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Kultur

Demenz

Von Pfarrer Klaus Möllering, Berlin

Pfarrer Klaus Möllering, Berlin

Pfarrer Klaus Möllering

Irgendetwas an dem alten Spruch hatte mich angesprochen – ich hatte ihn deshalb rasch fotografiert: „Wir bauen hier so feste“, hatte da an einer Wand gestanden – und es fiel tatsächlich auf: Überall sonst war alles frisch verputzt und renoviert; nur diese Stelle hatte man ausgespart. Den alten Stein in der Wand, auf dem stand:

„Wir bauen hier so feste,
und sind doch fremde Gäste.
Und wo wir ewig wollen sein,
da bauen wir oft nichts hinein.“

Das klang damals erst mal wie eine allgemeine Mahnung, über den Horizont der Gegenwart hinauszudenken. Doch mittlerweile sind diese Sätze meinem Leben sehr viel näher gerückt. Sie hängen nun neben meinem Arbeitsplatz. Denn ich habe da sehr viel zu tun mit Menschen, die in ihrem Leben tatsächlich „fremde Gäste“ geworden sind - einfach weil sie in ihrer eigenen Geschichte nicht mehr zuhause sind. Nach und nach gehen ihnen alle Erinnerungen verloren. Von den alten Menschen, mit denen ich als Pfarrer und Seelsorger zu tun habe, sind nicht wenige dement.

Dement sein heißt: Sie vergessen Stück für Stück ihre eigene Geschichte und stehen damit schließlich wirklich vor einer großen, ewigen Leere. Es sind Menschen wie Gerda Herzog (Name geändert), die dafür umso fester versucht, die paar Episoden festzuhalten, die noch in ihrem Gedächtnis geblieben sind. Was sie nie vergessen wird, sind die Schikanen im Dritten Reich. „Eine meiner Großmütter war nämlich Jüdin“, erklärt sie mir jedes Mal, wenn ich sie besuche. Und dann erzählt sie mir immer wieder aufs Neue empört, wie sie deshalb geschnitten und drangsaliert wurde. Sie verlor fast alles – Freunde, Ansehen, konnte nicht mehr über ihr Leben bestimmen. Immer wieder berichtet sie von diesen schlimmen Zeiten. Manchmal erscheint mir das auch wie ein schreckliches Spiegelbild ihrer heutigen Verluste. Aber umso überraschter war ich, als sie nach der wer-weiß-wie-vielten Wiederholung mir dann doch eines Tages plötzlich mit einem triumphierenden Kichern anvertraute: „Und wissen Sie, was? Jetzt sind die alle tot – und ich lebe noch!“

Was für eine Kostbarkeit: Sie weiß heute kaum noch, dass sie Lehrerin war, wo sie wann gewohnt und wie gelebt hat. Aber diese Freude, am Leben zu sein – die kommt ab und an zurück. Mit allem, was dazu gehört: Sie singt gerne, spielt gerne „Mensch ärger dich nicht“ mit anderen. Und in ganz besonderen Momenten flirtet sie auch mal mit einem - hinreißend wie ein Teenager.

Zwei wichtige Erfahrungen habe ich in dieser Arbeit gemacht: Zum einen, dass selbst wenn das allermeiste vergessen wird, die eigene Persönlichkeit doch oft sehr lange bleibt. Im Wesentlichen ist dann doch noch der Mensch wiederzuerkennen, dem heute zwar die meisten Erinnerungen fehlen. Aber dafür ist umso wichtiger, was im Moment passiert: Was an Respekt, Kontakt, Wertschätzung von anderen zu spüren ist. Dann ist auch die Freude darüber möglich: Ja, ich lebe noch.

Und das andere ist: Nie hätte ich geahnt, wie wichtig die Lieder sind, die Gebete, die Psalmen und alles das, was das Gedächtnis des christlichen Glaubens ausmacht. Ich habe die Mahnung aus meiner eigenen Konfirmandenzeit noch im Ohr: „Was ihr jetzt lernt, wird euer ganzes Leben begleiten“. Das klang schon ähnlich warnend wie diese Zeilen:

„…wir sind doch fremde Gäste.

und wo wir ewig wollen sein,

da bauen wir oft nichts hinein.“

Aber wenn ich erlebe, wie mit zunehmender Demenz eine Erinnerung nach der anderen hinweg geweht wird, wie Blätter von einem Laubhaufen, bin ich doch immer wieder beeindruckt, wie wichtig ist: Dass Worte bleiben, die man miteinander beten kann. Dass Lieder bleiben, die man miteinander singen kann. Und dass man sich nicht fremd, sondern Zuhause fühlen kann in dem Vertrauen, das der Schlussvers des 23. Psalms festhält. Wenn man das einmal gelernt hat, kann man darin lange wohnen:

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen ein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. (Ps. 23,6 )


 

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