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Fokus Osteuropa

Debatte um Sowjet-Gedenken

Was ist ein angemessenes Symbol für das Gedenken an sowjetische Nazi-Opfer? Ein Obelisk auf einem sowjetischen Soldatenfriedhof in Deutschland hat eine heftige Debatte ausgelöst.

Russische Frauen gedenken der Toten in Stukenbrock (Foto: DW)

Russische Frauen gedenken der Toten in Stukenbrock

Tiefe deutsche Provinz, ein sowjetischer Soldatenfriedhof im westfälischen Ort Stukenbrock. Hin und wieder übertönen Gewehrsalven das Frühlingsgezwitscher der Vögel. Nein, mit dem Zweiten Weltkrieg hat das nichts zu tun. Man schreibt das Jahr 2011. Die Geräuschkulisse kommt vom nahe gelegenen Truppenübungsplatz der britischen Armee. Nur das Schießtraining, so scheint es, stört die Ruhe auf dem größten Friedhof für sowjetische Kriegsgefangene in Deutschland. Aber der Schein trügt.

Der eigentliche Aufreger hier ist ein Obelisk zur Erinnerung an die Toten - mit einem orthodoxen Kreuz auf der Spitze. Das sei historisch nicht korrekt, eine rote Flagge gehöre dort hin, fordert der Arbeitskreis "Blumen für Stukenbrock". Welches Symbol ist angemessen für das Gedenken an die sowjetischen Kriegsopfer in Deutschland - das orthodoxe Kreuz oder die rote Sowjetfahne? Diese Frage erhitzt die Gemüter der streitenden Fraktionen.

Überlebende hissen Fahne

Die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen kamen im Juli 1941 nach Stukenbrock, als der Krieg gegen die Sowjetunion gerade einmal einen Monat andauerte. In den nächsten vier Jahren wurden in dem Lager mit der Bezeichnung Stalag 326 über 300.000 sowjetische Gefangene unter unmenschlichen Bedingungen interniert. Die genaue Zahl der Toten kann keiner nennen, aber man geht von mindestens 65.000 aus. Das Lager wurde von den Amerikanern befreit. Am 2. Mai 1945 - kurz vor Deutschlands Kapitulation - weihten die überlebenden Lagerinsassen eine Gedenkstätte für ihre toten Kameraden ein: ein Obelisk mit einer roten sowjetischen Fahne aus Glasplastik oben drauf.

Der Obelisk in Stukenbrock (Foto: DW)

Stein des Anstoßes: Der Obelisk in Stukenbrock

1956 wurde die Flagge bei Renovierungsarbeiten durch ein orthodoxes Kreuz ersetzt. Damit hatte die Sache sein Bewenden für die nächsten fast 50 Jahre. 2004 wandte sich der politisch links orientierte Verein "Blumen für Stukenbrock", der sich gegen das Vergessen der NS-Verbrechen einsetzt, an die rot-grüne Landesregierung in Nordrhein-Westfalen mit der Bitte, dem Obelisk die ursprüngliche Gestalt mit der sowjetischen Fahne wiederzugeben. Das wurde auch genehmigt, aber es geschah zunächst nichts. In diesem Frühjahr sollten nun die Umgestaltungsarbeiten beginnen. Doch dann begann der Aufruhr.

Frage der Interpretation

Einer der größten Gegner der Kreuzdemontage ist erwartungsgemäß die russisch-orthodoxe Kirche. "Wir verstehen diese Forderung überhaupt nicht", staunt der Leiter der ständigen Vertretung der russisch-orthodoxen Kirche in Deutschland, Erzbischof Longin. Er betont, viele Lagerinsassen hätten doch auch "durch diese Flagge" gelitten. Denn sie stehe stellvertretend für den totalitären sowjetischen Staat. "Erstens symbolisiert nicht die rote Fahne, sondern das Kreuz den Sieg. Gemeint wird der Sieg über den Tod", argumentiert der Erzbischof. "Zweitens waren die meisten Kriegsgefangenen, die auf diesem Friedhof begraben liegen, orthodox. Und drittens muss man den Denkmalschutz einhalten."

Elfriede Haug und Jochen Schwabedissen, Aktivisten der Gruppe Blumen für Stukenbrock (Foto: DW)

Elfriede Haug und Jochen Schwabedissen, Aktivisten der Gruppe "Blumen für Stukenbrock"

Diametral gegensätzlich wird die Fahne von Vertretern des Vereins "Blumen für Stukenbrock" interpretiert. Die Fahne des Sieges über den Faschismus sei nun mal rot gewesen, ist Elfriede Haug überzeugt. Ihr Mitstreiter Jochen Schwabedissen ist pensionierter evangelischer Pfarrer. Mit seinem beruflichen Hintergrund kann er die Position des passionierten Fahnenverteidigers vereinbaren. "Das Kreuz ist für mich als Christen ein ganz wichtiges Zeichen der Versöhnung zwischen Gott und den Menschen und den Menschen untereinander. Hier ist es aber nicht aus Glaubensgründen aufgestellt worden, sondern als Dokument des Kalten Krieges. Und das ist für mich ein Dokument des Missbrauchs", erklärt Schwabedissen. Er ist sich sicher, die rote Sowjetfahne sei 1956 nur aus politischen Gründen ersetzt worden. Die Hauptargumente des Vereins sind: Das orthodoxe Kreuz stehe nicht für alle sowjetischen Soldaten, z.B. Muslime oder Atheisten. Außerdem solle man den Willen der Überlebenden respektieren, die für die Gestaltung des Monuments die rote Flagge gewählt hatten.

Wissenschaft will differenzieren

Während beide Seiten auf ihren Argumenten beharren, ruft der Leiter der Stalag-Dokumentationsstätte, Oliver Nickel, zu einer ausgewogenen Betrachtung auf. "Uns war es jahrelang egal, ob da die rote Fahne hängt oder das orthodoxe Kreuz steht. Uns geht es darum, einfach Fakten zu benennen und sie zu diskutieren", sagt der Historiker. Er warnt vor der Generalisierung der Aussagen. Grundsätzlich seien Diskussionen wie die über die Sowjetfahne schwierig, denn sie würden schnell ideologisiert, meint Nickel. "Wenn man pro-rote Fahne ist, wird man schnell in die kommunistische Ecke gestellt. Und wenn man dagegen ist, wird man in eine dunkle, braune Ecke geschickt".

Obelisk noch mit Fahne am 2. Mai 1945 bei der Einweihungsfeier (Archivfoto)

Obelisk noch mit Fahne am 2. Mai 1945 bei der Einweihungsfeier

Sollte es den Deutschen nicht egal sein, was auf dem sowjetischen Soldatenfriedhof steht? Historische Debatten stehen in Deutschland hoch im Kurs. Die Flaggendiskussion ist Teil der eigenen Geschichtsaufarbeitung. Schließlich geht es auch um die Bewertung des totalitären Stalin-Regimes, das maßgeblich zum Sturz der Nazi-Diktatur in Deutschland beigetragen hat. Man munkelt übrigens in Stukenbrock, dass sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel von der Obelisk-Debatte unterrichtet worden sein soll. Wie dem auch sei, erstmal sind die Umgestaltungspläne gestoppt. Man will den Fall genauer diskutieren.

Autorin: Olga Sosnytska

Redaktion: Bernd Johann