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Geschichte

Dem Mythos Troja auf der Spur

Rund 25 Jahre haben Tübinger Forscher in der Türkei archäologische Detektivarbeit geleistet. Anfang 2013 lief die Grabungslizenz der Deutschen ab. Nun beginnt die Auswertung der Funde - und die ist hochspannend.

Troja begeistert die Menschen seit Tausenden von Jahren. Homer machte die Region in seiner Ilias zum Schauplatz eines großen Krieges. Sein Epos, das etwa um 700 vor Christus entstand, gehört zu den ältesten literarischen Werken Europas. Es handelt vom trojanischen Krieg um die schöne Helena und schildert die Belagerung der Stadt Troja durch die Griechen.

Nachbildungen des kleinen Diadems aus dem legendären Schatz des Priamos, eine Nachbildung der Maske des Agamemnon sowie von Schliemann angefertigte Fotos seiner Frau Sophia mit dem sogenannten Schmuck der Helena (Foto: picture-alliance)

Nachbildungen aus dem legendären Schatz des Priamos und ein Foto von Schliemanns Frau Sophia mit dem "Schmuck der Helena"

Schon die Antike kannte die Legende um das sagenhafte Troja. Bis in die Neuzeit gab es keinen Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Epos. Erst die wissenschaftliche Forschung im 19. Jahrhundert stellte die literarische Quelle in Frage. Einen trojanischen Krieg, so meinten Altphilologen und Historiker, habe es nie gegeben. Während die einen die Ilias als reine Fiktion abtaten, machten sich andere auf den Weg, um den legendären Ort zu suchen. Der Wettstreit zwischen Spaten und Stift, zwischen Abenteurern und Stubengelehrten, begann. Der deutsche Kaufmann und Amateur-Archäologe Heinrich Schliemann entdeckte Troja 1870 unter dem Hügel Hisarlik in der Provinz Çanakkale im Nordwesten der Türkei. Schliemanns Arbeit rückte Troja in den Blick einer breiten Öffentlichkeit.

Fakt oder Fiktion?

Der Altarplatz in der antiken Ausgrabungsstätte von Troja (Foto: imago/imagebroker)

Der Altarplatz in der antiken Ausgrabungsstätte von Troja

Bis heute sind die Deutschen von Troja fasziniert. Unter deutscher Führung versuchen seit rund 25 Jahren Archäologen, Philologen, Anthropologen, Chemiker und Geowissenschaftler der Grabungsstätte ihre Geheimnisse zu entlocken. Zu  Beginn 2013 lief die deutsche Grabungslizenz aus. Vorwürfen deutscher Archäologen zufolge soll die türkische Regierung Grabungslizenzen als Druckmittel für die Herausgabe türkischer Kulturschätze eingesetzt haben. Peter Jablonka von der Universität Tübingen war an den Ausgrabungen in Troja beteiligt, und er sagt: "Wir haben die Grabungsleitung freiwillig aufgegeben." Die Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft sei planmäßig ausgelaufen. Jetzt gehe es vor allem um die weitere Auswertung und die Veröffentlichung aktueller Ergebnisse. "Die Arbeit geht weiter", so Jablonka, "nur eben nicht unter deutscher Leitung".

Die Forscher der Universität Tübingen bleiben der Grabungsstätte weiterhin verbunden. Als Grabungsleiter ist Rüstem Aslan im Gespräch und der ist Tübingen verbunden, denn der Archäologie und Altorientalist, der heute an der Universität Çanakkale lehrt, wurde in Tübingen promoviert. Und die Türkei hat große Pläne für Troja. An der Grabungsstätte soll ein Museum entstehen, in dem die Ergebnisse von Wissenschaftlern aller Nationen präsentiert werden.

Der Laie staunt

Helden des trojanischen Krieg: Menelaos, Paris, Diomedes, Odysseus, Nestor, Achilles, Agamemnon, Holzschnitt von 1880 (Foto: imago/imagebroker)

Helden des trojanischen Krieg: Menelaos, Paris, Diomedes, Odysseus, Nestor, Achilles, Agamemnon

In Tübingen sind sechs weitere Veröffentlichungen geplant, in denen die Forscher ihre Grabungsergebnisse auswerten und aufbereiten und schließlich dem Mythos Troja auf die Spur kommen wollen. Denn die Bedeutung Trojas ist in Deutschland nach wie vor umstritten. Als der mittlerweile verstorbene Grabungsleiter Manfred Korfmann vor zwölf Jahren erste Forschungsergebnisse in der Ausstellung “Troia – Traum und Wirklichkeit“ präsentierte, entbrannte ein Streit unter Wissenschaftlern um die Bedeutung der Stadt im dritten Jahrtausend vor Christus.

Frank Kolb, Althistoriker der Universität Tübingen, widersprach Korfmanns Interpretation der Grabungsfunde und warf ihm vor, bei der Präsentation seiner Ergebnisse gegen wissenschaftliche Standards zu verstoßen. Die Debatte ging hin und her. Althistoriker und Archäologen beschuldigten sich gegenseitig, unfähig zu sein, die Befunde richtig zu interpretieren. "Es gibt oft keine objektive, eindeutige Interpretation archäologischer und historischer Befunde und Quellen," sagt Peter Jablonka von der Universität Tübingen. "Statt einer Meistererzählung konkurrieren viele kleine Erzählungen um die mediale und finanzielle Deutungshoheit." Was Korfmann als Befestigungsmauer der Unterstadt interpretierte, hielt Kolb für einen Abwasserkanal.

Eine Marmorbüste des Homer (Foto: dpa)

Eine Marmorbüste des Homer

Eine Auseinandersetzung, die für einen Laien kaum nachvollziehbar schien: Der Unkundige schaut auf gemauerte Steine und ist ratlos. Für den Experten sind die Unterschiede bedeutend: Eine Befestigungsmauer spräche für die regionale Bedeutung und die Größe der Stadt, ein simpler Abwasserkanal stellt diese Bedeutung in Frage. Die lange Siedlungsgeschichte der Stadt, die immerhin von 3000 vor Christus bis ins Hochmittelalter im 12./13. Jahrhundert nach Christus reicht, macht die Suche nach Antworten besonders schwierig.

Und was hat das alles mit Homer zu tun? Sollte Troja eine unbedeutende Siedlung gewesen sein, dann wäre die Ilias reine Fiktion. Homers Beschreibung der Lage und der Tier- und Pflanzenwelt stimmen jedenfalls mit den örtlichen Gegebenheiten und Funden überein. Mythos oder nicht? Zweifelsfrei beantworten lässt sich das vielleicht nie, was der Begeisterung um Troja jedoch keinen Abbruch tut. Denn die Ilias und ihre Geschichte von Liebe, Krieg, Gewalt und Macht wird die Menschen auch weiterhin faszinieren.

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