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Europa

Demonstranten greifen Homosexuelle an

Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt in Montenegro wurden Homosexuelle mit Eiern und Flaschen beworfen. Experten kritisieren, dass viele Politiker wegschauen - aus Angst, unpopulär zu werden.

Mehrere Verletzte und über 20 Festnahmen: Das ist die traurige Bilanz der ersten Pride Parade in der Geschichte Montenegros. Mehr als 1000 wütende Gegendemonstranten bewarfen die rund zwei Dutzend Homosexuellen in der Urlaubshochburg Budva mit Steinen, Flaschen und Eiern. Wenige Stunden später kam ein orthodoxer Priester mit Weihwasser auf den angeblich "entehrten" Versammlungsplatz der Schwulen und Lesben, um "das Böse zu vertreiben".

Diskriminierung von Homosexuellen gehört zum Alltag

Diese Ausschreitungen seien zu erwarten gewesen, sagt Jelena Dacić, Direktorin für Menschenrechte in der montenegrinischen Nichtregierungsorganisation (NGO) Juventas. Es müsse noch viel für die Gleichstellung und die Rechte von Homosexuellen in Montenegro getan werden, mahnt Europa-Abgeordnete Franziska Brantner von den Grünen im Gespräch mit der DW. "Es geht nicht nur um diesen Demonstrationstag. Diese Menschen leben täglich mit der Diskriminierung." Zwar gibt es in Montenegro ein Anti-Diskriminierungs-Gesetz, das auch Homosexuelle schützen soll, doch eine gesetzliche Gleichstellung homosexueller Paare gibt es nicht. Und zu Übergriffen gegen Schwule und Lesben ist es auch in den vergangenen Jahren gekommen: Bei einer Konzertveranstaltung gegen Homophobie, die die NGO "Juventas" 2011 organisierte, setzte beispielsweise ein Unbekannter Tränengas ein.

Polizisten begleiten die Aktivisten bei der Pride Parade in Budva / Montenegro (Foto: AP Photo/Risto Bozovic)

Massives Polizeiaufgebot bei der Pride Parade in Budva

Aktivistin Dacić glaubt, dass die Angst vor Stigmatisierung der Hauptgrund sei, warum nur zwei Dutzend Schwule und Lesben bei der ersten Pride Parade in Budva erschienen sind. Viele von ihnen haben ihr Gesicht sogar hinter Masken versteckt. "Die Angst vor Ablehnung ist groß, sogar in der eigenen Familie. Viele Homosexuelle sind deswegen nicht bereit, sich öffentlich zu zeigen", so Dacić.

Wo bleiben die Politiker?

Am Kampf für die Rechte der LGBT-Gemeinschaft (Anm. d. Red. : Akronym für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) in Montenegro sind die wichtigsten Politiker des Landes nicht beteiligt. Weder Premierminister Milo Đukanović, der seit 22 Jahren an der Macht ist, noch seine hochrangigen Mitarbeiter nahmen an der Parade in Budva teil. Auch die Opposition des Landes ist nicht erschienen. Die Machthaber "denken eher an die Wählerstimmen als an die Bürger", sagt Jelena Dacić. Deshalb hüten sie sich davor, unpopuläre Positionen zu vertreten.

Ansicht der Adria-Stadt Budva in Montenegro (Foto: Wolfgang Thieme)

Die idyllische Adria-Stadt Budva ist ein beliebtes Touristenzentrum

Zwar hatte sich die Regierung offiziell für den Homosexuellen-Umzug in Budva stark gemacht. Doch Kritiker behaupten, dass es der Regierung nur darum ginge, die demokratische Reife des EU-Kandidaten Montenegro unter Beweis zu stellen. "Der Druck kommt aus Brüssel und das ist auch gut so", sagt die EU-Abgeordnete Franziska Brantner. Doch Montenegro sollte nicht wegen der EU, sondern um seiner selbst Willen in diesem Bereich Reformen durchsetzen, mahnt Aktivistin Jelena Dacić: "Wenn wir das Ganze nur wegen des EU-Beitritts machen, dann bin ich sehr pessimistisch."

Übergriffe gegen Homosexuelle auch in anderen Balkan-Ländern

Dacić glaubt, dass das Problem viel tiefer liegt. Es gebe Menschen, die "die Auffassung haben, dass Homosexualität eine Krankheit ist oder eine Form der Unzucht darstellt." An Schwulen und Lesben entlüden sich daher oft die eigenen Frustrationen, sagt Menschenrechtlerin Dacić und bezieht sich damit auf die Unzufriedenheit über die steigende Arbeitslosigkeit und die hohen Steuern.

Der Weg zur Akzeptanz von Homosexuellen sei immer noch sehr weit - "nicht nur für Montenegro, sondern auch für Serbien und Bosnien. Auch in anderen EU-Mitgliedsländern ist dieser Prozess noch nicht abgeschlossen", sagt Franziska Brantner. Denn auch in anderen Ländern des westlichen Balkans ist es bereits zu Übergriffen auf Homosexuelle gekommen.

In der serbischen Hauptstadt Belgrad wurden im Jahr 2010 mehr als 100 Polizisten verletzt, als 6500 Homosexuellenfeindliche auf der Gay-Parade randalierten. Im bosnischen Sarajevo zwangen radikale Salafisten im Jahr 2008 das "Queer Festival" zum Abbrechen. Auch im neuen EU-Mitgliedsland Kroatien kam es mehrmals zu Ausschreitungen während der Pride Paraden in Zagreb und Split. Im Oktober soll die große Gay Pride Parade in der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica stattfinden.

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