nahostkonflikt:

"Mit dem Handstreich der Hisbollah gegen die israelische Armee vor zwei Wochen ist die wohl ermutigendste Entwicklung der letzten Jahre im Nahen Osten abrupt beendet worden: die Wiederherstellung eines souveränen, demokratischen und wirtschaftlich blühenden Libanons. Mit Unterstützung der USA und des Westens hatte eine breite Allianz libanesischer Parteien Syrien zum Rückzug seiner Armee aus dem Libanon gezwungen und eine demokratisch legitimierte Regierung aufgebaut. Mit der Gefangennahme der israelischen Soldaten hat eine Partei, der Hisbollah, die effektive Entscheidungsgewalt im Libanon an sich gerissen; seither muss die Regierung von Ministerpräsident Siniora hilflos zusehen, wie Israel das Land mit amerikanischer Deckung mit Krieg überzieht...

Eine ähnliche Erfahrung macht der palästinensische Präsident Abbas, der seit seiner Wahl versucht, die Bedingungen für einen Neubeginn des Friedensprozesses mit Israel zu schaffen. Der erbarmungslose Krieg, den sich Israel und die palästinensischen Kämpfer im Gazastreifen liefern, verunmöglicht jede Suche nach einem Ausgleich."

Die britische Tageszeitung "The Guardian" meint zu den Gesprächen zwischen US-Präsident George W. Bush und dem britischen Premierminister Tony Blair über den Nahost-Konflikt:

"Beide haben versäumt zuzugeben, dass einer der Gründe für die anhaltenden Kämpfe darin liegt, dass sie Israel, den Iran und Syrien nicht von Anfang an zu einer friedlichen Lösung gedrängt haben. Dass sie jetzt für eine UN-Marschroute plädieren, ist zu begrüßen. Aber dies sollte nicht mit einem grundsätzlichen Stimmungswandel verwechselt werden. Keiner wirkt überzeugt von dem vorgestellten Plan. Weder gibt es eine Einigung auf eine Waffenruhe, noch auf eine UN-Resolution, noch auf eine friedenserhaltende Truppe - und nicht einmal die Reihenfolge, in der die Dinge geschehen sollen, steht fest."

Zu den Versuchen, eine Lösung für die Krise in Nahost

zu finden, schreibt die römische Zeitung "Il Messaggero":

"Die 'Großen' sprechen vor den Fernsehkameras, während die wichtigen Dinge hinter den Kulissen passieren. Geheimverhandlungen, Treffen, Augenzwinkern. Bush und Blair haben in Washington weiter Syrien und den Iran als Teil des Problems des Terrorismus gebrandmarkt - aber hinsichtlich eines Waffenstillstandes wird in Damaskus, in Kairo und natürlich in Jerusalem und Beirut verhandelt.

Dabei geht es darum, eine Einigung zu erzielen, die die Waffen zum Schweigen bringt, es geht um einen Austausch von Gefangenen, darum, die Kämpfer der Hisbollah von der israelischen Grenze wegzubringen, um dort libanesische Truppen aufzustellen, und es geht darum, den israelischen Angriff im Gazastreifen zu stoppen. Und all dies muss geschehen, ohne dass einer der großen und kleinen Protagonisten dieser Krise das Gesicht und die Glaubwürdigkeit verliert."

Zusammengestellt von Aladdin Sarhan und Christine Harjes

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