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Asien

Demonstrationen für Liu Xiaobo

Vor vielen chinesischen Botschaften weltweit haben Demonstranten an Liu Xiaobo erinnert, der vor einem Jahr den Friedensnobelpreis erhalten hatte. Leere Stühlen wurden aufgestellt, wie hier in Berlin.

Leere Stühle für Liu Xiaobo: Demontranten erinnern an den inhaftierten Friedensnobelpreisträger. (Foto: DW/Bölinger)

Leere Stühle für Liu Xiaobo: Demontranten erinnern an den inhaftierten Friedensnobelpreisträger

Der schwierige chinesische Name kommt noch nicht jedem Demonstranten über die Lippen. Es sind ein paar Dutzend Menschen, meist ältere Deutsche, dazwischen ein paar Jugendliche, die sich am Jahrestag der Nobelpreisverleihung gegenüber der chinesischen Botschaft in Berlin eingefunden haben. Die Demonstranten wollen daran erinnern, dass der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo nach wie vor im Gefängnis sitzt. Und weil sein Stuhl vor einem Jahr bei der Preisverleihung leer geblieben war, rücken die Demonstranten nun Stühle an den Straßenrand gegenüber dem Botschaftsgebäude. Unter ihnen ist auch Herta Müller, die Literaturnobelpreisträgerin von 2009. Zitternd steht sie im kalten Berliner Wind, halb verdeckt von einem Plakat mit dem Porträt Liu Xiaobos, das auf einem der leeren Stühle liegt. "Viel mehr kann man nicht machen aus unserer Position", sagt die frierende Schriftstellerin, "aber mit meinem biografischen Hintergrund ist das das Mindeste."

2010 erhielt Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis, durfte aber nicht an der Preisverleihung teilnehmen. (Foto: AP)

2010 erhielt Liu Xiaobo den Friedensnobelpreis, durfte aber nicht an der Preisverleihung teilnehmen.

"Ein brillianter Intellektueller"

Die rumänisch-deutsche Schriftstellerin Müller ist bekannt geworden mit ihren Romanen, die sich mit der kommunistischen Diktatur in Rumänien auseinandersetzen. Mehrfach hat sie sich im letzten Jahr mit Texten und Interviews öffentlich für Liu Xiaobo eingesetzt. "Er ist ein brillianter Intellektueller", würdigt sie ihn, "und die Charta 08 ist ein umfassendes soziales und politisches Nachdenken, ein wirklich humaner Vorschlag für die Einführung der Demokratie in China", so Müller.

Doch nicht nur sie teilt an diesem Tag die Erfahrung der Diktatur mit Liu Xiaobo. Die Demonstration wurde organisiert von der Gedenkstätte Hohenschönhausen, dem ehemaligen Stasi-Knast in Ost-Berlin. Inzwischen können Besuchergruppen die alten Zellen und Folterkeller besichtigen. Einige Demonstranten waren in den DDR-Gefängnissen inhaftiert, wie zum Beispiel die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin, Vera Lengsfeld, die 1988 verhaftet und dann in den Westen abgeschoben wurde. Sie hat genau hingehört, wer von den Nobelpreisträgern sich am 10.12.2010 zu Wort gemeldet und wer geschwiegen hat. US-Präsident Barack Obama oder der ehemalige Vizepräsident Al Gore zum Beispiel: "Schweigen von beiden", stellt sie fest. "Wer sich heute für Liu Xiaobo einsetzt, das sind Desmond Tutu und Vaclav Havel. Und das ist Herta Müller. Es ist sehr auffällig, dass die Nobelpreisträger, die die Diktatur erlebt haben, heute aktiv sind. Und andere Nobelpreisträger, die Macht und Einfluss haben, schweigen."

Protest vor chinesischer Botschaft: Herta Müller und Bei Ling (Foto: DW/Bölinger)

Protest vor chinesischer Botschaft: Herta Müller und Bei Ling

"Vielleicht ein Bericht nach Peking"

Einer, der das Schicksal Liu Xiaobos in vielerlei Hinsicht geteilt hat, ist auch der Schriftsteller Bei Ling, der im taiwanesischen Exil lebt. Er war bereits in den achtziger Jahren eng mit Liu befreundet. Im vergangenen Jahr hat er eine Biografie des Friedensnobelpreisträgers geschrieben. Er ist in Deutschland auf der Durchreise und liest zwei Gedichte Liu Xiaobos vor, den Blick auf die Spiegelfassade der chinesischen Botschaft gegenüber gerichtet. Ob hinter den Fenstern jemand schaut, was die Demonstranten da unten treiben, kann man nicht erkennen. Bei Ling glaubt trotzdem, dass seine Botschaft bei den Diplomaten ankommt. "Sie sind natürlich abgestumpft. Sie sehen ja oft solche Aktionen", sagt er. Doch weil Herta Müller und andere bekannte Intellektuelle hergekommen seien, sei diese Mahnwache dennoch etwas Besonderes. "Vielleicht werden sie einen Bericht nach Peking schicken. Und dann erfährt man auch dort, dass auf der ganzen Welt niemand Liu Xiaobo vergessen hat."

Ein Stuhl wurde vor der chinesischen Botschaft in Berlin aufgestellt. (Foto: DW/Bölinger)

Ein Stuhl wurde vor der chinesischen Botschaft in Berlin aufgestellt.

Nach einer guten halben Stunde löst sich die Veranstaltung wieder auf. Nur ein einsamer weißer Klappstuhl bleibt vor dem Botschaftsgebäude zurück.

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Dang Yuan

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