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Deutschland

"Dem Deutschen Volke" – Reichstagsinschrift vor 100 Jahren angebracht

Der deutsche Kaiser war strikt dagegen, die Diskussionen über den genauen Text zogen sich über 20 Jahre hin. Weihnachten 1916 prangte dann endlich der bronzene Schriftzug am Giebel des Reichstags.

Alles an dieser Entscheidung war ein Politikum: Was genau sollte die Inschrift beinhalten? Welche Schrift kam dafür in Frage und aus welchem Material sollten die ehernen Buchstaben bestehen? Am Schluss entschied der deutsche Kaiser Wilhelm II., dass es auf jeden Fall Bronze sein sollte. Aber nicht etwa aus neuem Metall, sondern aus eingeschmolzenen Beute-Kanonen aus den Befreiungskriegen gegen Frankreich 1813-1815. 

Ein patriotisches Signal: Wilhelm II. wollte mit diesem Schriftzug seinen Rückhalt im Volk stärken. 60 Zentimeter hoch sind die 17 bronzenen Lettern: "Dem Deutschen Volke". Bis heute weithin sichtbar für alle, die sich dem Hauptportal des Berliner Reichstagsgebäudes nähern.

Berlin - Inschrift Dem Deutschen Volke wird am Reichstag angebracht (ullstein)

Bauarbeiter im feinen Zwirn bringen 1916 die Reichstagsinschrift an

Die Kleidung der Arbeiter, die in den Tagen vor dem Weihnachtsfest 1916 oben auf dem Gerüst an der Fassade des Reichstagsgebäudes die letzten Montagearbeiten ausführten, war eher festlich als proletarisch. Statt Blaumann und Schiebermütze trugen die Herren Bauarbeiter dunklen Anzug, Krawatte, weiße Hemdkragen und Melone. Eher die feine britische Art, aber der deutsche Kaiser hatte das vor den Festtagen so angeordnet. Schließlich war die Anbringung des patriotischen Schriftzugs ein feierlicher Moment.

Ein Auftrag von nationaler Bedeutung

Die Einweihung des imposanten Reichstagsgebäudes mitten in Berlin lag zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 20 Jahre zurück. Schon bei der Planung hatte der Architekt des Gebäudes, Paul Wallot, den Schriftzug für den klassizistischen Giebel vorgesehen, stieß aber innenpolitisch auf Widerstand. Allen voran Kaiser Wilhelm II. war gegen den Wortlaut der Inschrift. Das Münchner Satireblatt "Kladderadatsch" merkte höchst ironisch an, am besten stünde dort oben der Satz "Eingang nur für Herrschaften".

Bundestag Reichstagsgebäude in Berlin (picture-alliance/ ZB)

Eines von Berlins Wahrzeichen: Das Reichstagsgebäude

Und so blieb bei der Eröffnung des Deutschen Reichstags am 5. Dezember 1894 blieb die Fläche zunächst leer. Anfang Januar 1895 kamen dann im Deutschen Reich erste öffentliche Debatten auf. Doch die Reichsregierung wehrte Anfragen, auch der Presse, strikt ab: "Die Entscheidung des Kaisers in dieser Frage ist noch nicht abgerufen worden, und eine allerhöchste Willensäußerung bisher nicht ergangen." Man müsse die nächste Sitzung der Baukommission abwarten.

Die Kommission entschied sich mit sieben zu fünf Stimmen für die Worte: "Dem Deutschen Reich". Wilhelm II. brachte kurzerhand mit einem kaiserlichen Vermerk, der in einer Akte im Staatsarchiv verwahrt ist, einen Gegenvorschlag ein: "Der deutschen Einigkeit". Zur einer Einigkeit über den Schriftzug kam es nicht. Und nichts passierte.

Berlin Reichstag - Die Bevölkerung Installation von Hans Haacke (picture-alliance/U. Baumgarten)

Künstler Hans Haacke entwickelte aus der Inschriftsdebatte die Bodenskulptur "Die Bevölkerung"

Späte Einigung: der Kaiser ist dafür

Erst im Herbst 1915 kam wieder Bewegung in die Angelegenheit. Der Erste Weltkrieg war offenbar doch nicht so schnell zu gewinnen, wie die Reichsregierung und der Kaiser gedacht und prophezeit hatten. Der Hurra-Patriotismus der ersten Kriegsmonate flaute angesichts der vielen Toten an der Front deutlich ab. Das Volks begann zu murren.

Ein Artikel im "Leipziger Tageblatt" vom 9. August 1915 löste eine erneute Debatte um den Schriftzug auf dem Reichstagsgebäude aus. Das Plädoyer für die Worte: "Dem Deutschen Volke" stieß auf breite Zustimmung. Und diesmal kam auch Zustimmung von kaiserlicher Seite: "falls ausschmueckungskommission inschrift beschlieszt, wird kein Widerspruch dagegen erhoben", hieß es in einem eiligem Telegramm von Wilhelm II.

Aber in welcher Form sollten die Buchstaben angebracht werden? Lateinische Lettern oder lieber Frakturschrift? In Groß- oder Kleinschreibung? Für wahre Patrioten wäre ein kleingeschriebenes Adjektiv zu Kaiserzeiten unakzeptabel gewesen.

Deutschland | 100 Jahre Schriftzug Dem Deutschen Volke am Berliner Reichstag (picture-alliance/dpa)

1951: Deutsche Politiker vor dem beschädigten Reichstag

Schließlich fand Typograph Peter Behrens, unterstützt von der Kalligrafin Anna Simons, eine allseits akzeptierte Lösung: eine Art römischer Antiqua mit altdeutschen Frakturbezügen, alles in Großbuchstaben. Der Auftrag ging an die renommierte Gießerei Loevy, die daraufhin zum "Kaiserlichen Hoflieferanten" ernannt wurde – als Dank für die kunstfertige Ausführung der bronzenen Inschrift.

Nur 20 Jahre später wurde die jüdische Familie Loevy von den Nazis im "Dritten Reich" unbarmherzig verfolgt, viele von ihnen deportiert und in Auschwitz ermordet – im Namen "des deutschen Volkes". Auch damals prangte die historische Inschrift aus der Kaiserzeit am Berliner Reichstagsgebäude.

Den Zweiten Weltkrieg hat die Inschrift halbwegs überstanden, nur das V und ein D gingen im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges verloren. Und wurden wieder frisch poliert angebracht - als wäre nichts gewesen.