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Fokus Osteuropa

Dem Siegestaumel wird die Ernüchterung folgen

Montenegro jubelt über seine bevorstehende Unabhängigkeit. Doch mit der Unabhängigkeit sind die Probleme des Landes keineswegs gelöst - im Gegenteil. Benjamin Pargan kommentiert.

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Nun steht also fest: Auch aus der letzten Teilrepublik des ehemaligen Jugoslawien wird ein unabhängiger Staat werden. Allerdings ist die Behauptung falsch, dies sei das letzte Kapitel im Zerfall des ehemaligen Vielvölkerstaates auf dem Balkan. Gegen diese These spricht nicht nur das ungelöste Kosovo-Problem, welches zweifelsohne das größte aus der Hinterlassenschaft Ex-Jugoslawiens ist.

Viele Herde der Unzufriedenheit

Viele Länder in diesem Teil Europas kämpfen mit starken nationalen Fliehkräften. Viele Serben in Bosnien-Herzegowina und - wie jetzt durch das Referendum noch klarer wurde - auch in Montenegro identifizieren sich kaum mit ihrer Heimat. Sie würden es bei weitem vorziehen, wenn die von ihnen bewohnten Regionen Teil Serbiens wären.

Auf der anderen Seite pflegen viele Bosniaken in der nun zwischen Montenegro und Serbien geteilten Sandzak-Region enge wirtschaftliche und politische Beziehungen mit ihrem Mutterland Bosnien-Herzegowina. Auch sie glauben, ihre politischen Probleme außerhalb des Landes lösen zu können.

Drittes Beispiel: Die zahlreichen Minderheiten in der nördlichen autonomen serbischen Provinz Wojwodina beschweren sich, dass sie und ihre Schwierigkeiten seit Jahren ignoriert würden. Im Gegensatz zu Montenegro, das von 1878 bis 1918 volle staatliche Souveränität hatte, war Wojwodina zwar nie ein unabhängiger Staat, und auch jetzt fordert kein ernst zu nehmender Politiker die Unabhängigkeit. Trotzdem darf sich Europa nicht taub stellen, wenn die über 35 Prozent der Bevölkerung umfassenden Nicht-Serben nördlich der Donau mehr Rechte fordern.

Bei der schier endlosen Aufzählung der ethnischen Brennpunkte in den ehemaligen Jugoslawischen Republiken dürfen auch die bosnischen Kroaten nicht fehlen. Viele von ihnen fühlen sich nicht wohl in Bosnien-Herzegowina. Dasselbe gilt für die meisten Albaner in Mazedonien.

Ein labiler Zwergstaat

Viele Herde der Unzufriedenheit also, bei denen die Hauptgefahr nicht in Sezession besteht, sondern in einer Verlangsamung oder sogar totalen Lähmung politischer und wirtschaftlicher Entwicklung. Das haben ungelöste ethnische Probleme auf dem Balkan schon oft gezeigt, Montenegro war und wird höchstwahrscheinlich ein Beispiel dafür bleiben.

Im Siegestaumel blendet der gefeierte Sieger aus Podgorica, Regierungschef Milo Djukanovic, gerne die Tatsache aus, dass sein Montenegro ein tief gespaltenes Land ist. Zudem wird sich schnell herausstellen, wenn die Euphorie verflogen ist, dass seine Versprechungen - wenn überhaupt - nicht so einfach und vor allem nicht so schnell einzulösen sind. Djukanovic wird nicht müde, die superschnelle Annäherung seines Landes nach der Aufkündigung des Staatenbundes mit Serbien an die EU zu versprechen. Die NATO-Mitgliedschaft will er natürlich auch noch im Vorbeigehen mitnehmen.

Der ehemalige Vorzeigekommunist übersieht es einfach, dass seine kleine Adria-Republik ein wirtschaftlich schwacher und trotz oder gerade wegen der Unabhängigkeit politisch labiler Zwergstaat ist. Wenn man sich seine Reden anhört, entsteht der Eindruck, dass die internationalen Investoren mit ihren Geld-Koffern an der Grenze sitzen und nur noch auf ein Zeichen aus Podgorica warten.

Umstrittener Djukanovic

Dabei hat Montenegro erhebliche Defizite im Kampf gegen die organisierte Kriminalität und Korruption und hatte auch bisher keine besonders starke Anziehungskraft für das westliche Geld. Und Djukanovic ist nicht unbedingt der richtige Mann für diese schwere Aufgabe. Ganz im Gegenteil, er selbst ist eines der Probleme. Nach wie vor stehen Vorwürfe im Raum, der montenegrinische Regierungschef sei in den äußerst profitablen Zigarettenschmuggel verwickelt. In Italien wird sogar gegen ihn ermittelt. Auch die Vorwürfe der Befürworter der Union mit Serbien, Djukanovic wolle mit der Unabhängigkeit Montenegro "noch mehr privatisieren", sind nicht ganz unberechtigt. Seit Jahren herrscht in dem kleinen Balkan-Land eine Günstlingswirtschaft, in der ohne gute Beziehungen zum Djukanovic-Lager gar nichts läuft. Dies kritisieren auch die Verfechter der Unabhängigkeit, und ihnen kann man nicht vorwerfen, sie versuchen damit die Abtrennung von Serbien zu untergraben.

Daher muss die Europäische Union das Land der schwarzen Berge im Auge behalten, wenn sie in ihrem Hinterhof keinen Umschlagplatz für Zigaretten- und Menschenschmuggler, Geldwäscher und Autoschieber haben will. Die Besucher aus Brüssel müssen aber dabei den Mut haben, auch dem großen Sieger aus Podgorica auf die Finger zu klopfen, und zwar ganz ohne Rücksicht auf seine seit Sonntag (21.5.) erheblich gestiegene Popularität.

Benjamin Pargan, zurzeit Podgorica
DW-RADIO, 22.5.2006, Fokus Ost-Südost