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Kultur

Degot: "Russische Künstler brauchen Hilfe"

Die russische Kunsthistorikerin Ekaterina Degot setzt sich kritisch mit den aktuellen Ereignissen in ihrem Land auseinander. Die nationale Kultur werde zunehmend patriotisch und anti-westlich, sagt sie im DW-Interview.

DW: Wie schätzen Sie die aktuelle Situation für Kulturschaffende in Russland ein?

Ekaterina Degot: Die Situation verändert sich buchstäblich jede Minute. Ich hätte Ihnen vor einem Monat, ja noch vor einer Woche etwas anderes gesagt, als das, was ich Ihnen jetzt sage: Wir nähern uns rasant der Situation an, in der Kulturschaffende in Russland Hilfe brauchen. Unabhängig denkende Menschen müssen dringend unterstützt werden. Das, was wir jetzt erleben, ist mit der Iranischen Revolution zu vergleichen. Es passiert eine katastrophale Fundamentalisierung und Klerikalisierung des Wissens, allgemein und natürlich auch in der Kultur.

Ihr Kollege Grigori Revzin ist jüngst vom Posten des Kommissars des russischen Pavillons bei der Biennale in Venedig entlassen worden. Er ist als kritisch denkender Publizist bekannt - ist das ein Zeichen?

Das ist natürlich ein Zeichen. Wir haben gedacht, die Welt der zeitgenössischen Kunst wäre für die Staatsideologen nicht interessant, da sie zu elitär und mit zu wenig Geld ausgestattet ist. Wir waren uns eigentlich sicher, dass die Zeiten vorbei sind, in denen sich der KGB [Annm. d. Redaktion: sowjetischer Geheimdienst während des Kalten Kriegs] noch für kleine Ausstellungen im Untergrund interessierte. Ich selbst habe darüber geschrieben, aber ich habe mich geirrt. Die ideologische Zensur ist schon da, die Kündigung Revzins ist der Beweis dafür.

Grigori Revzin spricht von einer "Säuberungsaktion" in der Kultur. Pflichten Sie ihm bei?

Ich glaube, die Kulturinstitutionen werden sich in Richtung Patriotismus bewegen. Patriotismus wird in Russland als antiwestliche Haltung verstanden. Eine interessante Beobachtung in diesem Zusammenhang ist die Bedeutung der russischen Avantgarde, etwa von Kasimir Malewitsch. Seine Kunst wird als patriotisch und antiwestlich gedeutet. In den Museen wird es heißen: "Da wir sowieso nichts anderes machen können, lasst uns doch Malewitsch ausstellen."

Ab Juni soll in Petersburg die internationale Ausstellung "Manifesta" stattfinden, kuratiert von Kasper König. Einige Künstler rufen zum Boykott der Ausstellung im "Putin-Staat" auf. Was halten Sie davon?

Ein Boykott hat nur dann Sinn, wenn er etwas bewirken kann. Vielleicht hätte ein Boykott der Olympiade in Sotschi etwas bewirken können, da es ein internationales Ereignis von großer Bedeutung war und ein breites öffentliches Interesse hervorrief. Aber so eine "Manifesta" ist ein viel kleineres Ereignis, und Putin und seinen Anhängern ist es egal, ob diese Ausstellung stattfindet oder nicht. Sie freuen sich wahrscheinlich, wenn sie nicht stattfinden würde. Aber ich bin der festen Überzeugung, die Künstler müssen unbedingt zur "Manifesta" kommen und dort ihre Werke vorstellen. Denn Kunst ist per se kritisch in ihrer Substanz.

Russland verkommt zur Zeit zu einem U-Boot, das nur einzelne Signale nach draußen senden kann. Die "Manifesta" ist eine Möglichkeit, so ein Signal zu senden. Sehr bald gibt es vielleicht gar keine Möglichkeiten dieser Art mehr.

Über 500 Kulturschaffende haben den offenen Brief zur Unterstützung der Politik Putins unterschrieben - darunter auch durchaus prominente Künstler.

Ja, ein Teil der Kulturschaffenden teilt seine Kritik am Westen - auch ich. So bin ich durchaus mit Wladimir Putin einverstanden, wenn dieser sagt: "Der Westen hat Russland nicht als ebenbürtigen Partner angenommen", "Der Westen hat Russland nicht gehört". Putin aber gibt falsche Antworten auf richtige Fragen. Zu meinem Erstaunen halten aber auch viele meiner westlichen Freunde Putin für "den Einzigen, der dem amerikanischen Imperialismus Paroli bieten" kann. Den Menschen hier im Westen möchte ich sagen: Das, was in Russland gerade passiert, ist ein faschistischer, klerikal-fundmentalistischer Umsturz auf allen Ebenen!

Ekaterina Degot ist seit März 2014 künstlerische

Leiterin der Akademie der Künste der Welt in Köln.

Sie setzt sich mit den Entwicklungen in Russland als Kunsthistorikerin kritisch auseinander. Zensur und Selbstzensur in der Kunst, sowie die Bedingungen intellektuellen und künstlerischen Schaffens gehören zu ihren Themen.

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