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Europa

Del Re: "Für Italien kann es sehr eng werden"

Angesichts der Lage in Italien kann Europa nicht ruhig bleiben, warnt der italienische Journalist und EU-Korrespondent Giovanni Del Re. Im DW-Interview erklärt er, wieso die Probleme in seiner Heimat so brisant sind.

Ein Mann liest am 26.02.2013 im Pressezentrum der Partito Democratico in Rom in der Zeitung Corriere della Sera, die mit «Voto choc: non c e maggioranza» (Wahl Schock: keine Stimmenmehrheit) titelt. Foto: Michael Kappeler/dpa

Symbolbild Wahl Italien - Feature

Deutsche Welle: Herr Del Re, die Schlagzeile eines deutschen Magazins lautete vor einigen Tagen 'Italien wählt - und Europa zittert'. Muss die EU wegen Italien weiter zittern?

Giovanni Del Re: Nach diesen Ergebnissen kann Europa nicht ruhig bleiben. Unter diesen Voraussetzungen ist es extrem schwierig, eine stabile Regierung zu bilden und man darf dabei natürlich nicht vergessen, dass Italien immer noch im Visier der Märkte ist. Wenn die Märkte zu dem Schluss kommen, dass Italien wieder instabil ist und den Reformkurs aufgibt, dann kann es sehr, sehr eng werden, nicht nur für Italien, seine Staatsanleihen und seine finanzielle Stabilität, sondern für die ganze Eurozone.

Weder die Sozialdemokraten von Pier Luigi Bersani noch Silvio Berlusconis Mitte-Rechts-Bündnis haben klare Mehrheiten zum Regieren. Damit steht Italien vor dem Stillstand. Wie wahrscheinlich sind Neuwahlen?

Eine Porträtaufnahme von Del Re

Der italienische Journalist Giovanni Del Re

Sie wurden angesprochen, aber dann sind viele Politiker darauf gekommen, dass dies wahrscheinlich eher dem Ex-Komiker Beppe Grillo helfen würde. Keiner hat Interesse daran, dass Grillo von 26 auf 30 Prozent der Wählwestimmen kommt. Das Problem dabei ist, dass eine Koalitionsbildung extrem schwierig sein wird. Es wird auch von einer großen Koalition gesprochen zwischen der Berlusconi-Partei und der Linken. Aber es ist kaum abzusehen, dass so eine Koalition sehr lange bestehen bleiben würde.

Die Europäische Union hatte auf einen klaren Sieg Bersanis oder Montis gehofft, damit die Reformen fortgesetzt werden. Das Ergebnis ist ein Schock für Brüssel. Inwieweit droht durch die unklaren Verhältnisse in Italien wieder eine Verschärfung der europäischen Krise?

Die Gefahr ist sicher da. Man darf nicht vergessen, dass Italien immer noch eine extrem hohe Verschuldung hat und an den Märkten die Refinanzierung anvisiert ist. Wenn die Märkte das Vertrauen verlieren, ist diese Refinanzierung aber sehr schwierig für Italien. Das würde heißen, dass Italien die Hilfe der Europäischen Union und des Rettungsschirms braucht. Bei einem so großen Land und einer so hohen Verschuldung wäre das problematisch.

Wie erklären Sie sich das überraschend gute Abschneiden des Ex-Komikers Beppe Grillo und Silvio Berlusconis?

Eines muss man Berlusconi lassen: Er ist ein sehr guter Kommunikator, ein Genie der Werbung. Er kann sehr klare, einfache und verlockende Botschaften vermitteln. Vor allem haben die Wähler in Italien leider ein sehr kurzes Gedächtnis. Sie haben schon vergessen, dass er eigentlich für die verfahrene Situation verantwortlich ist, die vor anderthalb Jahren zur Technokratenregierung von Monti geführt hat. Was Grillo angeht: Es ist klar, dass viele Italiener über die Politik und die Skandale, die alle Parteien betreffen, verärgert sind. Diese Wähler hätten gerne etwas ganz Neues, sozusagen ein unbeschriebenes Blatt - und so konnte sich Grillo profilieren.

Der Verlierer der Wahl ist Mario Monti, der Chef der bisherigen Technokratenregierung. Ist Monti von den Wählern für seine Reform- und Sparbemühungen abgestraft worden oder war er schlichtweg zu blass im Wahlkampf?

Beides. Monti hat etwas zu stark auf Steuererhöhungen gesetzt. Das war extrem hart für die Italiener, vor allem für die Geringverdiener. Sie haben das nicht ganz akzeptiert. Aber es ist sicher so, dass er den Wahlkampf sehr schlecht bewältigt hat. Auch diese ganz rasche Änderung seines Auftretens, seines Stils von einem ganz zurückhaltenden Professor zu einem Wahlkämpfer, der die anderen auch zum Teil beschimpft, ist bei den Italienern nicht gut angekommen.

Herr del Re, wenn Sie als Korrespondent in Brüssel Ihre Kollegen aus aller Welt treffen: Was sagen Sie ihnen zu der Entwicklung in Ihrer Heimat?

Das ist eine extrem schwierige Antwort, weil ich selbst verblüfft bin. So ein Ergebnis in dem Ausmaß hatte ich nicht erwartet. Das Einzige, was ich sagen kann, ist, dass ich sehr besorgt bin. Ich sehe im Moment keine Lösung und keinen Weg aus dieser kritischen Lage. Man kann nur hoffen, dass die großen Parteien sich der Verantwortung stellen und verstehen, dass Italien auf dem Spiel steht. Aber das ist nur eine Hoffnung.

Giovanni del Re ist Korrespondent der italienischen Zeitung Avvenire. Von Brüssel aus bearbeitet er Themen rund um die Europäische Union.

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