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Ostmitteleuropa

Dem Handel mit ausländischen Billigtextilien in Polen droht das Aus

- Regierung will heimische Industrie schützen und Entlassungen verhindern - Die Bevölkerung protestiert / Von Bernd Musch-Borowska

Köln, 22.5.2002, DW-radio

Mehrere tausend Second-Hand-Läden in Polen werden in den nächsten Monaten voraussichtlich schließen müssen. Dem Handel mit Gebrauchtkleidung droht das Aus, wenn am 1. Juli neue Hygienevorschriften des Umweltschutzgesetzes in Kraft treten. Nichtsortierte Altkleider dürfen dann nicht mehr eingeführt werden.

Fast 60.000 Tonnen Altkleider sind im vergangenen Jahr nach Polen importiert worden. Die Textilien werden in Sortierbetrieben getrennt, in brauchbare Kleidung für Second-Hand-Läden und abgenutzte Ware, die als Putzlumpen weiter verarbeitet wird.

Vertreter der polnischen Textilindustrie beklagen, diese Menge von Altkleidern entspreche 30 Millionen Anzügen oder 120 Millionen Pullovern. Wenn der heimische Markt weiter mit der Billigware aus dem Ausland überschwemmt werde, werde es Entlassungen geben müssen.

Doch auch am Altkleiderhandel hängen Arbeitsplätze. Über 40.000, meint Ewa Matejska vom Verband für Recycling-Kleidung:

"Das Gesetz wird dazu führen, dass die Großhandelsbetriebe und die Sortierbetriebe geschlossen werden. Denn wenn die nicht sortierte Kleidung wegen der Vorschriften des Hauptinspekteurs für den Umweltschutz nicht mehr wie bisher auf unseren Markt kommen kann, haben sie keine Ware mehr, mit der sie handeln können."

Elzbieta Klausz, Besitzerin eines Second-Hand-Großhandels in Stettin:

"Wir werden schließen, wir werden schließen. Und so wie sich das der Herr Finanzminister wünscht, werden wir dann alle auf den Straßen wunderschön gekleidet sein, denn das hat er gesagt. Und ich bin angezogen mit Sachen aus dem Lumpenhandel und bin der Meinung, gar nicht schlechter als der Herr Minister."

Viele Polen kaufen aus schlichter Not in den Second-Hand-Läden, den so genannten Szmateksy. Vor allem auf dem Land und in den strukturschwachen Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit. Wovon soll ich denn sonst meine Kinder einkleiden, fragt eine arbeitslose Kundin an einem der Wühltische. Drei Zloty für einen Pullover, umgerechnet weniger als ein Euro, ein unschlagbarer Preis.

Mehr als 100 prominente Schauspieler haben vor kurzem eine Petition für den Erhalt der Trödelläden unterzeichnet. Auch zahlreiche Politiker, wie zum Beispiel der frühere Präsidentschaftskandidat Janusz Korwin-Mikke, setzen sich für die Second-Hand-Geschäfte ein:

"Einige Sachen habe ich hier schon gekauft, sogar in letzter Zeit. Hier habe ich eine sehr elegante Weste. Und für meine Frau habe ich einen wunderschönen Strohhut mit künstlichen Blumen gekauft. Der kostete fünf oder zehn Zloty, genau weiß ich das leider nicht mehr."

Abgeordnete im polnischen Sejm wollen eine parteiübergreifende Koalition zum Schutz der Lumpen bilden. Vielleicht können die Second-Hand-Läden in Polen doch noch gerettet werden. (TS)

  • Datum 22.05.2002
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  • Permalink http://p.dw.com/p/2CgB
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