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Welt

Demonstranten wenden sich gegen Erdogan

Die Demonstrationen um den Istanbuler Gezi-Park weiten sich aus. Mit dem Protest gegen ein Bauprojekt und gegen das harte Vorgehen der Polizei verbindet sich inzwischen vor allem eines: Unmut über die Regierung.

Demonstranten auf den Straßen von Istanbul schwenken Fahnen und rufen Parolen gegen die Regierung (Foto: REUTERS/Murad Sezer)

Türkei Istanbul Ankara Demonstrationen Mai Juni 2013

Die Istanbuler Innenstadt bietet ein Bild der Verwüstung: Bushaltestellen und Busse sind demoliert, zerbrochenes Glas und ausgerissene Büsche liegen überall auf der Straße. Reste von Tränengas hängen noch in der Luft rund um den Taksim-Platz und den Gezi Park. Seit Freitag ist dies der Hauptaustragungsort der Gefechte zwischen Demonstranten und der türkischen Polizei. Auch Schlagstöcke, Helme und einzelne Schuhe der Polizeibeamten liegen auf den Straßen. Hupende Autos mit heraushängenden Fahnen, laute Musik und eine Rauchwolke über dem Stadtteil Besiktas prägen am zweiten Tag nach dem Ausbruch der Proteste den Anblick Istanbuls.

Der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan (Foto: dpa)

Räumte Fehler beim Polizei-Einsatz ein: Premierminister Recep Tayyip Erdogan

Am Morgen hatte der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan ein Statement zur Vorgehensweise der Polizei abgegeben. Der Einsatz von Tränengas sei ein Fehler gewesen, so der Premier. Präsident Abdullah Gül bezeichnet das Vorgehen als unverhältnismäßig.

Unterschlupf bei den Anwohnern

Der erbitterte Kampf zwischen der demonstrierenden Zivilbevölkerung und den Polizisten zog sich die gesamte Nacht von Freitag auf Samstag (31.05. bis 01.06.) hin. Die Demonstranten wehrten sich mit Steinbrocken gegen die Tränengasbomben der Polizisten und wurden unter anderem durch die Straßen des Künstlerviertels Cihangir gejagt.

"Weil uns von den Tränengasbomben immer schwindliger wurde, hat uns ein Bewohner zu sich in die Wohnung gerufen. Dort waren wir in Sicherheit", berichtet ein 27-jähriger Demonstrant im Gespräch mit der Deutschen Welle. Alle Anwohner rund um den Demonstrationsort seien hilfsbereit. "Wasser, Brot und Milch zur Stärkung werden von Freiwilligen verteilt. Das hilft uns sehr", so der 27-Jährige. Wie fast alle Demonstranten möchte er aus Angst anonym bleiben - keine Fotos und auch kein Name.

"Wir haben den Park zurückerobert"

Die Demonstranten versuchten immer wieder, gegen die Polizisten anzukommen, die seit Freitagmorgen den Gezi-Park mit Schlagstöcken, Tränengas und Wasserwerfern besetzt hielten. Am Samstagnachmittag konnte die Polizei die demonstrierende Menschenmasse dann allerdings nicht mehr zurückhalten.

"Wir waren die ersten, die sich durch die Polizistenmenge gekämpft haben. Wir haben uns sofort auf den Rasen des Parks geschmissen. Wir haben uns gefühlt wie Helden, weil wir den Park quasi zurückerobert haben", so ein Demonstrant im DW-Gespräch. Einige entrissen den Polizisten ihre Schlagstöcke, Helme und Schutzschilde.

Menge von Demonstranten in Istanbul flieht vor einer Tränengas-Wolke (Foto: REUTERS/Osman Orsal)

"Wenn wir den Park erkämpfen können, dann können wir auch andere politische Dinge zurückgewinnen", sagt ein Demonstrant zuversichtlich

Überall prangt das Wort "Revolution"

Bis zum späten Samstagnachmittag sind Tausende Menschen ins Gebiet um den Gezi-Park geströmt. Die Demonstranten sitzen im Gras - erschöpft von den Auseinandersetzungen, doch zuversichtlicher als noch am Tag zuvor. "Der Park ist nur ein Symbol für uns. Wenn wir uns den Park erkämpfen können, dann können wir auch andere politische Dinge zurückgewinnen. Wir werden weiter kämpfen wenn es sein muss, weil wir glauben, dass die Polizei auch nicht aufhören wird", sagt ein 33-jähriger Demonstrant. Eine ältere Demonstrantin äußert Stolz auf die türkische Gesellschaft: "Ich hätte nie gedacht, dass dieses Volk zu so etwas Großartigem im Stande ist. Ich bin gerührt", sagt die 60-Jährige.

Auch Anhänger der kurdischen Partei BDP sind in den Park gekommen. Lautstark skandieren sie: "Lang lebe die Brüderschaft verschiedener Völker". Der Rest der Menge jubelt ihnen zu. Einige Demonstranten treten immer wieder wütend gegen die demolierten Polizeiautos. Glasflaschen werden ununterbrochen gegen das Gebäude der Stadtpolizei geworfen. Graffitis prangen überall, vor allem Schimpfwörter gegen Erdogan. Auch das Wort "Revolution" ist überall zu lesen.

Rauchwolke über Besiktas

Am Samstagabend geraten im Stadtteil Besiktas dann wieder mehrere Hundert Menschen in Auseinandersetzungen mit der Polizei. Da die meisten Demonstranten mittlerweile bestens mit Gasmasken ausgerüstet sind, können sie aggressiver gegen die Polizei vorgehen. Steine und bengalische Feuerbomben gehörten bereits vorher zu den Mitteln der Demonstranten. Einige schmeißen jetzt die von den Polizisten abgefeuerten Tränengasbomben zurück. Besiktas steht unter einer Rauchwolke.

Die Polizei geht auch gegen Zivilisten vor, die am Straßenrand stehen und lediglich zusehen. Vor allem ältere Menschen, die nicht an den Protesten teilnehmen können, solidarisieren sich von ihren Balkonen aus mit den Demonstranten. Lautes Hämmern auf Kochtöpfe ist in der ganzen Stadt zu hören, das Ein- und Ausschalten des Lichtes zu sehen.

Ausschreitungen auch in anderen türkischen Städten

Auch in Ankara gab es Demonstrationen gegen das Vorgehen der Polizei, die ihr Vorgehen dort wiederholte. Im zentralen Güven-Park wurden Tränengas und Wasserwerfer gegen die Demonstranten eingesetzt. Ähnliche Ausschreitungen gab es auch in anderen türkischen Städten wie Izmir, Adana, Antalya, Bursa, Eskisehir, Dyarbakir, Gaziantep, Ordu, Samsun und Trabzon.

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