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Politik

"Demokratie kann man nicht mit Gewalt erzwingen"

Der ehemalige UN-Koordinator für den Irak, Hans von Sponeck, fürchtet Tumulte, aber keinen Bürgerkrieg nach den Irak-Wahlen. Gleichzeitig kritisiert er im DW-WORLD-Interview die US-Regierung scharf.

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Hans Graf von Sponeck

DW-WORLD: Die Gewalt im Irak geht unvermindert weiter. Am Sonntag sollen dennoch Wahlen stattfinden: Inwiefern sind sie zu diesem Zeitpunkt sinnvoll?

Hans Graf von Sponeck: Die Wahlen machen bei nüchterner Betrachtung, was den 30. Januar angeht, keinen Sinn. Ich bin noch nicht überzeugt, dass es zu einem Wahlgang kommt. Wenn das geschieht, wird es viele Personen geben, auch einflussreiche Personen, die sagen, dass diese Wahlen nicht anerkannt werden sollen. Man weiß ja schon heute, dass große Teile der sunnitischen Bevölkerung sich nicht beteiligen werden. Sie werden sagen: Das war keine Wahl, die wir akzeptieren. Da werden auch schiitische Gruppen dazugehören. Es wird ein Durcheinander, ein Anklagen und Gegenanklagen geben, es wird Tumulte geben, bevor sich eine Regierung, die vom Lande akzeptiert wird, entwickeln kann.

Wie groß ist die Gefahr eines Bürgerkriegs nach den Wahlen?

Durch die Konflikte und die zum Teil ethnisch kolorierten Proteste und Attentate ist heute die Basis für eine Konfrontation zwischen den Schiiten, den Sunniten, den Kurden und anderen Gruppen wie den Turkmenen breiter geworden. Das ist eine große Gefahr für das Land, die Gefahr aber für einen Bürgerkrieg halte ich nach wie vor für gering. Wir dürfen nicht vergessen, dass trotz aller Auseinandersetzungen zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden - die es auch zurzeit von Saddam Hussein gegeben hat - diese Gruppen über Jahrhunderte hinweg auch friedlich miteinander gelebt haben, trotz aller ihrer Unterschiede. Bagdad ist die größte Stadt der Welt, was Kurden angeht. Fast eine Million Kurden leben dort. In der Beamtenstruktur, im Militär, in den Betrieben hat es immer gemischte Gruppen gegeben. Da haben Schiiten neben Sunniten und Kurden gearbeitet. In den Nachbarschaften in Bagdad gibt es keine rein ethnisch orientierte Gemeinde mit Ausnahme von Sadr-City, der ehemaligen Saddam-Stadt, wo der überwiegende Teil Schiiten gewesen sind.

Mit welchem Ausgang der Wahlen rechnen Sie? Den Schiiten wird eine Favoritenrolle bei den Wahlen zugeschrieben.

Dass die Schiiten mit etwa 60 Prozent der Bevölkerung den Wahlausgang beeinflussen, das ist keine Überraschung. Aber da gibt es keine gemeinsame Basis unter diesen Gruppen. Es gibt keine einheitliche schiitische Wahlgruppe. Es gibt etwa 15 größere Parteien und Allianzen, die sich an der Wahl beteiligen. Dazu gehört die "Vereinigte Irakische Allianz", die weitgehend aus schiitischen, klerikal orientierten Gruppen besteht. Dazu gehört vor allem Abdulasis al-Hakim, auf der anderen Seite der säkulare Ahmed Chalabi. Aber es gibt auch eine Schiiten-Gruppe unter Ijad Allawi, die "Irakische Liste" -das ist eine Vereinigung von verschiedenen Gruppen. Da gibt es viele Konflikte, die schon lange vor dem Ende des Saddam-Regimes existierten, zum Beispiel zwischen der Allianz von Chalabi und der Allianz um Allawi.

Lesen Sie im zweiten Teil: Haben die USA die eskalierende Gewalt im Irak selbst zu verantworten und welchen Ausweg gibt es aus dieser Situation?

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