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Politik

"Definitiv ist noch niemand dabei"

Die Nabucco-Pipleine soll Gas aus Zentralasien und dem Mittleren Osten nach Europa liefern. Das Projekt gedeiht, aber es sind noch nicht alle Hürden genommen, sagt Nabucco-Chef Reinhard Mitschek.

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DW-World.de : Herr Mitschek, was ist in der Türkei eigentlich genau unterschrieben worden?

Reinhard Mitschek: Es handelt sich um ein zwischenstaatliches Abkommen zwischen der Türkei, Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Österreich. Das Abkommen regelt mehr oder weniger den rechtlichen Rahmen, unter dem die Investition durchgeführt werden soll. Man muss sich vorstellen, dass wir innerhalb der Mitgliedstaaten der Europäischen Union ja etwas andere rechtliche Rahmen haben als in der Türkei. Diese sind zu synchronisieren, was durch das zwischenstaatliche Abkommen passiert ist. Das steigert die Finanzierbarkeit des gesamten Projekts und unterstreicht die Zuverlässigkeit und die Vorhersehbarkeit der rechtlichen Unterstützung durch die beteiligten Staaten. In Folge dessen erhöht sich auch die Zuversicht der Produzenten und Gaslieferanten in Zentralasien und im Mittleren Osten.

Es ist also noch nicht der Startschuss für die konkreten Vorbereitungen zum Bau, sondern die juristische Grundlage für das Nabucco-Projekt?

Es ist die juristische Grundlage, es ist ein Staatsvertrag. Der Startschuss für die Planung wurde ja bereits vor zwei Jahren gegeben, als die Machbarkeitsstudie positiv beschlossen wurde. Die finale Investitionsentscheidung wird im Jahre 2010 getroffen, nachdem die Transport- und Lieferverträge in einem bestimmten, noch zu definierendem Ausmaß unterschrieben worden sind. Das heißt, erst wenn Transport- und Lieferverträge unterzeichnet werden, fällt der Startschuss für die tatsächliche Investition. Das ist dann der "point of no return".

Die Kritiker des Projektes sagen, es ist ein politisches und kein wirtschaftliches Projekt. Die Türkei hat das Interesse, an die EU angebunden zu werden. Die EU will unabhängiger vom russischen Gas sein. Ist es nach Ihrer Auffassung eher ein politisches oder doch ein wirtschaftliches Projekt?

Also, die Investoren OMV (Österreich), RWE (Deutschland), MOL (Ungarn) und alle anderen Firmen sind Wirtschaftsunternehmen. Sie sind daran interessiert, Gewinn bringend zu investieren und Energie Gewinn bringend nach Europa zu liefern, und das natürlich auch zum Wohle der Konsumenten. Damit ist es aus unserer Sicht ganz klar ein wirtschaftlich motiviertes Projekt.

Andererseits bekommt Nabucco Gelder von der EU und wird somit, de facto, subventioniert.

Es ist so wie bei vielen anderen Energie- beziehungsweise Infrastrukturprojekten in Europa: sie werden mit Fördermitteln unterstützt, und das ganz speziell in der Startphase. Zwischen dem hier und jetzt und der finalen Investitionsentscheidung ist es sehr wichtig, dass es diese öffentliche Unterstützung gibt. Denn das ist die Phase, in der zwar schon finanzielle Mittel gebunden werden, aber die Investitionsentscheidung noch nicht hundertprozentig getroffen wird. Und da ist eine solche Unterstützung höchst willkommen. Wir sehen auch bei anderen Infrastrukturprojekten, dass Fördermittel eingesetzt werden, letztlich nicht nur um unser Projekt zu realisieren, sondern auch, um die Wirtschaft vor Ort anzukurbeln.

Der Knackpunkt des Projekts ist doch die Frage, woher das Gas kommen soll. In der ersten Phase, soweit ich es verstanden habe, soll es aus Aserbaidschan kommen. Die anderen kaspischen Anrainer haben sich noch nicht entschieden. Aserbaidschan hat jetzt aber größere Mengen Gas an Russland vor-verkauft. Wie werden Sie also die Pipeline füllen?

Mit der Nabucco-Gaspipeline binden wir Zentralasien und den Mittleren Osten an Europa an. Die Regionen sind die gasreichsten Regionen der Welt. Natürlich ist Russland der größte Einzelproduzent der Welt und der größte Exporteur. Aber wenn wir Regionen vergleichen, dann gehören Zentralasien und der Mittlere Osten zu den bedeutendsten Gasregionen der Welt. Und deshalb besteht für mich kein Zweifel, dass wir ohne Probleme die Nabucco füllen können.

Grafik der geplanten Nabucco Gas-Pipeline

Wie viel von dem Gas, das am Anfang in die Nabucco-Pipeline reingeht, wird die Türkei abzweigen? Das war ja bis zum letzten Augenblick ein Streitpunkt.

Zu Beginn werden in etwa acht bis zehn Milliarden Kubikmeter in Nabucco fließen. Die Gasmengen werden von türkischen und europäischen Wirtschaftsunternehmen gekauft. Diese Konzerne werden der Nabucco-Gaspipeline international mitteilen, welche Entnahmepunkte sie in der Türkei oder in Europa wählen. Das ist somit eine Angelegenheit, die unsere Transportkunden entscheiden werden.

Haben Sie keine Sorgen, dass Sie entlang der Pipeline weniger absetzen werden als geplant?

Diese Sorgen machen wir uns nicht. Wir haben sorgfältige Analysen mit mehreren Marktszenarien gemacht. Wir werden das erste Gas im Jahr 2014 über die Nabucco-Gaspipeline nach Europa und in die Türkei bringen. Im Juli letzten Jahres haben wir eine Marktbefragung durchgeführt. Diese hat gezeigt, dass zu Beginn bereits 15-20 Milliarden Kubikmeter Transportkapazitäten nachgefragt werden. Das geht bis auf Spitzenwerte von 65 Milliarden hoch und zeigt ganz klar, dass der Markt und die Marktteilnehmer auf diese Pipeline warten.

Sie sprechen jetzt von bis zu 65 Milliarden Kubikmeter, haben aber vorher gesagt, dass am Anfang zwischen 8 und 10 Milliarden in die Pipeline einfließen werden. Woher wird dieses Gas kommen? Aus welchen konkreten Ländern?

Das Gas wird aus Aserbaidschan, Irak und Turkmenistan kommen. Wir werden dann sehen, aus welchen Ländern mittel- bis langfristig noch mehr Gas kommen wird. Wir gehen davon aus, dass sich noch sehr viele Produzenten in der Region melden werden, wenn die finale Investitionsentscheidung erst einmal getroffen worden ist. Europa ist ein attraktiver Markt mit einer guten Währung und einem stabilen Rechtsrahmen. Aus diesem Grund wird jeder Produzent danach trachten, Gas nach Europa zu liefern. Natürlich wird Gas aus dieser Region auch weiterhin nach Russland und nach China exportiert werden. Aber die Produzenten werden mit Sicherheit ihren Fokus erweitern und ihr Gas auch nach Europa liefern.

Ist Turkmenistan als Lieferant definitiv dabei?

Turkmenistan ist vorgesehen. Definitiv ist noch niemand dabei. Aber der turkmenische Präsident hat uns bereits zu verstehen gegeben, dass Europa ein attraktiver Markt für turkmenisches Gas sein wird, sobald die rechtlichen Rahmenbedingungen und der Transportweg gesichert sind.

Herr Mitschek, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Andrey Gurkov.

Redaktion: Sandra Petersmann