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Politik & Gesellschaft

Den Adler auf der Brust, die Heimat im Herzen

Sie holen Medaillen für Deutschland, sind aber im Ausland geboren und aufgewachsen: Sportler, die schnell eingebürgert wurden, weil ein "nationales Interesse" vorliegt. So wie die Eiskunstläuferin Aljona Savchenko.

Aljona Savchenko und Robin Szolkowy bei der Siegerehrung der Eiskunstlauf-WM in Moskau 2011 (Foto: dapd)

Gold für Deutschland bei der Eiskunstlauf-WM in Moskau

Glücklich strahlt Aljona Savchenko in die Kameras im Moskauer Megasport-Palast. Neben ihr, ebenfalls mit einer kleinen Freudenträne im Auge: Eiskunstlaufpartner Robin Szolkowy. Beide ziert eine Goldmedaille um den Hals. Und dazu erklingt die Deutsche Nationalhymne. Savchenko und Szolkowy haben gerade zum dritten Mal den Weltmeistertitel im Paarlauf gewonnen. Damit ist ihnen gelungen, was zuvor noch kein deutsches Eiskunstlauf-Paar geschafft hat. "Dieser dritte Titel wird in die deutsche Geschichte eingehen", sprudelte es voller Stolz aus Savchenko heraus. Wie kommt es überhaupt, dass Aljona Savchenko für Deutschland startet?

Aljona Savchenko und Robin Szolkowy beim Kurzprogramm des olympischen Paarlaufwettbewerbs 2010 (Foto: AP)

Ein perfektes Paar: Aljona Savchenko und Robin Szolkowy, hier bei Olympia 2010 in Vancouver

Den (Sport)-Partner in Deutschland gefunden

Geboren wurde sie vor 27 Jahren als Olena Sawtschenko in Obuchow, in der heutigen Ukraine, damals noch Ukrainische SSR der Sowjetunion. Ihre ersten Schritte auf dem Eis machte sie im Alter von drei Jahren auf einem See in ihrer Heimat. Bald fand sie zum Eiskunstlauf. Aus der kleinen Olena wurde eine Eisprinzessin. Ihr Fleiß, ihr Talent, ihr Wille rückten sie bald in den Blickpunkt des ukrainischen Verbandes. Sie startete für ihr Land, nahm an Juniorenweltmeisterschaften teil, zum ersten Mal 1998. Im Jahr 2000 gewann sie sogar den Titel zusammen mit Patner Stanislaw Morosow. Doch zwei Jahre später die Trennung. Olena musste sich einen neuen Paarlaufpartner suchen. Nicht einfach, einen gleichwertigen, passenden und vor allem freien Kandidaten aufzuspüren. Deshalb wurde bald weltweit gefahndet. In dem Chemnitzer Robin Szolkowy wurde sie schließlich fündig. Wenig später der Umzug nach Deutschland, erste gemeinsame Wettbewerbe, das gemeinsame Debüt bei Weltmeisterschaften 2005 mit Platz sechs.

Ende Dezember 2005 fiel dann auch die letzte Hürde, um an Olympischen Spielen teilzunehmen: Aljona, wie sie sich inzwischen nennt, erhielt die deutsche Staatsbürgerschaft. Auf ihren ersten Titel bei "richtigen" Weltmeisterschaften mussten die beiden aber noch bis 2008 warten, als sie in Göteborg Gold holten. Die Wiederholung des Triumphes ein Jahr später in Los Angeles, und jetzt, in Moskau also die erneute Titelverteidigung.

Einbürgerungstest statt Hochzeit

Die deutschen Paarläufer Nelli Ziganschina und Alexander Gazsi auf dem Eis(Foto: AP)

Ziganschina und Gazsi

Von einer ähnlichen Karriere träumt auch Savchenkos Kollegin Nelli Ziganschina. Allerdings fehlt der 24-Jährigen noch der deutsche Pass. Die Eistänzerin kam in Moskau zur Welt, inwzischen ist sie in Oberstdorf in Bayern heimisch geworden. Um bei Olympia 2014 in Sotschi für Deutschland starten zu dürfen, könnte sie es sich einfach machen. Sie müsste nur ihren Eistanz- und Lebenspartner Alexander Gazsi heiraten. Er ist Deutscher, kommt aus Sachsen. Aber die beiden haben sich entschlossen, den "offiziellen Weg" zu gehen. Und das heißt: erfolgreich sein. Denn nur die Aussicht auf internationale Titel hilft, das Einbürgerungsverfahren zu beschleunigen.

Bei Otto-Normal-Einbürgerer gilt, dass man mindestens seit acht Jahren in Deutschland leben muss, bei Spitzensportlern und anderen Personen des öffentlichen Interesses reichen auch schon mal drei Jahre aus. Das ist in den Verwaltungsvorschriften zum Staatsangehörigkeitsrecht so geregelt. Ziganschina steht nun Anfang Juni bei der Ausländerbehörte in Sonthofen der Einbürgerungstest bevor. Dabei sind die Fragen "sogar für mich zum Teil schwierig, wenn es um bayerische Themen geht", gesteht ihr Partner Alexander Gazsi.

Oft nur Augenwischerei

Vor allem in den 1990er-Jahren kam so eine wahre Flut von Sport-Einwanderern nach Deutschland. Das gipfelte darin, dass bei den Turn-Weltmeisterschaften 1997 in Lausanne vier von sechs Mitgliedern der Männer-Nationalmannschaft "naturalisierte" Deutsche waren: Die beiden gebürtigen Russen Sergej Schakow und Sergej Pfeifer, der aus Aserbeidschan stammende Waleri Belenki und Dimitrij Nonin, der aus der Ukraine kam.

Die einzelnen Sportfachverbände konnten damit zwar vorübergehend Erfolge feiern, mittel- und langfristig aber wurde Nachwuchssportlern die Perspektive genommen. Das führte dazu, dass sich der Deutsche Sportbund und das Bundesministerium des Inneren darauf einigten, maximal zehn Sportler pro Jahr per beschleunigtem Verfahren einzubürgern. Eine Zahl "jährlich im einstelligen Bereich" bestätigte das Ministerium auf DW-Anfrage. Dabei müsse, so ein Sprecher, "das besondere öffentliche Interesse von einer obersten Behörde des Bundes oder eines Landes bestätigt und im Einzelnen begründet werden."

Im Fußball noch kein Erfolgsmodell

Stürmer Paolo Rink sitzt beim 0:1 gegen England bei der EM 2000 in Belgien enttäuscht auf dem Rasen. (Foto: dpa)

Keine Verstärkung: Der gebürtige Brasilianer Paulo Rink beim 0:1 gegen England bei der EM 2000

Aktuell sind gerade die Eishockey- und die Basketball-Nationalmannschaft gespickt mit eingebürgerten Profis. Allerdings haben einigen von ihnen deutsche Vorfahren, so dass für sie zum Teil andere Voraussetzungen gelten. Bei weitem nicht alle dieser Einbürgerungen brachten übrigens den gewünschten Erfolg. Die beiden Fußballprofis Paulo Rink (1998/Brasilien) und Sean Dundee (1997/Südafrika) etwa, die in der Ära der Bundestrainers Berti Vogts eilends zu Deutschen gemacht wurden, konnten sich in der Nationalmannschaft nicht wie erhofft durchsetzen.

Rink, dem bei seiner Deutschwerdung auch noch zu Gute kam, dass ein Urgroßvater aus Heidelberg nach Brasilien ausgewandert war, brachte es gerade mal auf zwei Einsätze über die vollen 90 Minuten und auf 13 insgesamt, Dundee saß einmal auf der Ersatzbank. Mit dem Adler auf der Brust auflaufen durfte er nie.

Ein weiterer Kandidat steht schon in den Startlöchern. Luis Gustavo, im Winter von Hoffenheim zum FC Bayern gewechselt. "Für mich ist die Idee erstrebenswert, den deutschen Pass zu bekommen und so womöglich für Deutschland zu spielen", sagte er im Winter der Sport-Bild.

Was denn nun - Deutscher oder Pole?

Trainer Bogdan Wenta beim Länderspiel Deutschland - Polen 08.12.2010 in Köln (Foto: picture alliance)

Bogdan Wenta- mal Deutscher, mal Pole

Fast schon grotesk wirkt der Fall des ehemaligen Handball-Profis Bogdan Wenta. Nach 198 Spielen für die polnische Nationalmannschaft trat er, in der Bundesliga für Nettelstedt und Flensburg-Handewitt aktiv, zurück, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erwerben und 50 Partien inklusive einer Olympiateilnahme in Sydney für Deutschland zu absolvieren. Doch nicht genug damit: Als Trainer wurde er bei der WM in Deutschland Zweiter - allerdings stand er da wiederum dem polnischen Team vor und unterlag - pikanterweise - der deutschen Nationalmannschaft. Kurz zuvor hatte er noch zum Besten gegeben: "Ich habe es nie bereut, die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen zu haben, aber meine Wurzeln sind in Polen."

Autor: Tobias Oelmaier
Redaktion: Pia Gram

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