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Dem Licht Raum geben

Das Zisterzienserinnen-Kloster auf der norwegischen Halbinsel Trautra ist ein spiritueller Rückzugsort, der die atemberaubende Natur als eigenständiges Element nutzt.

„Dem Licht Raum geben“. So lautet einer der Leitgedanken der Zisterzienser. Über Jahrhunderte gehörten Bauten mit hohen Fenstern zur stilprägenden Bauweise des Ordens. Hinter dem zentralen Motiv steht nicht nur eine architektonische Herausforderung. Vielmehr geht es um eine spirituelle Erfahrung. Notwendig dafür sind Rückzugsorte. Räume, die zur Einkehr, zur Stille, zum Gebet einladen. Das Zisterzienserinnen-Kloster auf der norwegischen Halbinsel Trautra, idyllisch am Trondheimer-Fjord gelegen, ist so ein Rückzugsort. „Dem Licht Raum geben“, das wird hier konkret erfahrbar.

Versprechen für Halt und Beistand

Herzstück der 2006 mit Unterstützung des bischöflichen Hilfswerks Bonifatius fertig gestellten Klosteranlage ist die kleine hölzerne Kirche. Puristisch ist die Ausstattung der Marienkirche: blanke, helle Holzbänke, die ebenso wie das Chorgestühl dezent gehalten sind. Holz und Stein dominieren. Das Konzept der Reduktion ist konsequent umgesetzt. „Die Natur ist die einzige Dekoration“, erklärt Schwester Hanne-Maria. Und als bedürfe es noch eines Beweises zeigt die quirlige Schwester mit den großen, klugen Augen Richtung Altar. Eine große Fensterfront bietet einen atemberaubenden Ausblick auf den Fjord. Je nach Windverhältnissen und Lichteinfällen variieren Bewegung und Farbverläufe im Bergsee. Der schlichte Altar hingegen ist beständiges Ruhelement. Er ist auch in stürmischen Zeiten ein Versprechen für Halt und Beistand.

Beeindruckend ist zudemdie ebenso klare wie außergewöhnliche Dachkonstruktion der Klosterkirche. Das gläserne Dach über dem offenen Holzgebälk ermöglicht ein sich ständig veränderndes Licht- und Schattenspiel im Kirchenraum. Der Lichteinfall ist nicht einseitig. Lichtstrahlen dringen nicht nur von Oben über das Dach in das Innere des Gotteshauses. Zu abendlicher Stunde, wenn die Dunkelheit anbricht, zeigt sich ein umgekehrtes Bild. Die Anregung dazu fand der Architekt Jan Olav Jensen in den Gewächshäusern in Frosta. Auch dort dringt das Licht aus dem Inneren über die Glasdächer in die Dunkelheit. Eine zutiefst berührende Symbolik: „Das Kloster Tautra als spirituelles Gewächshaus“, so hat es die Theologin und Autorin Sybille Hardegger einmal formuliert. Das Leuchten des Gebethauses entfaltet sich. Demut, Besinnung und Kraft strahlen von Trautra aus in die Welt.

Leuchtturm des Glaubens in der Diaspora

„Das Marienkloster auf Tautra ist ein gutes Beispiel dafür, was man für den Glauben und die Spiritualität leisten kann. Gerade für die Katholiken in der Diaspora ist es wichtig, dass sie einen Raum für die Begegnung und das gemeinsame Gebet finden“, erläutert der Generalsekretär des Bonifatiuswerks, Monsignore Georg Austen. Das Hilfswerk fördert Seelsorgearbeit und Katechese dort, wo Katholiken ihren Glauben in absoluter Minderheit leben. Tätig ist es unter anderem in den baltischen Staaten Estland und Lettland und in Ländern der nordischen Bischofskonferenz. Dazu gehören Schweden, Dänemark, Finnland, Island und eben auch Norwegen. In diesen Ländern der Diaspora sind für den Generalssekretär Klöster wie das auf Tautra „wahre Leuchttürme des Glaubens.“

Vierzehn Schwestern leben in der Ordensgemeinschaft auf Tautra. Sie kommen aus den USA, Kanada, England, Belgien, Polen, Vietnam und Norwegen. Die Universalität der katholischen Kirche spiegelt sich bereits in dieser kleinen Gemeinschaft wider. Arbeit und Gebet bestimmen den Tagesablauf der Zisterzienserinnen. Wer als Gast nach Tautra kommt, ist angetan von der Offenheit und Herzlichkeit der Ordensfrauen. Und beseelt von einem Besuch der Vesper in der Marienkirche. Spätestens wenn die Harfe erklingt, die Schwestern zum Gesang ansetzen und sich der Blick gen Fjord gerichtet, öffnen sich Herz und Seele. Es passiert etwas mit einem. Man nennt es wohl spirituelle Erfahrung. Und man hofft, Momente der friedvollen Kraft und des inneren Gleichgewichts, die man an diesem magischen Ort findet, hinüber retten zu können in den Alltag. Um sich dort immer wieder bewusst zu machen, um was es im Leben geht: „Dem Licht Raum geben.“

Dr. Ute Stenert, Jahrgang 1971, ist Leiterin des Referats Rundfunk und Medienethik im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Seit über 20 Jahren ist sie als freie Autorin für unterschiedliche Medien tätig.

Kirchliche Verantwortung: Dr. Silvia Becker, Katholische Hörfunkbeauftragte und Alfred Herrmann