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Welt

Demonstranten beweisen Solidarität mit Kurden

Über vier Wochen dauern die Proteste in der Türkei nun schon an. Auch immer mehr Kurden beteiligen sich an den Demonstrationen. Bei Ausschreitungen im Osten des Landes gab es einen Toten.

"Überall ist Lice, überall ist Widerstand!" - mit diesem Slogan gingen Tausende Menschen am Freitagabend (28.06.) in Istanbul auf die Straße. Einige Stunden zuvor war es bei einer Demonstration in der überwiegend von Kurden bewohnten osttürkischen Stadt Lice (Provinz Diyarbakir) zu Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften gekommen. Die Demonstranten protestierten gegen den Bau eines neuen Außenpostens der türkischen Gendarmerie. Dabei kam ein Mensch ums Leben. Mehrere wurden verletzt.

Protestler mit einem Plakat, das den am Freitag getöteten Demonstranten zeigt (Foto: AFP/Getty Images)

Das Plakat des kurdischen Protestlers zeigt den am Freitag getöteten Demonstranten

Am Samstagmittag (29.06.) gingen daraufhin wieder Tausende Menschen in Istanbul auf die Straße. Organisiert von der Arbeitergewerkschaft KESK und der kurdischen Partei BDP riefen sie unter anderem Slogans wie "Wir wollen keine Polizeistation. Wir wollen Frieden!". Über Twitter und Facebook organisierten sich die Demonstranten erneut am Samstagabend. Zuvor waren Tausende Polizisten auf dem Taksim-Platz in Stellung gegangen. Diesmal umzingelten sie den gesamten Platz. Das Betreten war für die Demonstranten verboten. Schlagstöcke, Schutzschilder, Wasserwerfer und Tränengas. Alles stand bereit. Doch die Eingriffe hielten sich in Grenzen: Laut der türkischen Zeitung "Radikal" wurden einige Protestler festgenommen. Tränengas kam in geringen Mengen zum Einsatz.

"Alle sind Brüder"

Die Demonstranten, ausgerüstet mit Gasmasken, hielten vor allem türkische Fahnen in den Händen. Diesmal waren aber auch Fahnen der türkischen Provinz Diyarbakir zu sehen - sowie einige Fahnen der kurdischen Partei BDP. Die Kurden marschierten gemeinsam mit den übrigen Demonstranten lautstark in Richtung Taksim-Platz.

Türkischer Protestler hält ein Plakat gegen Ministerpräsident Erdogan hoch (Foto: EPA/GEORGI LICOVSKI)

Gemeinsam gegen Ministerpräsident Erdogan

"Die Menschen protestieren hier alle gemeinsam", betont der Demonstrant Yanki Özdogan im Gespräch mit der Deutschen Welle. Von jetzt an werde alles anders sein, so Özdogan. "Wenn ich mit den Menschen spreche, dann merke ich, dass ihr Bewusstsein und Mitgefühl für andere gestiegen ist." Die Menschen hätten sich einander angenähert, meint der 22-jährige. Türken, Kurden, Aleviten, Sunniten - es gäbe keine Diskriminierung, betont auch ein kurdischer Demonstrant. "Das war auch nie die Absicht der Menschen. Alles, was in der Vergangenheit passierte, waren Provokationen. Egal, wie viele spaltende Aussagen von Politikern gemacht werden. Die Menschen verlieren nicht ihre Solidarität - und das ist das wichtigste", sagt er weiter. Alle seien Brüder, fügt ein weiterer kurdischer Demonstrant hinzu. "Wir sind alle gleich und frei und wollen auch gleich und frei in diesem Land leben."

Die Zusammenstöße in Lice hätten zum Ziel gehabt, den andauernden kurdischen Friedensprozess zu stören, twitterte dagegen Hüseyin Celik, der Sprecher der regierenden Partei AKP. "Diejenigen, die eine große Verschwörung planen, versuchen eine kurdische Version des Gezi-Parks zu erschaffen. Bitte seid vorsichtig, meine kurdischen Brüder", twitterte Celik weiter. Die "große Verschwörung" war das Schlagwort, welches Ministerpräsident Erdogan als Antwort auf die landesweiten Proteste immer wieder in seinen Reden benutzt, um die Protestbewegung zu erklären.

Titel: Politische Plakaten über Taksim in Berlin-Kreuzberg Schlagworte: Menschenrecht, Türkei, Berlin, Kreuzberg Wer hat das Bild gemacht/Fotograf?: © Stuart Braun / DW Wann wurde das Bild gemacht?: Juni 2013 Bildbeschreibung: Bei welcher Gelegenheit / in welcher Situation wurde das Bild aufgenommen? Wer oder was ist auf dem Bild zu sehen? Politische Plakaten über Taksim in Berlin-Kreuzberg

Auch Menschen in Berlin-Kreuzberg zeigen sich solidarisch

Im Rahmen des Friedensprozesses, der den rund 30 Jahre langen Konflikt zwischen der türkischen Regierung und der kurdischen PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) beenden soll, begann im Mai der Rückzug einiger PKK-Kämpfer aus der Türkei in Richtung Nordirak. Die kurdische Partei BDP äußerte sich am Freitag (28.06.) kritisch zu den Fortschritten des Friedensprozesses und fordert die Stärkung der Rechte der Kurden, die rund 20 Prozent der türkischen Bevölkerung ausmachen.

"Wir sind zutiefst beschämt"

"Über all die Jahre waren wir taub gegenüber den Dingen, die im Osten der Türkei passierten, und wir haben sie (die Kurden) immer beschuldigt", meint ein protestierender Student im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Doch die jüngsten Ereignisse zeigten uns, dass die Situation nicht so war, wie sie dargestellt wurde." Was die Medien berichteten, sei eine absolute Lüge gewesen, so der Demonstrant weiter. "Wir sind zutiefst beschämt und hoffen, dass wir alle gemeinsam in Frieden leben können."

Auch Hunderte Intellektuelle haben sich am Wochenende solidarisch gezeigt. Unter dem Motto "Wir sind besorgt!" haben sie sich über eine Zeitungsanzeige am Samstag zur Polarisierung der Gesellschaft geäußert. Künstler wie der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk und der Pianist Fazil Say unterschrieben die Anzeige. "Wie unterzeichnen die Forderung, um die Hassreden zu beenden und den Umgang mit Künstlern als Zielscheibe zu stoppen", hieß es in der Veröffentlichung. Damit solle die allgemeine Unterdrückung beendet werden.

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