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Kultur

Debatte mit Nebenwirkungen

Die Diskussion um das israelkritische Gedicht von Günter Grass geht weiter. Langsam ist ein Punkt erreicht, bei dem man einen Schlussstrich ziehen sollte, meint Cornelia Rabitz.

Günter Grass schreibt ein Gedicht. Ein ziemlich holzschnittartiges, wenig elegantes und schon gar kein poetisches Werk. Er kritisiert die Atommacht Israel, warnt vor einem atomaren Erstschlag des Landes gegen den Iran, spricht von verbreiteter Heuchelei, von Verschweigen des brisanten Themas und wendet sich gegen deutsche Waffenlieferungen an Israel. Das Ganze lässt er in einer Zeitung veröffentlichen und löst eine tagelange heftige Diskussion aus. Der Autor verteidigt sich, übt mit dem anrüchigen Wort von der "Gleichschaltung" Medienschelte und bereut im Übrigen nichts. Jetzt ist er eine unerwünschte Person in Israel. Und in Deutschland Zielscheibe der Kritik. Doch nun, da die Fieberkurve der öffentlichen Erregung etwas abgeflaut ist, bietet sich die Gelegenheit zu einer Zwischenbilanz. Sie fällt zwiespältig aus.

Ein Literatur-Nobelpreisträger hat vom Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht – und sich dabei selbst demontiert. Die deutsche Öffentlichkeit hat vom Recht auf publizistische Empörung Gebrauch gemacht – und ist dabei in altbekannte Rituale verfallen. Der Staat Israel hat vom Recht auf Gegenwehr Gebrauch gemacht – und ist seinerseits zum Gegenstand der Debatte geworden. Es sind also Effekte eingetreten, die niemand so wollte.

Warum, so fragt man sich, begibt sich ein Schriftsteller auf so unsicheres Terrain? Warum schreibt ein Literatur-Nobelpreisträger, ein hoch geschätzter Romanautor, Künstler und, ja, auch ein politischer denkender Kopf und gelegentlich unbequemer Zeitgenosse etwas Derartiges? Wozu die Unkenrufe? Die Provokation? Die zu nichts weiter führt, als zur Verstimmung und zum rituellen Wiederholen allseits bekannter und immer wieder vorgebrachter Argumente? Ein weites Feld, möchte man angesichts dieser lyrischen Kopfgeburt sagen… Soviel ist klar: Es brauchte seine Aufforderung nicht! Das Thema war und ist in der Debatte. Der 84jährige Grass aber hat sich als ein besserwisserischer Zeitgenosse gezeigt, pathetisch, belehrend, ohne die souveräne Weisheit des Alters, er hat sich in einen Konflikt eingemischt, polarisiert -  jetzt wird er durch das Einreiseverbot auch noch zum Märtyrer stilisiert.

Eines aber ist der vielfach preisgekrönte Autor sicher nicht: Ein verkappter SS-Mann, der schon in seiner Jugend Mitglied einer verbrecherischen Organisation wurde, dies lange verheimlicht, dann offenbart, aber nie bereut hat. Ein ungerechter und blindwütiger Vorwurf. Auch der Vorhalt, Grass habe sich mit seinem Pamphlet als Antisemit geoutet gehört zwar in den Instrumentenkasten dieser emotionalisierten Debatte, entbehrt aber jeder Grundlage.

Israel wiederum hat harsch und unsouverän reagiert. Anstatt das Streitgespräch mit dem Inkriminierten zu suchen, hat es ihn ausgeladen. Auch das ist absurd. Grass hatte gar nicht die Absicht, das Land zu besuchen. Persona non grata – basta. Was nun sogar jene, die grundsätzlich mit dem jüdischen Staat solidarisch sind, verstört hat. Die Kritik am israelischen Einreiseverbot für einen Schriftsteller, der gar nicht einreisen wollte - sie lenkt jetzt vom eigentlichen Thema ab. Und das ist die konfliktträchtige Lage zwischen Israel und Iran. Teheran wiederum hat Grass in höchsten Tönen gelobt. Auch das zählt zu den unerwünschten Nebenwirkungen.

Meinungsfreiheit – ja bitte! Auch Schriftsteller dürfen sich zu Problemen der Zeit äußern, ja, sie sollen es sogar. Sie sollten – mein Gott, Grass! – aber abwägen, wann und wie.  Deshalb - Ende der Debatte und Delegation des Themas dorthin, wo es hingehört: in die internationale Politik.

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