Debatte um geplantes Kopftuchverbot | Deutschlehrer-Info | DW | 12.04.2018
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Deutschlehrer-Info

Debatte um geplantes Kopftuchverbot

Die nordrhein-westfälische Landesregierung plant, Ende 2019 ein Kopftuchverbot an Schulen einzuführen. Es soll für Mädchen unter 14 Jahren gelten. Ob das sinnvoll ist, darüber wird derzeit gestritten.

Ab Ende 2019 sollen Mädchen unter 14 Jahren an Schulen im Bundesland Nordrhein-Westfalen kein Kopftuch mehr tragen dürfen. Kinder, die noch nicht religionsmündig seien, dürften nicht dazu gedrängt werden, ein Kopftuch zu tragen, sagte Integrationsminister Joachim Stamp (FDP). „Wir messen dem Thema eine große Wichtigkeit zu“, meinte auch Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU) in einem Zeitungsinterview. Es gehe zunächst darum, eine Regelung für Nordrhein-Westfalen zu schaffen. Wie diese genau aussehe, könne sie derzeit aber nicht sagen. Liberale Muslime in Deutschland begrüßten den nordrhein-westfälischen Vorstoß. Juristen und einige Lehrerverbände äußerten dagegen Zweifel.

Freie Entwicklung des Kindes schützen“

Bei dem geplanten Verbot gehe es weder um Religion noch um Integration, sagte Güler: „Es geht um die freie Entfaltung des Kindes.“ Wenn ein Mädchen so früh ein Kopftuch trage, müsse darüber debattiert werden, „inwieweit wir auch in manchen Fällen sogar die freie Entwicklung des Kindes vor den Eltern schützen müssen“. Nach islamischem Verständnis trage eine Frau ein Kopftuch, um ihre Reize vor Männern zu verhüllen. Wenn Kinder Kopftücher trügen, sexualisiere sie das. Entscheide sich eine junge Frau später für das Kopftuch, sei das aber ihr gutes Recht.

Die Integrationsstaatssekretärin wies Vergleiche zwischen dem Tragen eines Kopftuchs bei muslimischen Mädchen und dem Tragen von Kreuzketten bei Christinnen zurück. „Im Gegensatz zu der Kette mit Kreuz ist es für die muslimischen Mädchen nicht so einfach, das Kopftuch wieder abzulegen.“ Die Diskussion drehe sich auch nicht um die Religion, ergänzte Güler: „Denn der Islam sieht das Kopftuch für junge Mädchen vor der Pubertät ja selbst gar nicht vor.“

Unterstützung und Kritik

Ähnlich äußerte sich der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide. Kaum ein muslimisches Mädchen unter 14 Jahren trage aus eigener Motivation ein Kopftuch, sagte der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster. „In den meisten Fällen beeinflusst der Vater das Mädchen subtil dazu, Kopftuch zu tragen.“ Ein gesetzliches Verbot könne eine große Hilfe für die Mädchen sein, die sich nur schwer gegen ihre Väter durchsetzen könnten.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, sieht ein Kopftuchverbot an Schulen dagegen kritisch. „Wer das muslimische Kopftuch an Schulen verbieten will, der löst damit keine Integrationsprobleme, sondern trägt dazu bei, dass sich Schülerinnen ausgegrenzt und diskriminiert fühlen“, warnte Lüders. Schon jetzt seien muslimische Frauen und Mädchen mit Kopftuch in besonderem Maße von Diskriminierung und Ausgrenzung in Beruf und Alltag betroffen. Wichtiger sei es deshalb, Schülerinnen und Schülern die Bedeutung von Selbstbestimmung zu vermitteln.

Auch Lehrerverbände nicht einig

Uneinheitlich reagierten auch die Lehrerverbände auf den Vorstoß aus NRW. Während ihn der Deutsche Lehrerverband begrüßte, lehnten der Grundschulverband und die Gesamtschulleiter ein mögliches Verbot ab. Der Grundschulverband sieht keinen Handlungsbedarf und verwies auf die geringe Verbreitung des Kopftuchs unter Mädchen an Grundschulen. Und auch für Mario Vallana, Landessprecher der Schulleitungsvereinigung der Gesamtschulen, handelt es sich um kein relevantes Phänomen. „Grundsätzlich halten wir nicht viel von pauschalen Verboten“, sagte Vallana. Ziel der Gesamtschulen sei es, möglichst viele Kinder zu integrieren. „Ein Verbot dürfte da mehr Probleme provozieren als lösen.“

Fraglich ist auch, ob ein mögliches Verbot aus juristischer Sicht Bestand haben würde. Von Juristen wird immer wieder eingewendet, dass ein Kopftuchverbot der Religionsfreiheit und somit dem Grundgesetz widerspreche.

mk/ip (AFP/epd/KNA)

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