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Politik

Den Holländer sei's gedankt

Russland besiegt die Niederlanden und ist im Halbfinale! Eine Nation im Fußballtaumel. Russland vorwärts!" tönt es nun allenthalben. Doch eigentlich hätten die Holländer ein Danke verdient.

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Auch die Dienstreise nach St. Petersburg brachte kein Entkommen. Während der weißen Nächte haben eigentlich die Touristen Russlands nördliche Metropole fest im Griff. Doch am letzten Samstag (21.06.2008) hatten sie keine Chance. Nach dem Sieg der Sbornaja über die Oranje, nachdem die russische Elf die Niederländer aus dem Turnier gekickt hatte, gehörte die Stadt nur den Petersburgern. Hupkonzerte auf den Prospekten, Jubelschreie und Partyklänge von den Ausflugsdampfern auf der Newa.

Soweit hat es eine russische Nationalmannschaft bei einem internationalen Turnier schon lange nicht mehr geschafft. Der EM-Titel am kommenden Sonntag ist für die meisten Russen ausgemachte Sache. Das werden auch die Deutschen nicht mehr verhindern. Der Durchmarsch ihrer Sbornaja bei der EM passt gut in die neue allrussische Gemütstimmung: "Wir sind wieder wer!" - Präsident Putin, Entschuldigung, Premier Putin und seinem Präsidenten Medwedew, sei dank, so scheint es.

Dabei ist der Fußballerfolg klar der Verdienst eines Mannes: des Holländers Guus Hiddink. Am Anfang mochte ihn in Russland keiner. "Müssen wir uns denn von einem Ausländer zeigen lassen, wie man Fußball spielt," knurrten nicht nur die Sportfunktionäre. Doch inzwischen diskutiert die Sportwelt, ob die Russen dank des Holländers nicht den Fußball der Zukunft spielen: flinkes laufstarkes Powerplay, klug kombiniert und schlagkräftig im Abschluss.

Schon einmal brachte holländischer Esprit die Russen in Europa ganz weit nach vorn. In St. Petersburg erinnert eine Bronzeskulptur daran. An der Uferpromenade bei der Palastbrücke über die Newa zeigt sie Peter den Großen als Zimmermann, beim Schiffsbau. Seine Lehrjahre vor allem in den Niederlanden stießen Russland das Fenster zum Westen auf, ließen Russlands Venedig des Norden überhaupt erst entstehen. Russische Fußballfans schlugen diese Verbindung unfreiwillig. Nach dem EM-Sieg über Schweden in der Vorrunde feierten sie den Sieg der Russischen Flotte über die Skandinavier im Nordischen Krieg. Undenkbar ohne damaliges holländisches Knowhow.

Von Holland lernen, heißt siegen lernen, werden sich vielleicht auch die Manager von Gazprom im Fußballrausch gedacht haben. Jedenfalls verkündete der halbstaatliche Rohstoffmonopolist ebenfalls am vergangenen Wochenende, dass die niederländischen Gasunie in das Projekt Ostseepipeline einsteigt. Das ehrgeizige Projekt soll einmal russisches Gas direkt nach Westeuropa liefern. Doch die Pipeline auf dem Meeresgrund ist umstritten. Und etliche Ostseeanrainer sind noch nicht einverstanden, dass die Röhre auch durch ihre Hoheitsgewässer laufen soll.